Liegestützen ohne Reue

22. Januar 2007
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Muskelmänner und Muskelfrauen aufgepasst! Möglicherweise hat Euer Leiden nach einer Überdosis Kraftraum bald ein Ende. Mindestens so gut wie Schmerztabletten scheint beim Workout-Burnout das altbekannte Coffein zu helfen. Ob gefiltert oder als Tablette - in jedem Fall rezeptfrei.

Das Problem ist bekannt. Wer es nach zehn Wochen Arbeitsstress endlich mal wieder ins Fitnessstudio schafft, den plagt das schlechte Gewissen wegen seiner fünfhundert Euro teuren Jahreskarte. Schon alleine deswegen wird in dieser Situation dann der Gerätezirkel mindestens zweimal durchlaufen. Zumindest aber gönnt der Trainierende seine Muskeln gerne mal ein paar Kilogramm mehr als angesichts der vorhandenen Körperkapazitäten vielleicht geraten wäre. Die Konsequenz: Zunächst gibt es ein wohliges Gefühl. Nach ein, zwei Tagen aber kommt der Kater, und es geht plötzlich gar nichts mehr.

Entlastung für den King of Pain

Gegen dieses Muskelkatermartyrium ist zwar kein Kraut gewachsen, wohl aber ein Strauch. Er ist wohlbekannt und hört auf den Namen Coffea arabica, die Kaffeepflanze. Über ihre Forschungsarbeiten zwischen Starbucks-Filiale, Coffein-Tablette und Muskelbude berichten Wissenschaftler der Universität Georgia in der Februarausgabe der Fachzeitschrift Journal of Pain. In ihrer mit neun Teilnehmerinnen zwar kleinen, aber immerhin doppelblinden, placebokontrollierten Studie haben die Forscher untersucht, welchen Effekt fünf Milligramm Coffein pro Kilogramm Körpergewicht auf jene verzögert einsetzenden Muskelschmerzen haben, die jeder Fitnessjünger nur zu gut kennt. Die an der Studie teilnehmenden Damen durften weder übermäßig trainiert sein noch dem Kaffeekonsum übertrieben zugetan. Sie wurden an eine Apparatur angeschlossen, die ihren Quadriceps insgesamt 64 mal elektrisch stimulierte. Dies geschah so, dass eine Muskelbelastung resultierte, die jener nahe kam, die auch entsprechende Geräte im Fitnessstudio bewirken, wenn sie übertrieben benutzt werden. Genau 24 und 48 Stunden nach diesem elektrischen Quadriceps-Workout erhielten die jungen Frauen in der Verumgruppe ihre Coffein- oder Placebodosis, die bei durchschnittlicher Körpergröße im Verumarm in etwa dem Coffeingehalt von zwei Tassen Kaffee entsprach. Jeweils eine Stunde nach dieser Therapie wurden die Probandinnen dann aufgefordert, den lädierten Quadriceps maximal und submaximal zu kontrahieren. Danach wurde die Schmerzintensität auf einer einhundertteiligen visuellen Analogskala abgefragt, um zu sehen, ob es irgendwelche Unterschiede zwischen Coffein-Einnahme und Placebotherapie gab.

Renaissance der Coffein-Tablette

Tatsächlich gab es sie: Bei maximaler Kontraktion gaben die Frauen, die Coffein geschluckt hatten, im Mittel eine um statistisch signifikante 48 Prozent geringere Schmerzintensität an als jene, die Placebo geschluckt hatten. Bei submaximaler, exzentrischer Kontraktion war der Unterschied nicht mehr ganz so ausgeprägt, betrug aber immer noch 24 Prozent zugunsten der Coffein-Intervention. Dass sich daraus im Fitnesszeitalter eine Renaissance der ein wenig in Vergessenheit geratenen Coffein-Tablette ableiten könnte, zumindest aber eine der Gesundheit dienliche Umsatzstütze für Starbucks und Co, davon sind die Wissenschaftler um Professor Patrick O'Connor überzeugt. “Häufig nehmen Menschen ASS oder Ibuprofen gegen Muskelschmerzen, aber Coffein scheint genauso wirksam zu sein, zumindest bei Frauen, die sonst wenig Coffein zu sich nehmen”, so O'Connor. Studienleiter Viktor Maridakis spielt bereits mit dem Gedanken, Coffein in das reguläre Angebot von Fitnessstudios aufzunehmen: “Wenn Coffein gegen Muskelschmerzen hilft, dann könnte es vielen den Einstieg in ein längeres Übungsprogramm erleichtern.” Nun ist die Coffein-Tablette tête-à-tête mit den Aminosäurebüchsen im Fitnessstudio schon aus rechtlichen Gründen kaum vorstellbar. Für Apotheken allerdings öffnen sich hier neue Betätigungsfelder. Zur reisemedizinischen könnte die fitnessmedizinische Beratung treten, bei der außer Coffein-Tabletten und Eiweißpräparaten auch Monitoring-Equipment und Energiedrinks zur Sprache beziehungsweise zum Verkauf kommen könnten. Und eine Center-Apotheke in unmittelbarer Nachbarschaft zu Fitness Company und Co könnte auch gleich noch vor Ort eine Beratung einführen.

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