Teufelskreis Armut: Schulterschluss statt Ellbogen raus

20. November 2013
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Armut macht krank, Krankheit kann noch ärmer machen - die ungenügende Gesundheitsversorgung armer Menschen in Deutschland ist teilweise dramatisch. Lest hier, was Sache ist und wie auch Ihr Euch im Kampf gegen Armut engagieren könnt.

Mehrere Millionen Menschen in Deutschland leben in Armut, haben mit horrenden Lebensbedingungen zu kämpfen und sind von einem Großteil der Gesellschaft ausgegrenzt. Sie leiden psychisch und physisch, sterben deutlich früher als der Durchschnitt der Bevölkerung – im kollektiven Bewusstsein ist dies nicht präsent. „Die mangelnde Information über die teilweise, dramatische Unterversorgung armer Menschen in Deutschland ist skandalös“, meint Sozialmediziner Doktor Gerhard Trabert, Professor an der Hochschule Wiesbaden und Vorreiter im Kampf gegen Armut (DocCheck berichtete).

Zehn Prozent zu viel

Lasst uns zunächst einmal Klarheit schaffen: In Armut zu leben bedeutet konkret, ein Netto-Einkommen von weniger als 60 % des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung zu haben, in der Bundesrepublik liegt diese Grenze bei 869 € monatlich. Diesbezüglich erfasste das statistische Bundesamt 2012 eine unglaubliche Zahl – 16 Millionen Deutsche würden in Armut leben. Über die Methodik hinter dieser Erhebung und wie man Armut messen kann wird heftig gestritten. In Wahrheit leben vielleicht 10 Prozent der deutschen Bevölkerung in Armut oder sind armutsgefährdet und damit zehn Prozent zu viel. Wenn wir von armen Menschen sprechen, ist konkret meist von alleinerziehenden, schlecht verdienenden Müttern, Langzeitarbeitslosen, ausländischen Mitbürgern und allein lebenden Rentnern die Rede.

Monat für Monat müssen sie sich um ihre nahe und ferne Zukunft sorgen, haben oft nicht einmal das Allernötigste zum Leben zur Verfügung – eine psychische und physische Belastung, die man sich nur schwer vorstellen kann. Diese enormen Stressfaktoren stellen wiederum einen idealen Nährboden für den Ausbruch von Krankheiten dar. Arme Menschen haben häufig Bluthochdruck und sind von chronischen Lungenkrankheiten, Myokardinfarkten und psychischen Erkrankungen betroffen. Dies führt letztendlich dazu, dass arme Männer eine um 11 Jahre geringere Lebenserwartung als Besserverdiener haben, bei Frauen beträgt der Unterschied 8 Jahre, das muss man sich einmal vor Augen führen. Es gilt die These: Armut macht krank und Krankheit kann noch ärmer machen – ein Teufelskreis. Und es wird nicht besser: Die Lohnschere wird immer breiter, aus der ärmsten Gesellschaftsschicht zu entfliehen immer schwerer. Seit 2004, dem Jahr der Hartz-IV-Reformen und damit der Einführung des Arbeitslosengeldes II, ist die Lage für Arme noch ein wenig verzwickter geworden – es ist zum Haare raufen.

Entwertung und Entmündigung

„Selbst schuld, wo ein Wille, da ein Weg“, denkt man sich vielleicht. Die Gefahr ist groß, hier anhand des eigenen Erfahrungsschatzes und der daraus begründeten Wert- und Moralvorstellungen Arme vorschnell zu be- und verurteilen, ohne ihre Geschichte zu kennen. Diese Menschen leben in einer Erfahrungswelt, die für Wohlsituierte schlicht nicht greifbar ist. Zudem greift das Schreckgespenst Armut immer mehr auch auf die ehemalige Mittelschicht über. Plötzliche Armut, bedingt durch Firmenpleiten (Stichwort „Krisenverlierer“) und damit einhergehender Arbeitslosigkeit und/oder Scheidung, ist keine Seltenheit. Der schockhafte soziale Abstieg veranlasst die Betroffenen dann zu von außen nicht nachvollziehbaren Entscheidungen, sie lassen sich fallen. Vor allem Männer neigen dann dazu, alles wegzuschmeißen und zur Flasche zu greifen. Des Weiteren haben viele der Armen einen Migrationshintergrund und dadurch mit Ressentiments und Sprachbarrieren zu kämpfen. „In Armut zu leben, führt zu einer schrittweisen Verelendung, die Menschen verlieren ihre Selbstidentität“, erklärt Professor Trabert. „Sie haben meist jahrelange Erfahrungen der Entwertung und Entmündigung gemacht, zweifeln an sich selbst. Viele von ihnen können einfach nicht mehr. Unsere Pflicht ist es, ihre Existenz zu sichern, ihnen mit Wertschätzung und Empathie zu begegnen und sie in unsere Gesellschaft zu reintegrieren“.

