Stolperstein Naturwissenschaften

19. Dezember 2006
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Im vorklinischen Studienabschnitt müssen Medizinstudenten sich erstmal durch die naturwissenschaftlichen Fächer prügeln. Aber was hat denn der Traumberuf Arzt mit Fächern wie Chemie, Physik und Biologie zu tun? Die einen sagen: "Mehr, als man denkt!" - die anderen behaupten: "So gut wie nichts!" Wir gehen der Sache auf den Grund!

Über den Sinn oder Unsinn des deutschen Zulassungssystems zu philosophieren, erscheint mühsam: Die notenorientierten Vorlagen bevorzugen den Abiturienten, welcher mit den Leistungskursen Englisch und Kunst zum Beispiel eine 1,2 erzielt hat, vor seinem Kollegen, welcher mit den LKs Biologie und Physik vielleicht nur einen Schnitt von 1,7 auf dem Abiturszeugnis vorweisen kann. Letzterer wäre sicherlich besser gewappnet, die naturwissenschaftlich geprägte Vorklinik zu meistern – jedenfalls in der Theorie! Sieht es aber in der Praxis wirklich genauso aus?

Vorklinik & Naturwissenschaften
Der erste – mindestens vier Semester lange – Abschnitt des Studiums ist durch einen prall gefüllten Stundenplan gekennzeichnet: Grundlagenfächer wie Chemie, Physik und Biologie, sowie die darauf aufbauenden Themengebiete der Anatomie, der Biochemie und der Physiologie, wollen gelernt, verstanden und bewältigt werden. Für viele Studienbeginner bedeutet das eine Auseinandersetzung mit Fächern, die man zwar noch von der Schule her kennt, welche aber an der Uni in einem Niveau jenseits der Leistungskurse gefordert werden.
Ergo: In der Vorklinik müssen die meisten Studenten für fast jeden Schein wahnsinnig viel lernen, wobei es (im Gegensatz zur Schule) nicht mehr um gute Noten, sondern um das blanke Bestehen geht. Trockene Naturwissenschaften und permanenter Stress bestimmen den Alltag – und von Patienten, Behandlungsmethoden, Medikamenten oder Krankheiten im Allgemeinen hört man nur ganz peripher.

Naturwissenschaften: Mangelhaft!
Eine recht interessante Studie der Universität Frankfurt am Main belegt die unzureichenden naturwissenschaftlichen Vorkenntnisse der Medizin-Erstsemestler: Rund 3.000 Studierenden aus dem ersten vorklinischen Semester wurde ohne vorherige Ankündigung eine Kurzklausur mit 40 naturwissenschaftlichen Fragen vorgelegt, deren Niveau in etwa Grundkurswissen aus Ober- und Mittelstufe entsprach. Von diesen Aufgaben wurden im Schnitt noch nicht einmal die Hälfte richtig beantwortet. Besonders schlecht schnitten hierbei die Erstsemester in den Fächern Physik und Chemie ab. Hier wurden durchschnittlich weniger als 25 Prozent der Fragen richtig beantwortet. Etwas besser lesen sich die Resultate im Fach Biologie. Hier haben die Studierende etwa 50 Prozent der Aufgaben korrekt bearbeitet. Hervorragende Kenntnisse brachten hingegen nur sehr wenige Teilnehmer mit, wobei signifikante Unterschiede zwischen Abiturienten aus verschiedenen Bundesländern nicht ermittelt wurden.
"Die Ergebnisse belegen, dass Medizinstudienanfänger nur über ein begrenztes naturwissenschaftliches Wissen verfügen", wird Prof. Dr. Johannes Schulze, Fachbereich Medizin der Uni Frankfurt, zitiert. "Die Studie zeigt erstmals, welche Kenntnisse bei Studierenden vorausgesetzt werden können. Dies ist bedeutsam für den Unterricht an den Universitäten und eine hilfreiche Orientierung für die Dozenten."

Der Studentensieb – Naturwissenschaften
Diesen ganzen Erhebungen und theoretischen Mutmaßungen stehen die Aussagen und persönlichen Erlebnisse der vielen Medizinstudenten in Deutschland gegenüber. "Natürlich waren die Fächer Chemie und Physik eine große Herausforderung für mich", sagt zum Beispiel Markus B., Student der Humanmedizin im fünften Semester an der Universität Heidelberg. "Zumal ich diese Fächer in der Schule bereits während der Mittelstufe abgewählt habe. Es lässt sich sicherlich nicht abstreiten, dass gewisse Basics in diesen Disziplinen hilfreich zum besseren Verständnis in anderen Fächern sind – in der Klinik fragt aber kein Mensch mehr nach Fakten aus diesen Bereichen. Meiner Meinung nach dienen diese Fächer letztendlich auch dem Aussieben der überzähligen Studenten, sowie dem Ausprobieren, wie schnell die jungen Mediziner an persönliche Leistungs- und Belastungsgrenzen stoßen. Dieses Wissen kann auch sehr hilf- und lehrreich sein!"
"Physikalische und chemische Grundbegriffe und deren Einheiten einmal gehört und auch adäquat gelernt zu haben, ist sicherlich kein Fehler", sagt die Medizinstudentin Lisa G., derzeit im neunten Semester an der Universität Mannheim. "Das übertrieben hohe Niveau jedoch, welches viele der Instituts-Chefs den Medizinstudenten zumuten, grenzt teilweise ans Lächerliche! Was würden zum Beispiel Chemie-Studenten sagen, wenn sie während ihres Vorstudiums den kompletten Bewegungsapparat mit Muskeln, deren Ansätze und Ursprünge, sowie die dazugehörige Innervation auswendig lernen müssten? Nichts anderes wird ja mit uns Medizinstudenten veranstaltet, wenn wir Redox-Reaktionen, Atommodelle und das Periodensystem herunterbeten können müssen. Und dann muss man sich vielleicht noch von einem Chemie-Professor sagen lassen, dass man in seinem Fach eine absolute Null ist. So ist es jedenfalls einer Kommilitonin von mir ergangen – und das hätte sie sich im Vorfeld vom Medizinstudium bestimmt nicht träumen lassen!"

Augen zu und durch!
Ein besonders schönes Schlusswort zu diesem Thema stammt von Stefan K., Student der Humanmedizin im siebten Semester an der Universität Tübingen: "Es ist eigentlich unnötig, sich über die mögliche Unsinnigkeit der naturwissenschaftlichen Fächer in der Vorklinik aufzuregen. Ein besseres Verständnis für gewisse klinische Fachbereiche wie zum Beispiel die Radiologie oder die Pharmakologie sind letztendlich nicht von der Hand zu weisen. Man sollte nicht vergessen, dass Fächer wie Chemie und Physik sicherlich große Stolpersteine in der Vorklinik darstellen können – im Vergleich zum Lernaufwand für Fächer wie Anatomie und Physiologie (die ja ganz explizit etwas mit dem späteren Arztberuf zu tun haben), stellen diese "Nebenfächer" jedoch eher kleine Hürden dar. Und dies gilt auch für Studenten, die seit Jahren nichts mehr mit diesen schulischen Fächern zu tun hatten. Jede Uni beginnt in den Vorlesungen und Seminaren bei Null – mit etwas Engagement und Fleiß stellen diese Naturwissenschaften also eigentlich keine großen Hindernisse mehr dar. Hier gilt, wie für alle Fächer der Vorklinik, das Prinzip: Augen zu und durch! Spätestens nach dem Physikum beginnt ja der spannende Abschnitt des Studiums!"
In diesem Sinne…

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Humanmedizin, Pharmakologie

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