Strohhalme auf Rezept

27. November 2006
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Wer schon einmal klebrigen Antibiotikasaft aus den Ritzen des Parkettfußbodens kratzen musste, weil der Sprössling ihn dorthin befördert hat, wird es zu schätzen wissen: Arzneimittel gibt's jetzt auch als Strohhalm. Die Anwendungsszenarien dieser Applikationsvariante reichen von A wie Antibiotika bis M wie McDonalds.

Auch wenn wir den Kindern durch süßes Zureden anderes weiszumachen versuchen: So richtig überzeugt davon, dass ein Antibiotikasaft ein positives Geschmackserlebnis ist, sind wir selbst ja auch nicht. Insofern haben Eltern meist ein gewisses Verständnis dafür, wenn der Saft den Dosierlöffel zwar in Richtung Mund verlässt, aber dann doch ganz woanders ankommt. Passiert das allerdings öfter, kann das für den Therapieerfolg bekanntlich fatal sein.

Schlürfen für die Gesundheit

Abgesehen davon haben Antibiotikasäfte aber auch noch ein paar andere Probleme im alltäglichen Handling: Erstens sind sie entsetzlich klebrig. Und zweitens mögen es, einmal angerührt, gerne kühl. Letzteres kann zumindest unterwegs zu einem Problem werden, soll nicht dem angerührten Antibiotikum zuliebe die Klimaanlage des Autos auf arktische Temperaturen herunterreguliert werden. Eine einfache, aber umso genialere Idee kann all diese Probleme jetzt auf einen Schlag lösen, und zwar durch eine neue Applikationsform, die das von Tabletten, Kapseln, Säften, Salben und allenfalls noch TTS-Pflastern dominierte Apothekenregal künftig um eine sonst nur im Partyregal des Supermarkts anzutreffende Facette bereichert: Anlässlich der 102. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin in Mainz hat das Unternehmen Grünenthal nämlich den Strohhalm als Arzneimittelträger entdeckt und ihn fürs erste mit dem Makrolid Clarithromycin gefüllt. Das Konzept ist unmittelbar einleuchtend: Alle Kinder lieben Strohhalme. Das Antibiotikum liegt in dem ClaroSIP genannten Trinkgerät als exakt für eine Dosis abgemessenes Granulat vor. Unterschiedlichen Dosierungsbedürfnissen kann mit drei unterschiedlich gefüllten Strohhalmen begegnet werden. Es gibt die Halme also in drei Dosierungen. Das Granulat ist so angebracht, dass der Wirkstoff bereits nach wenigen Schlücken vollständig aufgenommen ist. Es gibt sogar eine kleine Markierung auf dem Strohhalm, die mit jedem Schluck nach oben wandert und anzeigt, wann das Clarithromycin-Granulat vollständig im Kindermund angekommen ist.

Keine Sensation: Kindern wollen Strohhalm als Klebesaft

“Das Granulat ist geschmacksneutral und kann mit dem Lieblingsgetränk des kleinen Patienten eingenommen werden”, sagte Professor Dieter Adam von der Kinderklinik des Ludwig Maximilians-Universität München bei einem Symposium zur Vorstellung der Innovation. Ideal seien kohlensäurehaltige Getränke wie Fanta, Cola oder Apfelschorle. Denn dann blubberts kräftig im Mund, und das Kind wird die feinen Granula, die so gestaltet sind, dass sie sich beim trinken nicht auflösen, kaum oder gar nicht bemerken. Um zu zeigen, dass Kinder wirklich lieber Strohhalme bedienen als klebrige Säfte zu trinken, wurde die DoSE-iT-Studie aufgelegt. In dieser Studie wurde das Clarithromycin-haltige Strohhalm-System mit einem entsprechenden Makrolidsaft verglichen. Insgesamt 263 Kinder mit bakteriellen Infektionen der Mandeln, des Rachens, der Ohren oder der Bronchien benutzten entweder Halme oder Dosierungskappen. Das Ergebnis war ein wenig überraschender Kantersieg zugunsten der Strohhalmtechnik. Nach Angaben des Unternehmens lag die Compliance bei den Strohhalmen bei neunzig Prozent der angesetzten Dosierungen, gegenüber nur vierzig Prozent beim Saft. Außerdem bezeichneten achtzig Prozent der Kinder beziehungsweise Eltern die Handhabung des Systems als einfach. Auch hier schnitt der Saft nur etwa halb so gut ab.

“Einen Doppel-Whopper und zwei Strohhalme bitte”

Angesichts dieser Resultate liegt es auf der Hand, den Strohhalm schrittweise zu einem universellen Vehikel des Medikamententransports auszubauen. Grünenthal selbst möchte den Anfang machen und weitere Antibiotika in Granulatform pressen und ins Röhrchen packen. Zwar schmecken nicht alle Antibiotikasäfte gleich schlecht, aber zumindest Amoxi als Halm wäre schon einen Gedanken wert. Die wahre Morgendämmerung der Strohhalmtechnik dürfte allerdings in anderen Indikationsbereichen liegen. Beispiel Cholesterinsynthesehemmstoffe: Durch Beschichtung von Strohhalmen mit Statinen ergeben sich bisher völlig ungeahnte Möglichkeiten der gezielten Primärprävention direkt in McDonalds-Filialen. Wir beispielsweise der Doppel-Whopper künftig nur noch in Kombination mit Strohhalmen ausgegeben, erledigt sich auch das lästige schlechte Gewissen an der Fast-Food-Theke. Oder Oktoberfest: Wenn beim Kampftrinken hepatoprotektiv beschichtete Strohhalme zum Einsatz kämen, dann wäre das Vergnügen gleich doppelt so groß.

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