Fast so schnell wie McCoy

8. Dezember 2006
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Herbstzeit ist Streptokokkenzeit - doch auf aufwändige Laboruntersuchungen wie für diesen Erreger können Niedergelassene bald verzichten. Denn die "Point-of-Care Diagnostik" verspricht dank ausgefeilter Technologie die Erkennung von Bakterienstämmen in der Praxis. Patientennahe Sofortdiagnostik heißt das Zauberwort.

Mit dem Dilemma hat diese Tage nahezu jeder Hausarzt zu tun: Der Befund deutet auf eine Angina hin, aber bis vom Labor die Rückmeldung kommt, ob diese Infektion des Patienten tatsächlich durch Streptokokken verursacht wurde, vergeht kostbare Zeit – in der die Krankheit unbehandelt voranschreitet. Erfolgt dann, oft erst nach Stunden oder Tagen, der Laborbefund, hinkt die einsetzende Antibiotika-Therapie unliebsam hinterher.

Schon heute aber könnten Ärzte solche Engpässe in der Diagnostik umgehen – wenn sie nur wollten. Denn die rasche Diagnose soll dort erfolgen, wo sich der Patient befindet: in der Praxis. “Point-of-care-Diagnostik” nennen Experten diese relativ neue Art der Laborbefundung, die an sich, im Vergleich zum klassischen Pendant, eben nicht mehr im großen Zentrallabor erfolgt. Weil “Point of care” wörtlich übersetzt “Stelle der Kranken-Versorgung” bedeutet, erschließt sich das weitere Potenzial der Diagnostik-Tools von selbst: Von der Arzt-Praxis bis hin zur Klinik – Ärzte sind auf diese Weise den Erregern schneller auf der Spur.

POCT für Frühchen

Auch Patienten in der Notfall- und Intensivmedizin dürften vom Zeitgewinn durch die Point-of-care-Diagnostik profitieren. Denn lebensrettende Maßnahmen können mitunter früh genug eingeleitet und auf diese Weise Komplikationen verhindert werden. “Hier macht es eindeutig einen Unterschied, ob das Ergebnis nach dreißig bis sechzig Minuten oder nach einer Minute bis maximal 15 Minuten vorliegt”, betont daher Heiko Ziervogel von dem Unternehmen HCX Consulting in Bad Saarow, der auf der MEDICA im November über eine Analyse über die Vorteile der Sofortdiagnostik referierte.

Tatsächlich scheint das Potenzial der Point-of-care-Diagnostik enorm. “Den Alltag auf einer Neugeborenenstation beispielsweise kann ich mir ohne POCT kaum mehr vorstellen”, erklärt dazu Professor Norbert Gässler vom St. Bernward-Krankenhaus in Hildesheim. Bei den Frühgeborenen habe POCT zusätzlich zum Zeitgewinn den Vorteil, dass die modernen POCT-Geräte mit winzigen Probenmengen auskommen. “Wir reden hier von tausendstel Millilitern”, unterstreicht Gässler. Selbst für eine umfangreiche Diagnostik, bei der etwa Elektrolyte, Blutzucker, Sauerstoff-Sättigung und Blutgase parallel gemessen werden, ist ein zwanzigstel Milliliter Vollblut völlig ausreichend. Für den Streptokokken-Nachweis bei Angina reichen einige Tropfen Rachen- oder Nasensekret.

Sofortdiagnostik verändert die Abläufe

Was dem Kliniker den Alltag erleichtert erweist sich auch für Niedergelassene als wahres Powertool. Der Vorteil der Sofortdiagnostik liegt nämlich nicht nur im Zeitgewinn. Auch die Abläufe in der Praxis werden wesentlich vereinfacht.- und auf diese Weise sicherer. “Der Arzt, der die Point-of-care-Messung veranlasst hat, kann dann auch die therapeutischen Konsequenzen ziehen,” erläutert Gässler den eigentlichen Wert des Verfahrens. So könnten Situationen vermieden werden, in denen Ärzte die Bestimmung wichtiger Laborwerte veranlassen, dann aber nach Schichtende vergessen, ihre Kollegen über ausstehende Ergebnisse und den Kontext der Bestimmung zu informieren. Situationen, in denen auf Grund solcher Kommunikationsdefizite wichtige Therapieentscheidungen schlicht unter den Tisch fallen, gehören dank POCT eigentlich der Vergangenheit an.

“Auch wenn Ärzte viele Patienten gleichzeitig betreuen, wie etwa in einer Notaufnahme, hilft es, wenn Therapie-Entscheidungen sofort getroffen werden können,” unterstreicht Ziervogel. Denn wenn die Werte erst nach einer Stunde aus dem Zentrallabor kommen, hat der Arzt schon zehn neue Patienten untersucht und muss sich in die Problematik erst wieder hineindenken.

Auch die Liegezeiten werden kürzer

Hinzu kommt ein ökonomischer Aspekt. Wenn POCT verstärkt Einzug in Deutschlands Kliniken finden würde, könnten laut Ziervogel dort auch die Kosten sinken. Denn im Zeitalter der Fallpauschalen könne POCT für eine Klinik zum Wettbewerbsvorteil werden – weil sich die Zeit bis zur definitiven Diagnose verkürzt. Damit aber würden auch die Gesamtliegezeiten reduziert.

Trotz solcher Vorteile ist die Point-of-Care Diagnostik hierzulande alles andere als etabliert. Die Gründe für die fehlende Akzeptanz sind vielschichtig – doch meist bestimmt Unwissen die Gedankengänge der Skeptiker, wie Ziervolgel zu berichten weiß: “Viele Laborärzte haben den Eindruck, durch POCT werde ihnen etwas weggenommen. Umgekehrt sind die Anwender oft unzureichend in den POCT-Verfahren geschult”. Dass der Fachmann weiß, wovon er spricht, belegen die Zahlen: Er hat 2300 Labormediziner und Chefärzte der Anästhesie und Intensivmedizin über ihre Meinung zu POCT befragt.

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