Wochen zwischen Himmel und Hölle – Examenszeit in der Medizin

20. Dezember 2006
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Wenn Physikum oder StEx anstehen, wird auch aus dem coolsten Jungmediziner ein Nervenbündel. Zwischen Bergen an Lernmaterial durchlaufen Medizinstudenten ein ständiges Wechselbad der Gefühle aus Wut, Hoffnung, Verzweiflung und Erfolgshunger.

In der Examenszeit ist es schwierig, Kontakt zu Medizinstudenten herzustellen. Anrufe bleiben oft erfolglos, Mails unbeantwortet. Das Kreuzen von alten Examensfragen, das Durcharbeiten von alten Prüfungsprotokollen und das Aufbessern von Wissenslücken füllen jede verfügbare Minute des Medizinstudenten aus.

Schliess dich ein und lern

Dabei gibt es eine Vielzahl verschiedener Wege, sich dem Examensstoff zu nähern. Manch einer verzieht sich vor dem Examen noch mal zu den Eltern und verschließt sich im alten Zimmer. Bei Mama weiß man, dass man nicht verhungert und immer ein wenig was im Kühlschrank steht. Andere versuchen sich das Leben durchs Lernen nicht verderben zu lassen und verbinden das Angenehme mit dem Nützlichen. So stößt man ab und zu tatsächlich auf “Spezielle Pathologie” im Freibad oder “Medizinische Mikrobiologie” in der Skihütte.

Manche planen den Lernstoff und die verfügbare Zeit so genau wie ein Sondereinsatzkommando den Sturm auf eine gegnerische Stellung und versuchen sich akribisch an diesen Plan zu halten. Andere hingegen, halsen sich von Anfang an so viel Stoff auf, dass am Ende nur noch zählt, überhaupt etwas zu lernen.

Soziale Interaktion unter Lernenden

In einsamen Momenten des Zweifels folgt bei vielen der Griff zum Telefon:
“Hey, hast du schon die gaaaaaanze schwarze Reihe gekreuzt”
“Ja, aber die mit den Bildern muss ich noch mal machen”
“Echt? Meinst du es kommen schwere Bilder?”
“Ja, bestimmt, wie dieses eine Bild mit den Nebenhöhlen”
“Welches?” – ” Ja das auf Seite 344″
“Oh NEIN, das ist bei mir gar nicht da, ich muss das jetzt besorgen, Mist!”

So oder so ähnlich steigern Mediziner gegenseitig ihre Cortisol-Sekretion. Lustig wird es erst recht, wenn gestresste Lerner Fragen zur Stressbewältigung beantworten müssen. Das Lazarus'sche “Coping” ist wahrscheinlich an keinem Mediziner stressfrei vorbeigezogen.

Gefalle ich dem Prüfer?

Ein Stressfaktor der ganz besonderen Art ist nach der schriftlichen Prüfung gegeben. Während man den Antwortbogen nicht wirklich beeinflussen kann und in Ruhe seine Kreuze setzt, erhoffen sich viele bei der mündlichen Prüfung, durch kleine Tricks den Prüfer positiv zu überraschen.

“Professor X mag es nicht, wenn man sein Stethoskop um den Hals hängt.” “Bei Professorin Y müssen Männer rasiert sein und Krawatte tragen.” “Wenn du beim Professor Z einen Rock trägst, kannst du es gleich vergessen.” So oder so ähnlich klingt es in hitzigen Studentengesprächen im Halbjahresrhythmus.

Ist es vorbei, sind alle dabei

Nach Wochen zwischen Selbstzweifeln und Hoffnung kommt letztlich ganz gewiss der Moment, in dem es auf einmal geschafft ist. Der Moment, in dem man nicht mehr im Fünfminutentakt zwischen positiven und negativen Gedanken herumspringt, in dem man den Prüfungsraum verlässt und Freunden bescheid sagt. Fast immer findet man den Prüfling nämlich nach dem absolvierten Examen in feucht-fröhlicher Runde die verpassten Abenteuer der letzten Wochen nachholen. Am Ziel aller Examensphasen geht es uns allen besser, als wir uns das nur zwei Wochen vorher vorstellen konnten.

Vielleicht ist gerade die Erleichterung zum Schluss das Schönste an der Examenszeit, das Ziel der “Leichtigkeit des Seins”, auf das wir alle hinarbeiten. In diesem Sinne: Erleichtert euch und zeigt's den Prüfern. Jedes Examen ist am Ende doch nur eine Prüfung wie jede andere.

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