STIKO: Zwei hin, eins im Sinn

14. September 2012
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Seit die Österreicher den deutschsprachigen Konsensus aufgekündigt haben, wonach beim Sechsfachimpfstoff die Grundimmunsierung im Säuglingsalter nach dem „3 plus 1“-Schema zu erfolgen habe, wird auch in Deutschland wieder über Impfschemata diskutiert.

Diskussionen ums Impfen laufen immer Gefahr, ins Überemotionalisierte abzugleiten. Wer es in bestimmten Kreisen wagt, die bewährten und umfangreichen Impfprogramme zu verteidigen, die in den letzten Jahrzehnten in Deutschland und anderswo aufgebaut wurden, der riskiert schon mal, als Kinderschänder verunglimpft zu werden. Umgekehrt wird gerade in Deutschland Kritik an den offiziellen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) gerne brüsk zurück gewiesen, weil das angeblich den Impfskeptikern in die Hände spielen würde.

Zwei Piekser zu viel?

Diskussionen ums Impfen werden uns aber nicht erspart bleiben. Ein Bereich, bei dem es sich zu diskutieren lohnt, ist die Frage des besten Impfschemas für Säuglinge bei der Sechsfachimpfung und, damit im Zusammenhang stehend, bei der Pneumokokkenimpfung. Die Empfehlungen der STIKO zu diesem Thema sind genauso eindeutig wie seit Jahren unverändert: Säuglinge und Kleinkinder sollten in den Monaten 2, 3 und 4 ihre Grundimmunisierung mit dem Sechsfachimpfstoff erhalten. Geboostert wird im Alter von 11 bis 14 Monaten. Bei der Pneumokokkenimpfung im Säuglings- und Kleinkindalter wird der Einfachheit halber genauso verfahren. Beim „3 plus 1“-Schema werden nach dem Booster hohe Serumprotektionsraten erreicht, nachzulesen unter anderen in einer frei zugänglichen Publikation aus dem Jahr 2006, in der die beiden Sechsfachimpfstoffe Hexavac und Infanrix hexa verglichen wurden.

„2 plus 1“ anstatt „3 plus 1“

Allerdings: Das ist nur die halbe Wahrheit. Denn es gibt ein Alternativschema, bei dem sowohl die Sechsfachimpfung als auch die Pneumokokkenimpfung nur insgesamt dreimal verabreicht werden, und zwar als Grundimmunisierung in den Monaten 3 und 5 und als Booster in den Monaten 11 bis 12 beziehungsweise 11 bis 13. Auch mit diesem Schema lassen sich hohe Serumprotektionsraten erreichen. Ob die nun exakt genauso hoch sind wie beim „3 plus 1“-Schema, oder nicht doch etwas geringer, darüber lässt sich trefflich streiten. Tatsache ist allerdings, dass auch das „2 plus 1“-Schema ein seit langem erprobtes Schema ist: Es wird in vielen Ländern, darunter Italien und die skandinavischen Länder, seit Jahren eingesetzt. Und Tatsache ist auch, dass das Kind bei diesem Schema zweimal weniger gestochen wird.

STIKO diskutiert – seit 2005

Im vergangenen Jahr wurde nun in Österreich der bisherige teutonische Konsensus aufgekündigt, wonach im deutschsprachigen Raum „3 plus 1“ geimpft wird – mit derselben Begründung, mit der auch die vielen anderen Länder, die „2 plus 1“ impfen, das Impfschema geändert haben: Weniger Belastung der Kinder bei ähnlicher oder gleicher Effektivität. Historisch stammt das „3 plus 1“-Schema aus der Zeit, als Diphtherie, Tetanus und Pertussis als Dreierkombination verimpft wurden. Der Pertussis-Impfstoff war als Ganzkeimimpfstoff schlecht immunogen. Die reinen Tetanus-Diphtherie-Kombinationen wurden damals „2 plus 1“ verimpft. Mit Einführung der (besser immunogenen) azellulären Pertussis-Impfstoffe wurde dann das alte „3 plus 1“-Schema wieder aufgegriffen und im Laufe der Jahre zur Grundlage der Vielfachkombinationsimpfungen.

