Krankenhaus-Barometer: Kliniken im Sturmtief

26. November 2013
Teilen

Eine Studie des Deutschen Krankenhausinstituts sorgt für Aufmerksamkeit: In unseren Kliniken fehlen Fachkräfte, und so manches Haus ist finanziell in schweren Nöten. Von einer neuen Bundesregierung erhoffen sich Kollegen jetzt tiefgreifende Reformen.

Seit 2010 untersucht das Deutsche Krankenhausinstitut, wie es um Kliniken hier zu Lande bestellt ist: unter personellen, strategischen und wirtschaftlichen Aspekten. In die aktuelle Ausgabe des „Krankenhaus-Barometers“ flossen repräsentative Daten von 290 Allgemeinkrankenhäusern ab 50 Betten. Kleinere Häuser haben Forscher aufgrund besonderer Schwerpunkte oder Strukturen nicht mit einbezogen. Einige Highlights aus der Studie:

Nichtärztliche Fachkräfte dringend gesucht

Deutschlandweit haben 34 Prozent aller Häuser Probleme, offene Stellen im Pflegedienst für die Normalpflege zu besetzen (2011: 37 Prozent). Davon sind kleine Krankenhäuser unter 300 Betten besonders stark betroffen – 40 Prozent fanden kein Personal für vakante Stellen. Bei der Intensivpflege suchen 40 Prozent aller Einrichtungen händeringend nach Fachkräften. (2011: 33 Prozent). Mit steigender Größe verschlimmern sich entsprechende Engpässe weiter. Bei Großkrankenhäusern ab 600 Betten finden 65 Prozent keine neuen Mitarbeiter. Besser sieht die Entwicklung beim nichtärztlichen Personal im OP-Bereich aus: Hier sind lediglich 29 Prozent der Jobs nicht besetzt – immerhin ein Rückgang um neun Prozent gemessen an Zahlen aus 2011. Besonders extrem ist auch hier die Lage großer Kliniken.

Ärzte: leichte Entspannung, viele Vakanzen

Beim ärztlichen Dienst entspannt sich die Lage leicht. Laut „Krankenhaus-Barometer“ haben 58 Prozent der befragten Einrichtungen Schwierigkeiten, vakante Stellen zu besetzen – verglichen mit 80 Prozent (2009) und 74 Prozent (2011). Das entspricht umgerechnet 2.000 Vollkraftstellen (2011: 3.800) – immerhin eine positive Tendenz. Großkrankenhäuser scheinen besonders attraktiv zu sein, lediglich 48 Prozent fanden keine Ärzte. Um Defizite auszugleichen, setzten zwei von drei Krankenhäusern im letzten Jahr Honorar- und Vertragsärzte ein – in 2010 waren es noch 71 Prozent. Gemäß Zulassungsverordnung können auch niedergelassene Kollegen im Krankenhaus arbeiten. Von dieser Möglichkeit machten 28 Prozent der Häuser Gebrauch, ohne zahlenmäßig große Veränderungen.

Teilbereiche wurden ausgegliedert

Neben der Personalentwicklung zeigt sich im „Krankenhaus-Barometer“ eine weitere Tendenz: Jede zweite Klinik hat seit 2008 Teilbereiche oder Leistungen outgesourct, vor allem kleinere beziehungsweise mittelgroße Einrichtungen. Besonders häufig wurden Wäschereien (80 Prozent), Reinigungsdienste (66 Prozent) und Küchen (41 Prozent) genannt. Jede vierte Klinik hat Hol- und Bringdienste sowie die Bettenaufbereitung nach außen vergeben. Aus dem medizinisch-technischen Bereich werden häufig Apotheken (53 Prozent), Labors (39 Prozent) und radiologische Einrichtungen (21 Prozent) ausgegliedert. Der Trend setzt sich ungebrochen fort, während lediglich zehn Prozent aller Befragten zuvor outgesourcte Leistungen wieder in ihre Einrichtung zurückgeholt haben. Autoren des Krankenhaus-Barometers sehen im Outsourcing gleich mehrere Vorteile: geringere Personal- und Sachkosten, mehr Qualität und eine höhere Flexibilität. Wer sich später für ein Insourcing entschied, hat meist schlechte Erfahrungen hinsichtlich der Qualität gemacht. Und nicht immer kam es zu den erhofften Einsparungen.