Als Mann, der etwas verändern will, setzt Professor Trabert dieses Credo auch sehr eindrücklich in die Tat um: Viel wurde und wird über seine Arbeit in Mainz berichtet, wo er seit über 15 Jahren mit seinem „Arztmobil“ wohnungslose Menschen auf der Straße ansteuert, um sie zu versorgen.

Aktiv einfordern

Trabert ist Mitglied in zahlreichen Gremien und (auch politischen) Ausschüssen, unter anderem sitzt er auch im Vorstand des Vereins „Armut und Gesundheit“, der in diesem Jahr eine eigene Poliklinik für Arme errichtet hat. „Leider kommt das Thema der mangelnden Gesundheitsversorgung Armer, genauso wie die Ausbildung in sozialer Kompetenz, in den Curricula der Universitäten viel zu kurz. Die Studenten sollten dies aktiv einfordern“, so Professor Trabert. „Wir planen derzeit gemeinsame Vorlesungen für Studenten der Humanmedizin sowie der Sozialwissenschaften, um die Vernetzung zwischen diesen Disziplinen zu fördern.“

Wie kann man sich am besten bereits während des Studiums für dieses Thema engagieren? „Die Arbeit mit sozial Benachteiligten ist etwas Originäres, man muss ein Gespür für die Tätigkeit im sozialmedizinischen Bereich bekommen und die Strukturen kennenlernen. Eine gute Möglichkeit dazu ist, einmal bei einer entsprechenden Organisation zu hospitieren oder in einer der Versorgungseinrichtungen für Arme zu famulieren. Auch eine Auslandsfamulatur in einem Land, wo die Standards der Gesundheitsversorgung deutlich niedriger als in Deutschland sind, kann ich nur anraten.“ Selbst hat der Sozialmediziner bereits unter anderem in Indien, Syrien, Bali und Grönland gearbeitet und sich für die Gesundheitsversorgung Bedürftiger engagiert.

Parallel-Medizin außerhalb der Maschen

Neben der Initiative in Mainz gibt es natürlich auch andere Organisationen, für die Ihr Euch einsetzen könnt: In Berlin findet an der Technischen Universität im März 2014 der deutschlandweit größte Public Health Kongress mit dem Thema „Armut und Gesundheit“ statt. In Ulm haben Medizinstudenten das Projekt „Medinetz Ulm“ ins Leben gerufen, mit dem Ziel, im Rahmen von Sprechstunden medizinische Hilfe für Flüchtlinge, Migranten ohne Aufenthaltsstatus und Obdachlose respektive Menschen ohne Versicherung zu vermitteln. In Hagen in Nordrhein-Westfalen in der Einrichtung „Luthers Waschsalon“ beraten beziehungsweise behandeln Medizin- und Zahnmedizinstudenten der Privatuniversität Witten/Herdecke sozial Benachteiligte kostenlos.

Aber Achtung! Medizinstudenten dürfen Obdachlose nicht selbstständig behandeln, auch eine medizinische Beratung ohne Aufsicht eines Arztes ist nicht erlaubt, lediglich ein „begleitendes Gespräch“. Die Gefahr, in Konflikt mit den Behörden zu kommen, ist gegeben und muss von jeder studentischen Initative beachtet werden. Die aufgelisteten Initiativen gelten lediglich beispielhaft. Wer im Internet recherchiert, wird auf ein breites Spektrum an Initiativen treffen. Es hat sich aufgrund des massiven sozialen Missstandes mittlerweile eine Art Parallel-Medizin für die Menschen entwickelt, die durch die Maschen des sozialen Netzes fallen. Die zahlreichen Ärzte, die sich hier ehrenamtlich und während ihrer raren Freizeit engagieren, begehren auf, fordern vehement politische Maßnahmen angesichts der vielen Baustellen im Sozialsystem.

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Professor Trabert in Aktion. © Armut und Gesundheit in Deutschland e.V.

