Böses Überraschungsei

27. November 2006
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Sage einer, die deutsche Rechtsprechung sei langweilig. Einigermaßen überraschend hat das Oberverwaltungsgericht Münster der Drogerie-Kette dm jetzt doch noch erlaubt, in Kooperation mit einem holländischen Internetversender Rezepte entgegenzunehmen und Arzneimittel auszugeben. DocCheck sprach mit dm-Geschäftsführerin Petra Schäfer über die weiteren Pläne.

DocCheck: Sie haben jetzt einen über zweijährigen Rechtstreit mit der organisierten Apothekerschaft hinter sich. Wie fühlt sich jemand, der aus einer solchen Auseinandersetzung als Sieger hervorgeht?

Petra Schäfer: Wir fühlen uns bestätigt in unserem Handeln. Unser Test war offensichtlich regelgerecht, sonst wäre das Oberverwaltungsgericht nicht zu seiner Entscheidung gekommen.

DocCheck: Das OVG Münster sieht im Einlösen von Rezepten beziehungsweise in der Abgabe von Arzneimitteln in dm-Märkten keinen Verstoß gegen das Arzneimittelrecht und auch keinen Verstoß gegen das Apothekerrecht. Eine Revision wurde nicht zugelassen. Zulässig ist aber eine Nichtzulassungsbeschwerde, die die Apothekerkammer Nordrhein bereits angekündigt hat. Wie beurteilen Sie die Erfolgschanchen einer solchen Beschwerde?

Petra Schäfer: Entscheidend an der Nichtzulassung einer Revision durch das OVG ist, dass wir dadurch mit sofortiger Wirkung handlungsfähig sind und die Erfahrungen und Erkenntnisse, die sich zusammenführen lassen mit dem Urteil und der Urteilsbegründung des Oberverwaltungsgerichtes, in unserem zukünftigen Tun berücksichtigen können.

DocCheck: Das OVG-Urteil bezog sich primär auf einen Modellversuch mit acht dm-Märkten. Jetzt haben Sie freie Bahn. Werden Sie das Projekt auf die restlichen knapp 900 Filialen im Bundesgebiet ausdehnen?

Petra Schäfer: Wir führen Tests durch mit dem Ziel, eine erfolgreich getestete Maßnahme in möglichst vielen Filialen umsetzen zu können. Das gilt auch für unsere Modellversuche in Düsseldorf, Krefeld, Mönchengladbach und Viersen. Nach dem Urteil gibt es keinen Grund, ohne die uns übliche Sorgfalt loszurennen, sondern wir werden aus der gegenwärtigen Situation heraus die aus unserer Sicht bestmögliche Entscheidung treffen.

DocCheck: Wie haben Ihre Kunden auf das Angebot reagiert?

Petra Schäfer:In dreifacher Hinsicht positiv. Erstens haben sie bei unserem Versuch das Angebot der Europa Apotheek Venlo genutzt. Zweitens haben sie sich durchweg positiv geäußert. Und drittens haben diejenigen, die den Versuch bereits erlebt haben, bekundet, dass sie das Angebot wieder nutzen wollen. Viele andere Kunden wollten Informationen darüber, wann wir das Angebot auf ihren jeweiligen dm-Markt erweitern.

DocCheck: Ausländische Apotheken können rezeptpflichtige Arzneimittel deutlich günstiger anbieten als inländische. Durch die Kooperation mit einer Drogeriekette gibt es diese Preise plötzlich nicht mehr nur im Internet, sondern “an jeder Ecke”. Was entgegnen Sie Apothekern, die angesichts dieses Szenarios um Ihre Existenz bangen?

Petra Schäfer: Die Drogeriekette dm ist knapp 900-mal in Deutschland vertreten. Da sich der Urteilsspruch des Oberverwaltungsgerichtes ausdrücklich auf unseren Test bezog, wird es Arzneimittel nicht an jeder Ecke geben, sondern in maximal 900 dm-Märkten. Es gibt kein Drogeriemärkte-Urteil und kein Tankstellen-Urteil. Dass diese Perspektive Auswirkungen auf den Gesamtmarkt haben wird, ist richtig. Ich meine aber, alle Beteiligten sollten sich der Größenordnung bewusst sein und emotional maßvoll mit der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichtes umgehen.

DocCheck: Das Unternehmen dm positioniert sich nicht nur als klassische Drogerie, sondern auch als ein Anbieter von Gesundheitsprodukten und auch -dienstleistungen. Wie ordnet sich der Bestell- und Abholservice in diese Gesamtstrategie ein?

Petra Schäfer: Viele Untersuchungen zeigen, dass wir im Bereich von OTC-Produkten von den Kunden eine sehr große Kompetenz zugebilligt bekommen. Unsere Kooperation mit der Europa Apotheek Venlo verstärkt sicher dieses Empfinden seitens der Kunden.

DocCheck: Es wird immer wieder diskutiert, ob es auch in Deutschland irgendwann Apothekenketten geben wird. Versucht dm sich mit dem Bestell- und Abholservice in eine gute Ausgangssituation zu bringen, oder bleibt es beim “Bestellen und Abholen”?

Petra Schäfer: Wir sind Drogisten und keine Apotheker. Es bleibt also bei der von Ihnen formulierten Variante “Bestellen und Abholen”, die das Angebot der Versandapotheke Europa Apotheek Venlo in einer für den Kunden angenehmen Art und Weise zugänglich macht.

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