Nachdem nun selbst Österreich die Fronten gewechselt hat, stellt sich natürlich schon die Frage, wie denn der Stand der Diskussionen in Deutschland ist. Und der ist unbefriedigend. Zunächst einmal, viele Ärzte wissen das gar nicht, ist auch in Deutschland das „2 plus 1“-Schema im Prinzip zugelassen. Es ist Teil der Fachinformation, nur wird es nicht von der STIKO empfohlen. Die STIKO selbst laviert bei diesem Thema seit Jahren herum. Ein DocCheck-Leser berichtete uns, dass er vor sieben Jahren, im Jahr 2005, eine Anfrage beim damaligen STIKO-Vorsitzenden unternommen hatte. Die Daten zum „2 plus 1“-Schema gab es damals schon. Die Antwort der STIKO lautete, dass man „seit einiger Zeit“ prüfe, ob man nicht mit einer Impfung weniger auskommen könne. Auf die STIKO-Tagesordnung kam das Thema nie. Der Leser vermutet deswegen, dass das Thema verschleppt werde.

Work in progress

Eine Nachfrage von DocCheck bei der STIKO bestätigt unseren Leser insofern, als auch sieben Jahre nach dessen Anfrage mitgeteilt wird, dass man sich mit dem Thema weiterhin beschäftige. Die STIKO-Mühlen mahlen in diesem Punkt offenbar extrem langsam. Irgendwie scheint man sich dessen auch bewusst zu sein: „Die STIKO hat bereits entschieden, sich mit diesem Thema in naher Zukunft zu beschäftigen und dazu eine Arbeitsgruppe einzurichten“, so die offizielle Auskunft an DocCheck. Und weiter: „Die STIKO wird die Impfempfehlung nach der aktuellen Standardvorgehensweise zur Erstellung von Impfempfehlungen nach den Methoden der evidenzbasierten Medizin überarbeiten.“

Das lässt sich durchaus als eine Ankündigung verstehen, dass auch in Deutschland das „2 plus 1“-Schema künftig nicht mehr geächtet ist. Viel konkreter werden die Aussagen der STIKO dann aber auch beim telefonischen Nachfassen nicht. Im Gegenteil, es wird immer noch ziemlich viel orakelt: „Aufgrund neuerer, nicht in Deutschland erhobener Daten konnte gezeigt werden, dass ein ‚2 plus 1‘-Schema möglicherweise ausreichend ist.“ Möglicherweise, und dann nicht mal in Deutschland. Pfui.

Massenträgheit oder verdeckte Industriepolitik?

Man kann sich jetzt natürlich viele Gedanken darüber machen, was hinter der Zurückhaltung der „Offiziellen“ in Deutschland steckt. Ein Argument wäre, dass man keine unnötigen Diskussionen über das Thema Impfen anstacheln möchte, um die nach wie vor hohen Impfquoten in Deutschland nicht zu gefährden.

Genauso lässt sich allerdings argumentieren, dass durch das Festhalten an „3 plus 1“ Verschwörungstheorien Nahrung gegeben wird, wonach die STIKO die Industrie oder wahlweise die Ärzte protegieren wolle. 650000 Arztbesuche weniger pro Jahr, 1,3 Millionen Injektionen weniger: Den Umstieg würden Ärzte und Unternehmen schon spüren.

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17 Kommentare:

Medizinisch-Technischer Assistent

Sie haben es vorallem geschafft mit vielen Worten wenig zu sagen. Neid auf einen Titel zu unterstellen finde ich schon beinahe komisch; als ob ein Titel mehr bringen würde als ein paar Buchstaben vor meinem Namen und ein größeres Ego.

Alles in allem ist das was Sie schreiben ziemlich wirr, einen inhaltlichen Zusammenhang zur Verleumdung der Wirksamkeit von Impfungen kann ich aus ihren Kommentaren bei bestem Willen nicht herauslesen.

PS: Das es mich Emotional betroffen macht, was so mancher Mediziner hier bei DocCheck von sich gibt, werde ich nicht bestreiten. Aber ich finde auch das einen das kaum kalt lassen kann. Letztlich betrifft es jeden einzelnen von uns. Stichwort Herdenimmunität. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend mit Ihrem “Orakel”.

#17 |
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Medizinisch-Technischer Assistent

Ach, wen wollen Sie denn fragen? “Dr. Hamer” oder “Dr. med. Heinrich Kremer” werden sicherlich jeden Vorwurf zum Thema Scharlatanie zurückweisen.

