Und sie tun es doch…

17. Januar 2007
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Das Thema Alterssexualität weckt bei vielen Assoziationen einer problembehafteten Angelegenheit. Die sich bei Jüngeren instinktiv einstellenden Fragen reichen von "Gibt es das denn?" bis "Muss das sein?". Nein, es muss nicht - sollte aber dürfen. Positive Beispiele dafür gibt es genug.

Obwohl der Sex im Alter von den Medien, insbesondere vom Fernsehen alsgesellschaftlich längst enttabuisiert gilt, stellt sich das imwirklichen Leben oft anders dar. Spätestens wenn es die eigenen Elternoder Großeltern im Alter noch "tun", bekommt die Sache einenoft weniger appetitlichen Beigeschmack für die Jüngeren.

Sex im Alter ist keine Frage von Pillen

Eine geschmacksneutrale Annäherung an das Thema bietet der empirischeAnsatz. Einerseits gelten physiologische Hemmnisse dank medizinischerErrungenschaften wie den PDE-5 Hemmern inzwischen als so gut wiebehoben. Andererseits sind bestimmte Parameter messbar. Sex lässt sichin Frequenz und Alter in Jahren statistisch erfassen. Aber was weiß manwirklich, wenn man weiß, wer in welchem Alter wie oftGeschlechtsverkehr ausübt? DocCheck nähert sich dem Thema daher einmalganz unwissenschaftlich, unrepräsentativ und ohne Statistik, dafür abermit persönlichen Erfahrungen. Zum Beispiel mit zwei Bewohnern derBerliner Seniorenresidenz Sunpark*:

Mit über 70 im 7. Himmel

Ingrid Kärrner und Hans Weigand sind beide über 70, lernten sich imSunpark kennen und entdeckten ein ganz neues Lebensgefühl, nicht nur insexueller Hinsicht. Frau Kärrner berichtet von einem viel bewussterenEmpfinden der gemeinsamen Zeit und einer deutlich intensiver erlebtenKörperlichkeit. Im Gegensatz zu früher spricht sie mit ihrem neuenPartner auch über Sex und ist in der Lage, ihre Wünsche zu äußern. FrauKärrner und Herr Weigand behalten separate Wohnungen, bewahren sichdadurch ihre Unabhängigkeit und genießen umso mehr die Lust auf- undaneinander.

Die Tochter kann es nicht fassen

Oft zeigt sich, dass Alterssexualität für die sogenannten Alten selbstvöllig normal, dagegen für die Jüngeren unverständlich oderproblematisch ist. Die verwitwete Monika Martin zum Beispiel lernte imAlter von 56 Jahren einen neuen Mann kennen. Bei Besuchen der Familiesind Frau Martins Kinder peinlich berührt, vor allem die Tochter kannes nicht fassen: Das verliebte Pärchen hält andauernd Händchen, nesteltüberschwänglich aneinander herum und kann überhaupt nicht mehrvoneinander lassen. Mutter und ihr neuer Freund benehmen sich wiepubertierende Teenager! Die Schmetterlinge im Bauch der Seniorenbringen einen unangenehmen Beigeschmack für die Kinder mit sich, die anden verstorbenen Ehemann und Vater denken. Monika Martin hatschließlich jahrzehntelang ihren Kindern Tugenden wie eheliche Treueund Disziplin vorgelebt. Ältere Leute empfinden ihre Verliebtheit imAlter allerdings keineswegs als Untreue: Jeder weiß, dass derverstorbene Ehepartner des anderen immer der und die "'Eigentliche"bleibt, sich aber der neuen Liebe nicht in den Weg stellen würde. Wasdie Kinder – besser? – nicht wissen: Monika Martin und ihr neuerPartner haben beide ein erhebliches sexuelles Nachholbedürfnis, nachdemsie vorher über 10 bis 15 Jahre wegen körperlicher Probleme ihrerdamaligen Partner abstinent waren.

Kabale und Liebe in der Seniorenresidenz

Nähert man sich der Alterssexualität über die persönlichen Erfahrungender Menschen, gewinnt man eine insgesamt erstaunlich simple, abergesellschaftlich wenig verbreitete Erkenntnis: Im Alter benehmen sichdie Leute auch nicht anders als in anderen Lebensphasen. Dasdemonstrieren die Bewohner vom Sunpark sehr anschaulich. Bei Partys,Tanzveranstaltungen und Gesellschaften in der Senioren-Residenz beweistsich zum Beispiel der 85-jährige Max Karau regelmäßig als echterCharmeur mit unbändiger Lust am Flirten. Um die Gunst von Anna Schlegelmusste er sich allerdings lange bemühen. Endlich wurden die beiden einPaar und stellten sich gegenseitig ihren Familien vor. Trotzdem hieltdie Liaison nicht lange. Auf heftiges Verliebtsein folgten Streit überdie unterschiedlichen Vorstellungen von Nähe und Verbindlichkeit derBeziehung und schließlich die Trennung. Eine Episode, die genauso bei20- wie bei 40-Jährigen Gang und Gäbe ist.

Alterssex ist die Regel, nicht die Ausnahme

Schmachten, Turteln, Flirten, Begehren, Eifersucht gehören genauso zumLeben im Alter wie das Bedürfnis nach körperlicher Nähe vonZärtlichkeit bis zur Sexualität. Letztere wird laut persönlicherAussagen oft sogar bewusster erlebt als in jungen Jahren. Schließlichist das Liebesleben in jedem Lebensalter eine Frage der seelischen undgeistigen Lebendigkeit, die sich viele Menschen bis ins hohe Alterbewahren. Auch in Sachen Sexualität ist man immer so alt, wie man sichfühlt. Zumindest solange, bis die physiologischen Begleiterscheinungendes hohen Alters ab circa 80 Jahren dann doch über die körperliche Lustobsiegen. Prinzipiell aber ist Sex im Alter wie in jeder anderenLebensphase auch der Normal- und nicht der Ausnahmezustand.

* Namen aller genannten Personen von der Redaktion geändert.

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