Wirtschaftlich dramatisch verschlechtert

Wirtschaftliche Aspekte sind eben nicht zu unterschätzen, das zeigen aktuelle Daten. Jede zweite Klinik schrieb in 2012 rote Zahlen, ein Jahr zuvor waren es nur 31 Prozent. Positive Ergebnisse erzielten nur noch 43 Prozent (2011: 55 Prozent). Weitere sieben Prozent (2011: 14 Prozent) berichteten von ausgeglichenen Bilanzen. Doch selbst hinter schwarzen Zahlen verstecken sich nicht selten ernste Sorgen. 57 Prozent der Befragten gaben zu Protokoll, ihr Jahresergebnis habe sich verringert. Und bis Ende des Jahres erwarten 39 Prozent, dass sich die prekäre Lage weiter zuspitzt. Vergleichsweise gut schnitten mittelgroße Häuser ab: Sie hatten häufig (55 Prozent) einen Jahresüberschuss. Alles in allem sehen die Autoren hier eine „dramatische Verschlechterung“.

„Schwerer Systemfehler“

„Wenn mehr als die Hälfte der Kliniken rote Zahlen schreibt, dann liegt ein schwerer Systemfehler vor“, kommentiert Alfred Dänzer, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), den Bericht. „Wir erwarten von den Koalitionsverhandlern, dass sie grundlegend verbesserte Rahmenbedingungen für die Krankenhäuser zum Thema machen.“ Er kritisiert, der geplante 500-Millionen-Euro-Fonds zur Umwidmung von Kliniken in Pflegeheime und medizinische Versorgungszentren sei „nicht zielführend“. Bis 2014 wollen Union und SPD eine umfassende Krankenhausreform auf den Weg bringen und auch berücksichtigen, dass sich die ambulante Notfallversorgung außerhalb gängiger Sprechzeiten immer stärker auf Kliniken konzentriert. „Wir streben dabei eine regelhafte Kooperation der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Krankenhäuser zur Sicherstellung der ambulanten Notfallversorgung an“, heißt es im Abschlussbericht der Arbeitsgruppe Gesundheit. Alle Maßnahmen stehen wie so oft unter Finanzierungsvorbehalt.

78 Wertungen (4.15 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

9 Kommentare:

Dr. med Herbert Hagen
Dr. med Herbert Hagen

Sehr geehrter Herr Graf,
nach 10 Jahren Krankenhausambulanz, 15 Jahren Notarztdienst und 10 Jahren KV- Dienst kenne ich die Situation recht gut. In allen 3 Bereichen ist das Hauptärgerniss die ungerechtfertigte Inanspruchnahme, zum Teil gefördert durch wirtschaftliche Erwägungen der Leistungserbringer. Im KV- Dienst durch Kollegen die wegen jeder Bagatelle einen Hausbesuch fahren um ihr Salär aufzubessern, im Notarztdienst die Umwidmung zur Gerontopsychiatrie, in den Krankenhausambulanzen die Krankenhausträger die mit Notfallambulanz und MVZ eine Drehtür schaffen wollen um die defizitären Stationen auszulasten und Gelder aus dem ambulanten Bereich zu generieren.
Der C2- Intoxierte gehört nach Prüfung der Vitalparameter in die Ausnüchterungszelle der Polizei und nicht auf die Station. Eine heilsame Erfahrung für manchen Komasäufer am nächsten Tag von der Polizei nach Hause gebracht zu werden. Da hat der medizinische Dienst ausnahmsweise mal Recht. Die Bezahlung in allen 3 Bereichen der Notfallversorgung ist ein schlechter Witz. Dafür kann man keine Hochleistungsmedizin erwarten, sondern allenfalls eine minimale Notfallversorgung. Halten wir uns also dran.