Wenn Sie ein Problem mit dem Inhalt dessen haben, was ich sage, dann Argumentieren Sie. Auf aus dem Zusammenhang gerissenen Wörtern herumzureiten führt dabei zu nichts.

#16 |
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Medizinisch-Technischer Assistent

@Dr. J. M.-K.

Das Recht rausnehmen? Seit wann brauche ich denn ein Recht, eine Meinung zu haben und diese zu Äußern? Zumal ich keinen Berufsstand im allgemein kritisiere, sondern Individuen eine Berufsstandes mit ganz bestimmten Sichtweisen. Mir ist absolut bewusst, das es viele Fachkompetente Ärzte gibt. Leider gibts da entsprechende Ausnahmen.

Ich weiß auch nicht was sie für Vorstellungen einer Weisungsbefugnis haben, aber Sie haben mir mal garnix zu sagen. Wenn Sie mal zustöndige Notärztin sind, sieht das vielleicht anders aus.

Ihnen ist auch mit Sicherheit bewusst, dass Rettungsdienstler keine Impfungen vornehmen. Und selbst eine schlecht durchgeführte Impfung ist ja wohl kaum Grund, an der Wirksamkeit von Impfungen zu zweifeln. Da fehlt jegliche korrelation.

Ich besitze keinerlei Wertschätzung oder Respekt vor Menschen, die an Scharlatanie und Verschwörungstheorien glauben. Dafür gibt es in der Medizin keinen Platz.

Und nachdem Sie nun einen Vortrag über Wertschätzung gehalten haben, ist der letzte Satz wohl gerade aus Ihrem Munde nicht umbedingt angebracht. Das sie eine Metapher nicht verstehen ist eine Sache. Das Sie aber der Meinung sind, dass die rettungsdienstliche Arbeit mit der Meinungsäußerung von angeblichem “Fachpersonal” und die damit Verbundene zur Schau stellung von Wissensmangel in irgendeiner Weise zusammenhängen, spricht nicht für Ihr Urteilsvermögen.

#15 |
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Ärztin

@ Fr. Susann Krause
Danke für den Einwand.
Wo kann man sich ausführlicher über diese Themen informieren?

#14 |
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Medizinisch-Technischer Assistent

Mir kommt bald mein Essen wieder hoch, wenn ich lesen muss das ÄRZTE, Menschen die Humanmedizin studiert haben und am besten wissen sollten, wie der menschliche Körper funktioniert, Meinungen wie Herr Valeske haben können. Was muss mit einem Arzt passieren, das er beginnt einen solchen Schwachsinn zu glauben, und zudem noch andere Menschen damit verunsichert? Die Hälfte der hier Kommentierdenden haben in der Medizin NICHTS zu suchen. Ohne Impfungen würden Kinder immer noch an Krupp und Tetanus qualvolle Tode sterben! Das der Gesundheits-Luxus der bei uns vorherrscht derart verblenden kann, ist schockierend und verstörend zugleich.

@Artikel

Guter Artikel. Das es eine weile dauert, bis bewährte Systeme abgelöst werden ist ein normaler Prozess.

#13 |
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Susann Krause
Susann Krause

Ich kann nur jedem empfehlen sich nochmal mit dem Abwehrsystem des menschlichen Körpers insbesondere Schlüssel Schloss Prinzip zu beschäftigen und dann zu schauen wie genau Impfstoffe hergestellt werden. Das warf bei mir Fragen auf. Auch was Nervenzellen passiert, die auf Impfstoffinhalte treffen, sehr fragwürdig die ganze Sache. Gut informieren und dann eigene Meinung bilden, kempfehle ich jedem. Man sollte wissen, was man tut.

#12 |
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@ Kollege Dr. Schenk:
Tbc: Weise, H.J.: Epidemiologie der Infektionskrankheiten in der BRD. Die gelben Hefte 1 (1984). Weitere Quelle: Sat. Bundesamt Wiesbaden, Gruppe VII D.
Keuchhusten: Statist. Bundesamt Wiesbaden, Gr. VII D. Weitere Quelle: Tönz, O.: Keuchustenimpfung. Umschau 40 (1983), S. 203
Diphtherie: Statist. Bundesamt Wiesbaden, zitiert in Delarue, F.u.S.: Impfungen, Hirthammer; Anhang Dr.G. Buchwald “Seuchenverlauf in der Statistik”.

