Schlecht geschlafen? Bitte spucken!

17. Januar 2007
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Rauchen? Verboten. Alkohol? Auch bald vorbei. Demnächst könnte es auch noch den Nachteulen unter uns an den Kragengehen. Denn ein Speicheltest verrät jetzt, wie viel Sie geschlafen haben. Droht neben dem Pusteröhrchen jetzt auch der Spucknapf?

Alle reden von Präventivmedizin, aber keiner sagt so genau, wie weit er es damit eigentlich treiben will. Nichtrauchen in Gaststätten? O.k.. Kein Alkohol auf offener Strasse? Schon schwieriger. Zusatzversicherung für Skifahrer? Umstritten. Jährliches Ganzkörper-MRT auf Kassenkosten? Uuuuuuhhhh. Doch die Optionen werden nicht weniger, sondern mehr. Zum Armentarium des Präventivmediziners könnte sich demnächst noch ein weiteres Utensil gesellen: ein Spucknapf.

Hirn an Speicheldrüse: Ich bin müde.

Aber fangen wir von vorne an: Wissenschaftler vom Washington University Sleep Medicine Center berichten in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift PNAS über ein ungewöhnliches Forschungsprojekt. Sie haben nämlich nach Biomarkern gesucht, die ihnen bei der Diagnose von schlafbezogenen Krankheiten helfen könnten. Was sie schließlich gefunden haben ist ein Enzym, dass zwar nicht anzeigt, wann jemand schlecht schläft. Es signalisiert aber deutlich, wenn jemand zu wenig schläft. Es handelt sich dabei nicht um ein neues Enzym, sondern um die altbekannte Amylase , ein Verdauungsenzym für Kohlenhydrate. Um die Amylase haben sich bisher allerdings vor allem Gastroenterologen gekümmert, und dann auch nur um die im Serum. Es brauchte schon einen Neurowissenschaftler, um zu erkennen, dass eben jene Amylase, wenn sie im Speichel gemessen wird, Aussagen darüber erlaubt, wie viel "Schlafschuld" ein Mensch eingegangen ist. Die ursprünglichen Experimente haben Studienleiter Paul Shaw und seine Kollegen mit dem Speichel von Fruchtfliegen gemacht, denen sie gezielt Schlaf entzogen haben. Der Speichel war deswegen besonders interessant, weil jene Hirnregionen, die das Schlafbedürfnis regulieren, in engem Austausch stehen mit jenen, von denen aus die Speicheldrüsen bedient werden. Anhand der Fliegen konnten die Wissenschaftler nun nachweisen, dass der Amylasegehalt im Speichel umso stärker anstieg, je länger den Fliegen Schlaf entzogen wurde.

Gibt es bald den Chip zum Test auf Schlafmangel?

Der Anstieg des Amylase-Werts war dabei unabhängig von der Art des Schlafentzugs. "Mit Hilfe von mutierten Fliegen konnten wir auch zeigen, dass die Beobachtung erhöhter Amylase-Werte nichts damit zu tun hat, dass die Tiere einfach nur länger wach sind. Wir waren sehr erfreut, dass der Amylase-Level so gut mit der Dauer des Schlafentzugs korreliert", so Shaw. Auch beim Menschen konnte er in weiteren Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen Schlafentzug und Amylase-Gehalt im Speichel feststellen. Trotz der überraschenden Genauigkeit der Amylase-Messung ist der Neurobiologe dennoch der Auffassung, dass Tests, die mehrere verschiedene Biomarker im Speichel erfassen, für eine Diagnostik des Schlafstatuts langfristig besser geeignet sind als ein reiner Amylase-Test. Wir bewegen uns damit in die Domänen der Biochipdiagnostik, was für spätere präventivmedizinische Einsätze des neuen Verfahrens durchaus Praktikabiltätsvorteile haben könnte. Was genau Shaw diagnostisch mit einem Test auf Schlafentzug erreichen möchte, bleibt allerdings im Nebulösen. "Ich hoffe, dass diese Entdeckung die Menschen dazu bringt, mehr über die Gefahren von chronischem Schlafentzug nachzudenken", sagt er. Vor allem denkt er dabei an Autofahrer, die in den gefürchteten Sekundenschlaf verfallen und dann Unfälle verursachen, ein auch von deutschen Schlafmedizinern mit schöner Regelmäßigkeit beschworenes Szenario. Nur: Wie lassen sich schläfrige Autofahrer und ein Amylase-Test zusammenbringen? Oder, anders ausgedrückt: Würde sich ein Autofahrer, der sich müde ans Steuer setzt, von einem Amylase-Test daran hindern lassen, los zu fahren?

Als Extra gibt's den Biochip-Spucknapf für tausend Euro

Es gäbe da freilich noch ein paar andere Varianten. So könnte das berühmte Röhrchen des Streifenpolizisten demnächst durch einen obligatorischen Spucknapf ergänzt werden. Nicht nur Alkoholsünder, sondern auch Schlafsünder könnten so polizeilich dingfest gemacht und der gerechten Strafe zugeführt werden. In Analogie zu ähnlichen Werkzeugen für Alkoholiker ließe sich bei Wiederholungstätern auch eine an die Benutzung eines Spucknapfs mit Amylase-Messung gekoppelte Wegfahrsperre vorstellen, die, entsprechende präventivmedizinische Lobbyarbeit vorausgesetzt, als verpflichtendes Extra analog dem Rußfilter konzipiert werden könnte. Schließlich wäre auch noch eine kontinuierliche Amylase-Messung mit Alarmfunktion, zum Beispiel mit Hilfe einer Sensorzahnspange, vorstellbar. Die erhobenen Werte könnten dann entweder dem Schlaftherapeuten online zugänglich gemacht werden, oder aber im Sinne einer geschlossenen Rückkopplungsschleife direkt an ein Endgerät weiter geleitet werden. Ob das nun das Handy ist, das klingelt, der iPod, der plötzlich auf Heavy Metal umschaltet oder der GPS-Navigator, der auf Kommando des Sensors die Koordinaten des nächsten Hotelzimmers ausspuckt, das wäre dann ganz den individuellen Vorlieben überlassen.

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