#9 |
  0
Gesundheits- und Krankenpfleger

Die Behauptung,Krankenhäuser würden in ihren Notfallambulanzen lukrative Patienten abschöpfen finde ich mehr als dreist.Bei der Prüfwut niedersächsicher Krankenkassen werden o.g. Patienten ganz schnell zur Fehlbelegung und höchstens ambulant/vorstationär abgerechnet.Bei dem Finanzstau in Niedersachsen und unserem tollen DRG-System liegen die Gründe für die zum Teil desolate finanzielle Situation von Krankenhäusern.Herr Dr.Hagen:ich lade Sie gerne ein sich an den 499€ für einen agressiven,spuckenden C2-Intoxikierten.der nach 6 Stunden wieder geht,zu beteiligen.In 2014 sind Voraussetzungen erneut angezogen worden,sodaß man sich Maßnahmen wie PKMS z.Bsp gleich abschminken kann.

#8 |
  0
Diplom-Mediziner Ingo Stapel
Diplom-Mediziner Ingo Stapel

no comment

#7 |
  0
Rettungsassistent

Solange nur “grob geschätzt 3 Minuten” in Krankenhäusern für Gespräche mit Patienten zur Verfügung stehen, wird es einem immer wie in einer Fabrik vorkommen.
Solange es schlichtweg unmöglich ist, sich mit dem gebotenen Zeitaufwand um Patienten zu kümmern, was bedeutet, auch einmal ein offenes Ohr zu haben, werden Krankenhäuser unpersönlich sein.
Solange zum Kassenärztlichen Notdienst keine weitere Qualifikation nötig ist, werden niedergelassene “was auch immer” großzügig einweisen, weil der jetzt zu behandelnde Patient zufällig nicht der eigenen Fachrichtung entspricht.
Solange in der Dienstplangestaltung keine Rücksicht auf Familie genommen wird, werden viele Fachkräfte sich für Ihre Familie entscheiden.
Solange ein Krankenhaus realen Verlust mit multimorbiden alten Menschen OSH # macht, wird man im Rettungsdienst mit diesen Patienten nach einem Bett suchen müssen.

#6 |
  0
Horst Noll
Horst Noll

Warum kommen immer ambulante Patienten in die Notfallambulanzen der Krankenhäuser?

In der Notdienstzentrale vor dem Krankenhaus sitzen oft Kollegen, die scheinbar noch nie einen kranken Patienten gesehen haben.
Karte durchgezogen und ab ins Krankenhaus. meistens mit einer wertlosen Überweisung, da die Krankenhäuser ja nicht an der ambulanten Versorgung teilnehmen.

Viele Patienten sind so abgeschrenkt von den kassenärztlichen Notdiensten, daß sie diese einfach ignorieren.

Die Praxen sind häufig geshclossen, keine ambulanter Dienstleister ist erreichbar, vor allem an Brückentagen oder zwischen Feiertagen. Was macht man als Patient? Man geht ins Krankenhaus, da ist rund um die Uhr jemand erreichbar.

Wie bereits bemerkt wurde sind dringend durchgreifende Reformen notwendig. Bisher wurden keine Gesundheitsreformen durchgeführt, auch wenn diese Aktionen so bezeichnet wurden.

