Die fabelhafte Welt des Höhepunkts

17. Januar 2007
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Potenz steigernde Mittel? Lustpille für die Frau? Alles dröger Stoff im Vergleich zu dem, was Forscher seit geraumer Zeit beschäftigt: die Suche nach dem ultimativen Orgasmus-Hormon.

Oxytocin heißt das magische Hormon, dass Mütter während des Stillensund Frauen während des Orgasmus ausschütten. Über die Rolle desBotenstoffes wissen Mediziner seit Jahren Bescheid – doch erst jetztwarten sie mit handfesten experimentellen Ergebnissen auf. In derErforschung des körperlichen Liebesgefühls gibt es demnach neueHöhepunkte zu vermelden.

Oxytocin besitzt Schlüsselpositionen

Für Aufsehen sorgte beispielsweise vor rund einem Jahr einForschungsteam der Universität Zürich. Dort konnte der PsychologeMarkus Heinrichs vom Psychologischen Institut erstmals zeigen, dassOxytocin eine wichtige Rolle für das menschliche Vertrauen spielt.Tatsächlich hatten Probanden, denen Oxytocin durch die Nase verabreichtwurde, ein signifikant größeres Vertrauen in andere Menschen alsProbanden, die ein Placebo bekamen. Die Experimente der ZüricherWissenschafter zeigten zudem, dass das Hormon ganz spezifisch dieindividuelle Bereitschaft für soziale Risiken im Umgang mit anderenMenschen steigert. "Mit unserer Studie haben wir die ersten Bausteineder biologischen Basis von Vertrauen entdeckt", erläutert MitautorMichael Kosfeld, und: "Unsere Ergebnisse eröffnen die aufregendeAussicht, bald noch weitere Bausteine der Biologie des prosozialenVerhaltens zu finden."

Zwar war schon vor der Schweizer Studie bekannt, dass beinichtmenschlichen Säugetieren Oxytocin eine Schlüsselposition für diePaarbindung besitzt. Es bestimmt nicht nur die mütterliche Fürsorge unddie soziale Bindungsfähigkeit – sondern auch das Sexualverhalten derTiere. Außerdem vermindert das Hormon Ängstlichkeit und dieneuroendokrine Antwort auf sozialen Stress. Männliche Präriewühlmäusebeispielsweise, die zahlreiche Oxytocinrezeptoren in denBelohnungsarealen ihres Gehirns besitzen, sind monogam und kümmern sichum ihren Nachwuchs. Die mit ihnen genetisch nahe verwandte Bergwühlmaushingegen, die kaum Oxytocinrezeptoren in den Belohnungszentren ihresGehirns besitzt, ist polygam und die Männchen zeigen keine elterlicheFürsorge.

Dass Sex dem Menschen gut tut, lässt sich angesichts der Rolledes Hormons mittlerweile gut belegen. Denn Oxytocin wird während desOrgasmus ausgeschüttet – uns setzt eine Menge an Folgereaktionen inGang, wie der Zürcher Psychologe Markus Heinrichs herausfand. Danachreduziert Oxytocin die Ängstlichkeit und steigert denstressausgleichenden Effekt.

"Rein wissenschaftlich betrachtet ist Oxytocin ein zyklischesPeptid, das im Hirn von allen Säugetieren produziert wird. Wenn es überdie Blutbahnen in den Körper gelangt, bewirkt es die Kontraktion derglatten Muskulatur, etwa wenn sich beim Orgasmus bei der Frau dieGebärmutter oder beim Mann der Samenleiter rhythmisch zusammenzieht",erklärt der Chemiker und Bestsellerautor Rolf Froböse dieFunktionsweise der Substanz. Wie komplex die Zusammenhänge zwischenLiebe, Orgasmus und Hormonen sind, schilderte Froböse in seinem Buch"Lust und Liebe. Alles nur Chemie?" – mehr als 300 Seiten waren nötig,um den globalen Status quo in Sachen Liebesforschung zu erfassen.

Sex tut gut – aber nur mit Oxytocin im Blut

Zuden bekanntesten Forschern auf diesem Gebiet zählt Richard Ivell,Professor am Institut für Hormonforschung der Universität Melbourne.Für Forscher Ivell, der in Froböses Buch ausführlich über seineArbeiten berichtet, sind die Segen des Hormons unübersehbar: "Es dürfteam Oxytocin liegen, dass sich selbst der schlimmste Beziehungsstressoftmals nach einem erfolgreichen Schäferstündchen wieder abkühlt".

Um die emotionale Funktion von Oxytocin zu testen, ließ Ivell in einerStudie Studenten zunächst ihr Blut untersuchen. Danach forderte sie derWissenschaftler auf, zu masturbieren. Ein zweiter Bluttest brachte daszu Tage, was Ivell zuvor vermutete: Der Oxytocingehalt war nach demExperimentalakt um ein Mehrfaches angestiegen. In einer zweitenTestreihe musste die Gruppe erneut "im Dienste von Wissenschaft undForschung masturbieren", wie Froböse in seinem Buch schreibt. Dochdie Probanden bekamen vor Beginn der experimentellen Arbeit einenOxytocin-Blocker verabreicht. Einen Unterschied im Lustgefühl bemerktensie in Folge dessen zwar nicht. Aber ohne die körpereigeneHormonproduktion mussten sie feststellen, "dass es ihnen im Gegensatzzur ersten Sitzung überhaupt keine Freude bereitet hatte", wie ChemikerFroböse zu berichten weiß.

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