#11 |
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@dr. Valeske: na dann mal Butter bei die Fische: Wo gibts denn die Studien? Würde ich gerne mal lesen …

#10 |
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Liebe Studenten der Humanmedizin,
beschäftigt Euch mal mit der Statistik der geimpften Krankheiten (und glaubt nicht alles blind, was man Euch erzählt): es ist exakt belegt, daß alle bereits viele Jahre vor Einführung der jeweiligen Impfung zurückgingen. Das Argument, die Impfungen hätten die Krankheiten ausgrottet oder zumindest reduziert, zieht hier nicht.

#9 |
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ich vergaß:der Unterschied zwischen 3+1 und 2+1 im STIKO Plan ist:
1 x 6fach (ca.68 Euro) und 1 x Pneumokokken-Impfung (ca.64 Euro) =ca. 130 Euro für 700.000 Kinder pro Jahrgang in D > 90 Mio Euro Umsatz –
Ein Schelm, wer böses dabei denk….

#8 |
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Wenn die STIKO sagt 3+1 und die Fachinfo aber einen Impfschutz mit 2+1 verspricht (siehe z.B. Infanrix HIB+IPV), dann kriegen bei mir die Eltern diese beiden Infos: und was meinen Sie wie bei mir viele Kinder geimpft werden…
wichtig ist: die Eltern muessen objektiv informiert werden und dann impfe ich halt auf Wunsch wie in Österreich…
Schade nur, dass viele Kollegen hier wirklich nicht Bescheid wissen und Kinder in Reihenuntersuchungen des Gesundheitsamtes immer wieder einen unvollständigen Impfschutz (bei 2+1) attestiert bekommen… da wird halt gezählt und 3 sind eben nicht 4 und damit zuwenig – echt schade ;-(

#7 |
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Dr. med. Markus Mathies
Dr. med. Markus Mathies

Man kann nur rätseln über soviel hin und her; TATSACHE ist doch : die bisherige IMPFTECHNIK ist ziemlich “alt”.
unter Berücksichtigung der Tatsache, daß die HAUT DENDRITISCHE ZELLEN in hoher ANZAHL enthält, mithin ein EIGENES IMMUNSYSTEM darstellt, ist eine Impfung i.m. ÜBERHOLT. INTRACUTAN ist der neue Standard : IMMUNOGEN, SICHER, und besser verträglich. DANN BRAUCHT MAN MAXIMAL ZWEI IMPFUNGEN. Das reicht für einen langanhaltenden IMPFSCHUTZ.
Beispiel : INSTANTIX. Schönen Gruß an die Industrievertreter in der der STIKO. Dr.MATHIES HAMBURG

#6 |
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Student der Humanmedizin

@Friedrich Hofmann
Wenn die Impfungen nicht mehr Flächendecken gegeben werden ist die Gefahr nun mal wieder vorhanden, dass sich jemand Ansteckt. Und dann steckt sich der nächste an und der nächste und schon war das jahrelange Impfen “umsonst”.

Polio hätte schon vor einigen Jahren ausgerottet sein sollen, so war zumindest der Plan der WHO. Aber schlussendlich hat es bis dahin (2010? oder einige Jahre davor) dann aber doch nicht geklappt. Warum wohl?

#5 |
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2+1…. meinte ich natürlich.

#4 |
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By the way, schöner und sehr interessanter Artikel. War mir bislang auch noch nicht so klar diese 2:1-Impfungssache. Ein Grund mehr mal selbst Recherchen anzustellen unter den Kollegen. Würde mich interessieren, ob da Erfahrungswerte existieren.

#3 |
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@ Friedrich Hofmann: Und jetzt die Preisfrage… WARUM sind diese Krankheiten wohl teilweise “fast ganz verschwunden”?

#2 |
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Medizininformatiker

Komischerweise muss immer mehr geimpft werden, obwohl die verschidene Krankheiten fast ganz verschwunden sind. Die Kosten für unnötige Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen werden immer mehr und machen unser Gesundheitssystem krank und fast ubezahlbar. Es geht hier leider viel zu oft um den Umsatz, die Gesundheitsvorsorge wird nur heuchlerish vorgeschoben.

#1 |
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