#5 |
  0
Dirk Reske
Dirk Reske

Man kann dem Kommentar von Dr. Hagen kaum noch etwas hinzufügen, außer dem Vermerk das viele dieser Probleme seit Jahren bekannt und dennoch missachtet wurden. Die Fachpflegeausbildung Intensiv/ Anästhesie liegt ebenso wie alle anderen zusätzliche Fachausbildungen in der Pflege am Boden. Solange diese Kräfte so bezahlt werden wie der aktuelle Stand ist, darf man sich nicht wundern, das man keine motivierten Nachrücker mehr bekommt. Hinzu kommt das die ambulante Versorgung kaum, oder nur mit bürokratischen Hindernissen- die kommen übrigens vielfach von den Krankenkassen, in Anspruch genommen werden kann. Unser aufgeblähtes Bürokratisches System muss, will man denn die Kosten in den Griff bekommen, auch endlich die Verantwortung in die Hände derer geben, die in der Notfallversorgung entscheiden, ohne dass gleich Haftungskonsequenzen drohen. Wie jedes Jahr werden wir auch dieses mal wieder die Weihnachtseinweisungen und die Familie ist im Skiurlaub ohne weitere Konsequenzen erleben. Hier wird nicht das Geld der Leistung folgen sondern wieder mal alles mit dem Mäntelchen der Nächstenliebe bedeckt. Frohes Fest.

#4 |
  0
Dr. med Herbert Hagen
Dr. med Herbert Hagen

Das gesamte Gesundheitswesen ist seit Jahren chronisch unterfinanziert, nicht nur die Krankenhäuser. Liegezeiten werden drastisch verkürzt, stationäre Leistungen in den ambulanten Sektor verlagert um Kosten auszulagern und das bei gedeckelten Budgets im niedergelassenen Bereich. Viele Kliniken konzentrieren sich auf lukrative Patienten, versuchen sich auf dem Rücken der Vertragsärzte finanziell zu sanieren und machen ihnen dann mit Steuergeldern subventioniert halblegale Konkurrenz in lukrativen Bereichen. Die ganze Krankenhausorganisation ist marode und muss dringend reformiert werden. Nicht mit mehr Geld, sondern mit massivem Stellen- Betten- und Leistungsabbau im ineffektiven stationären Bereich, überall dort wo ambulante Leistungen in vergleichbarer oder besserer Qualität möglich sind. Kein Land der Welt leistet sich so einen Moloch an Krankenhäusern, der geradezu unnötige Leistungsangebote provoziert. Gerade die sogenannte Notfallversorgung ist ein ewiges Streitthema. Hier werden Bagatellfälle des Abends und am Wochenende zu medizinischen Notfällen gemacht um die Patienten wirtschaftlich abzuschöpfen. Massenhafter Missbrauch durch Patienten der Notdienste ist die Folge. Kein Land der Welt bietet eine solche doppelte Versorgungsstrukur an. Es gibt den kassenärztlichen Notdienst und noch Notfallambulanzen in den Krankenhäusern in die sich die Patienten ohne vorherige ärztliche Konsultation selbst einweisen können. Hirnverbrannt und völlig unnötig. Die Kollegen im Krankenhaus haben Dienst für ihre stationären Patienten und sollen ggf. ihre Ruhezeiten einhalten um diese adäquat versorgen zu können. Schließt die Krankenhausambulanzen. Lasst 50 % der stationären Leistungen von niedergelassenen Kollegen als Belegarzt- oder Honorararztleistungen bringen und leitet die freiwerdenden Gelder auch dahin um und unser Gesundheitswesen ist saniert. Weg mit dem Wasserkopf an bizarren Verwaltungs- und Chefarztstrukturen. Keine duale Finanzierung der Krankenhäuser mehr. Nur noch Finanzierung durch erbrachte Leistungen. Staatliche Subventionen nur noch für Lehrkrankenhäuser.

#3 |
  0
Max J. Klinger
Max J. Klinger

Sehr geehrter Herr van den Heuvel,
senden Sie mir bitte Ihre email-Adresse.
Ich habe weiterführende Informationen für Sie.
Beste Grüße
MJ Klinger

#2 |
  0
Nina Miskiewicz
Nina Miskiewicz

In vielen Kliniken fühlt man sich wie in einer Fabrik Hauptsache die Zahlen stimmen wo ist die Menschlichkeit die zeit für ein Wort mit dem Patienten das Gespräch IST formal mehr wert als Medizin

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: