Alpenapotheker machen auf eCard

21. Dezember 2006
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Schneller als gedacht stürzen sich die Österreicher auf die medizinischen Anwendungen ihrer eCard. In Salzburg fällt jetzt der Startschuss für eine in den Apotheken angesiedelte Arzneimitteldokumentation. Dem deutschen Gesundheitskartenprojekt läuft die Alpenrepublik damit fürs erste den Rang ab.

Was von der österreichischen Sozialversicherungschipkarte zu halten sei, darüber waren sich die eHealth-Experten in Deutschland lange uneinig. Die eCard galt irgendwie als kastriert, weil sie zwar Verwaltungsfunktionen erfüllte, aber keinerlei medizinische Anwendungen zu bieten hatte. Trotzdem gelang es der Sozialversicherungs-Chipkarten Betriebs- und Errichtungsgesellschaft relativ mühelos, die Ärzte, die die Karte in ihrer Praxis einlesen müssen, gegen sich aufzubringen.

Ab sofort kann die eCard mehr als nur verwalten

Doch der Eindruck, dass die Österreicher auf ihre alten Tage noch zu Revoluzzern würden, täuschte. Mittlerweile sind alle über zehn Millionen Sozialversicherte in Österreich mit der Karte ausgestattet. Das System läuft seit einem Jahr und mittlerweile auch stabil. Die Mehrheit der Ärzte kommt damit klar, sodass es nicht erstaunt, dass jetzt langsam mit “echten” medizinischen Funktionen Ernst gemacht werden soll. Angefangen wird in diesen Tagen in Salzburg mit der testweisen Einführung einer Arzneimitteldokumentation. “Die eCard bildet dabei den Zugangsschlüssel zu dieser in den Apotheken angesiedelten Funktion”, erläuterte Heinz Otter von der österreichischen Sozialversicherung. Das geht so: Die Versicherten kommen mit ihrer Karte in die Apotheke, wo sie in ein Lesegerät gesteckt wird. Der Kartenbesitzer gibt dann den Zugriff auf die Medikationsdaten frei. Der Apotheker kann sie ergänzen oder ändern, und er kann Arzneimittelsicherheits-Checks durchführen, um zu sehen, ob die Medikamente sich vertragen oder ob Kontraindikationen vorliegen. “Was wir noch nicht realisieren werden sind elektronische Rezepte”, sagte Otter. Auf den ersten Blick mag das merkwürdig klingen. Es ist aber aus der Perspektive Österreichs durchaus nachvollziehbar: Elektronische Rezepte müssten elektronisch signiert werden, und dazu bräuchte es außer der eCard auch ein Werkzeug für eine ärztliche elektronische Signatur. Das aber möchte man den noch an der eCard knabbernden Ärzten offensichtlich im Moment lieber nicht zumuten. Weil sich natürlich auch die Apotheker gegenüber der eCard ihrer Versicherten irgendwie ausweisen müssen, erhalten die an dem Feldtest teilnehmenden Apotheken provisorische Karten. Diese müssen morgens einmal in ein Lesegerät gesteckt werden, und das wars. Signiert werden muss nichts, was das Handling insgesamt wesentlich unproblematischer als beim eRezept macht.

Zweite Übergabe der ersten Karten jetzt auch in Deutschland

Bevor sie mit der Tür ins Haus fallen, blicken die Alpenländler in Sachen elektronischer Heilberufeausweis lieber noch ein Weilchen nach Norden, wo bekanntlich alles auf einmal eingeführt werden soll. Bis es dort allerdings Praxistests gibt, die ernsthaft Auskunft über Funktion und Praktikabilität der elektronischen Arztausweise geben können, wird noch ein Weilchen vergehen. Entsprechend werden sich auch die Apotheker noch gedulden müssen: So schnell wie die österreichischen Apotheker mit der eCard werden die deutschen Apotheker mit der elektronischen Gesundheitskarte nicht in Kontakt kommen. Immerhin fiel Mitte Dezember in Flensburg auch für die deutsche Testphase der offizielle Startschuss. Dabei wurden an die ersten Versicherten “echte” elektronische Gesundheitskarten ausgegeben. Die Karten können jetzt in den an dem Test teilnehmenden Arztpraxen eingesetzt werden. Vier Wochen vorher wurden auf der Medica zwar schon einmal die “ersten” Gesundheitskarten ausgegeben. Aber im Polittheater muss man das alles nicht so genau nehmen. Tatsächlich waren die angeblich so furchtbar echten Karten auf der Medica dann doch nicht wirklich furchtbar echt, trotz anders lautender Beteuerungen einer Reihe gut bezahlter Bürokraten. Fakt ist jedenfalls, dass die mehreren tausend mittlerweile an Versicherte verschiedener Krankenkassen in Schleswig-Holstein und Sachsen verschickten elektronischen Gesundheitskarten nun auch wirklich funktionieren. Nur: Sie können noch gar nichts. Alles was in den Arztpraxen derzeit damit getan werden kann ist, sie in Kartenlesegeräten einzulesen. Angezeigt werden dann die administrativen Versichertendaten und das wars. Ein Schelm, wem das bekannt vorkommt. Als nächstes, und das heißt irgendwann Mitte 2007, sollen dann unbedingt elektronische Rezepte auf der Karte gespeichert werden, bis die Kartenbesitzer schrittweise in eine Online-Welt eintauchen. Und hier erst wären die Deutschen dann in Sachen elektronischer Speicherung von Medikamenten so weit, wie die Österreicher jetzt schon sind. Denn die Arzneimitteldokumentation ist in Deutschland wie in Österreich als Online-Szenario konzipiert.

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