Was ist das Entscheidende bei der Arbeit mit sozial Benachteiligten? Laut Professor Trabert sei „es von größter Bedeutung, eine dauerhafte, vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, vieles funktioniert nur durch Kontinuität, durch Gespräche, die geprägt sind von Respekt, Wertschätzung und Anerkennung gegenüber den Patienten. Man sollte jedoch gleichzeitig als Therapeut nicht zu hohe Erwartungen haben, es kann jahrelang dauern, bis man den Menschen dem Punkt annähert, an dem er sein Leben wieder selbst in die Hand nimmt. Jedem, der sich engagieren möchte, rate ich, eigene Erfahrungen in Institutionen, die mit und für benachteiligte Menschen aktiv sind, zu sammeln. Sich selbst in diesem Arbeitsfeld zu erleben, um dann selbstkritisch die eigenen Ressourcen zu reflektieren. Vernetzung und Kooperation sind in der Praxis wichtige Grundpfeiler.“ Angst vor etwaigen Übergriffen müsse man übrigens nicht haben, „im Gegenteil, man wird von den Menschen sogar sehr respektiert, weil sich endlich jemand Zeit nimmt für sie.“

Unter dem Radar

Christine, eine ehemalige Kommilitonin, schildert ihre Sichtweise: „Ich selbst habe den Eindruck, dass dieses Thema auf den Radaren sehr vieler Leute gar nicht erst erscheint. Jeder Mensch weiß, wo sich der nächste Peek und Cloppenburg oder Apple Store befindet, aber wie viel Prozent der Deutschen eigentlich an der Armutsgrenze leben, das weiß eigentlich kaum jemand. Das ist traurig, aber es ist so, das muss mehr kommuniziert werden und natürlich sollten wir versuchen, die Situation zu verbessern.“

Das längerfristige Ziel ist ein Wertewandel in der Gesellschaft, mehr soziale Wärme, Schulterschluss statt Ellbogen raus. Professor Trabert formuliert es drastisch: „Die Werte Würde, Respekt und Anerkennung jedes Einzelnen müssen wieder Einzug halten in unsere Gesellschaft – unsere speziellen medizinischen Angebote für von Armut Betroffene dürfen keine Dauerlösung sein. Unser „normales“ Gesundheitssystem muss die Versorgung aller gewährleisten. Es darf keine Zwei- oder Drei-Klassenmedizin geben.“

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2 Kommentare:

Dr. med. G. Meurer
Dr. med. G. Meurer

Sehr geehrte Kollegin,

ich gebe Ihnen in Ihrem Vorkommentar uneingeschränkt Recht! Ergänzen möchte ich diesen noch um einen Verweis auf ein Vorzeigeprojekt im Raum Berlin. Dort können auch Langzeitarbeitslose ihren Beitrag im Rahmen des Projekts “Urban Gardening” leisten, was auch eine erbeliche psychische Entlastung für diese darstellt, da sie durch die Einbindung in dieses Projekt nicht mehr nur von sozialen Transferleistungen abhängig sind. 3sat berichtete: http://www.youtube.com/watch?v=qc427F57Vhg (Urban Gardening – Stadtgärten in Berlin)

Ein weiteres Projekt in diesem Sinne wurde in der rheinland-pfälzischen Stadt Andernach beschritten. Auch dort nehmen Langzeitarbeitslose und Hartz-4-Empfänger unmittelbar an der Gestaltung der Stadt teil. 3sat berichtete auch hier: http://www.3sat.de/page/?source=/nano/umwelt/163173/index.html (Gärten für alle – In Andernacher Gärten dürfen Bürger sich bedienen)

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Dr. med. Anja Müller
Dr. med. Anja Müller

Der NDR hatte im Jahr 2012 einen satirischen Sendebeitrag mit dem Titel “Gier frisst Gehirn” publiziert.

Angesehen werden kann der Beitrag unter dieser Adresse: http://www.youtube.com/watch?v=AVPxWcpml3Y

(YouTube: Gier frisst Gehirn? Schlegl besucht Banker)

Ich finde es gut, dass auch wir Ärzte (noch) mehr in die Verantwortung für das Überwinden von Armut in der Gesellschaft genommen werden. Das allein kann es aber nicht sein.

“Der Gini-Koeffizient oder auch Gini-Index ist ein statistisches Maß, das vom italienischen Statistiker Corrado Gini zur Darstellung von Ungleichverteilungen entwickelt wurde. Ungleichverteilungskoeffizienten lassen sich für jegliche Verteilungen berechnen.” (Wikipedia)

Adresse: http://de.wikipedia.org/wiki/Gini-Koeffizient

Dabei gilt: Ab einer bestimmten Größe des Gini-Koeffizienten für Einkommens- und Vermögensungleichverteilungen können auch die Vermögenden ihren Reichtum weniger oder kaum noch genießen, dann nämlich, wenn Finanzierungsengpässe im Bereich des Bildungs- oder Gesundheitswesens oder bei der polizeilichen Infrastruktur entstehen, bzw. zugelassen werden.

“Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.” Artikel 14, Absatz 2, Grundgesetz

Freundliche Grüße,

Dr. med. Anja Müller

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