Keep Cool

15. Januar 2007
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Für Tausende von Patienten mit Multipler Sklerose verspricht sie Linderung und mehr Mobilität: Eine ultra-dünne Kühlhose soll ab 2007 die Therapie der Erkrankung ergänzen - wenn sich die Schweizer Erfindung am Markt etabliert.

Wie so oft bei Innovationen spielte der Zufall die entscheidende Rolle.Als eine an MS erkrankte Ärztin in einen Platzregen geriet, stellte sienach wenigen Minuten den wohltuenden Effekt der Kühlung fest. Verblüfftregistrierte die Medizinerin, wie die nasskalte Kleidung ein wahresWunder bewirkte. Die Erkrankte konnte, entgegen der üblichen Weise,deutlich länger gehen und ermüdete dabei trotz MSnicht. Denn die beim Trocknen der Kleider entstehende Verdunstungskältekühlte den Körper deutlich ab, ein Vorgang, der zu einem biochemischenTurboeffekt im Organismus zu führen scheint – auf Grund der Kälteleiten Nervenzellen die Impulse vom Hirn wesentlich schneller weiter,als sonst üblich. Was sich wiederum positiv auf den Zustand dernasskalten Ärztin auswirkte. Nicht nur ließen ihre Gliederschmerzennach, auch Arme und Beine wurden wieder beweglicher.

Ob solcher Beobachtungen stellte sich die Frau ein paar entscheidendeFragen. Könnte dieser Effekt nicht auch ohne Regenguss erzeugt werden?Und ließe sich mit eigens dazu entwickelten High-Tech-Textilien derVerdunstungseffekt nachahmen?

Zwar ist der Bau von Kühlsystemen, die direkt am Körper getragenwerden, nicht neu. Raumfahrt- und Militäranzüge belegen, dass derMensch unter extremen Bedingungen überleben kann, sofern er seineUmgebungs-Temperatur über die Kleidung ausgleicht. Nur: All dieseModelle erweisen sich als wenig alltagstauglich: Denn sie sind sperrig- und somit für Menschen mit MS faktisch ungeeignet.

Keine Heilung, aber Lebensfreude

Um eine tragbare Lösung zu entwickeln, griffen daher Wissenschaftler um Markus Weder von der Empa-Abteilung"Schutz und Physiologie" auf Membranen zurück, die in derBekleidungsindustrie weit verbreitet sind: wasserdichte, aber zugleichatmungsaktive Verbundschichten. Anstatt einer einzigen Lage wählten dieForscher zwei lediglich fünf bis zehn Mikrometer dickePolyesterlaminate, die sie zu einer Hose zusammennähten. Auf dieseWeise bilden die beiden Schichten einen Hohlraum der mit 10 MilliliterWasser befüllt wird. Der Clou: Während das Wasser auf der Außenseiteder Hose verdunstet, stellt sich innen ein angenehmer Kühleffekt ein.

Bis zu 40 Minuten lang lässt sich die Hautoberfläche dadurch um bis zuvier Grad Celsius abkühlen. "Unsere Kühlhose macht nicht gesund",erklärt Markus Rothmaier, Leiter des Projekts, das inzwischen von der "Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft"finanziell unterstützt wurde. Zwar ersetze die Hose kein Medikament undauch keine Behandlung. Aber man wolle mit der Entwicklung Menschen mitMS "ganz einfach ein Stück Lebensfreude zurückgeben".

Wäre die Innovation irgendwo in Europa entstanden, hätte die Story andieser Stelle ein schönes, aber wenig überzeugendes Ende. Denn diemeisten Erfindungen aus den Forschungslaboren staatlicher Stellenverstauben oft als abgearbeitete Projekte. Nicht so in der Schweiz.

Kühlhosen für den Schweizer Markt

So erwarb die Unico swiss texGmbH aus Alpnachstad (OW) von der Empa das Recht, Kühlbekleidung inForm so genannter Cool Pads anzufertigen – nicht nur für MS-Patienten.Schon im Jahr 2007 soll der Verkauf der High-Tech-Klamotten beginnen.Gleichzeitig will die Empa gemeinsam mit dem Unternehmen einegemeinsame Studie an der Rehabilitationsklinik Valens starten, um dieAlltagstauglichkeit und den Effekt der Kühlhose für Patienten zutesten. Zudem ist geplant, auch für andere Körperpartien Kühlbekleidungzu entwerfen. Denn je größer die bedeckte Körperoberfläche ist, umsoeffektiver dürfte auch die Verdunstungskühlung funktionieren. Ob nebenden Extremitäten auch Körperstellen am Rumpf einen Wohlfühleffekt undsomit eine Linderung der MS-Symptome erfahren, sollen aufwendigeVersuche im kommenden Jahr klären.

US-Militärentwicklung lässt die Schweizer kalt

Dass Kleidungfür Patienten mit MS in Zukunft eine weitaus größere Rolle spielenkönnte, als heute noch angenommen, belegen auch Versuche jenseits desAtlantiks – wenn auch im militärischen Bereich. So vergab das Pentagonim Jahr 2002 einen 50 Millionen US-Dollar Auftrag an das renommierteMassachusetts Instituts of Technologies (MIT). Mit dem Geld gründetedas MIT das Institute for Soldier Nanotechnologies (ISN), das vor allemein Ziel verfolgt: Die bionische High-Tech-Kleidung für denunbesiegbaren Superkrieger zu entwickeln.

Als besonders tricky gelten dabei winzige, miteinander vernetzteKunststoffplatten an der Außenhaut der Kampfhosen. Die beweglichenKunsstoffteile bilden nämlich eine Art computergesteuertesAußenskelett. Sensoren in den Stiefeln der Soldaten melden dem Systemdie jeweilige Beschaffenheit des Geländes – der integrierte Computerberechnet, welche Kraft die bionischen Muskeln aufbringen müssen, umden Soldaten zu entlasten. Immerhin 200 Pfund vermag ein mit derartigerKleidung ausgestatteter Soldat nach Angaben des US Army Research,Development and Engineering Command (RDECOM) zu transportieren – fürhumane Wesen ohne Unterstützung aus der Welt High-tech-Kleidung eineschier unmögliches Last.

Dass MS-Patienten im Alpenland eines Tages auf derartige militärischeInnovationen der Amerikaner zugreifen werden, bleibt freilich eherunrealistisch. Denn die Schweizer Forscher nehmen Innovationen imBereich der Medizintechnik lieber selber in die Hand – und behaltenauch in Sachen Kühlsysteme die Hosen an. Die millionenschwerenEntwicklungen aus den USA registrieren die Fachleute zwar auch in derSchweiz. Der Erfolg der eigenen Ideen aber belegt: Im Prinzip brauchthier niemand die Gelder des Pentagon.

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