Publizieren ohne Aufpasser

26. Januar 2007
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Über die medizinische Fachzeitschrift der Zukunft diskutieren Experten seit Jahren. Der neueste Trend sind Blogs, in denen Wissenschaftler ihren Kollegen die Meinung geigen können. Der Peer Review à la Web 2.0 kämpft allerdings noch mit Akzeptanzproblemen.

Forschung 2050: Nach einem erfolgreichen Wochenende zwischen Zellkultur und FACS-Maschine erholt sich der Laborchef einen Nachmittag lang im Grünen. Zur Entspannung tippt er ein paar Kommentare zu den Forschungsarbeiten seiner Kollegen von der anderen Seite des Erdballs in ein Blog. Die fühlen sich düpiert. Die Fetzen fliegen. Ganz sachlich versteht sich.

Volksabstimmung über Wissenschaft

So oder ähnlich hatte sich das die angesehene Fachzeitschrift Nature wohl vorgestellt, als sie im Sommer 2006 einen Feldversuch startete, bei dem eingereichte Forschungsarbeiten ("Papers") nicht nur, wie üblich, an meistens zwei ausgewählte Kollegen verschickt wurden, um sie von ihnen begutachten zu lassen. Zusätzlich setzte die Nature-Redaktion in diesem Fall auf das Internet. Sie schuf eine Seite, auf der eingereichte, aber noch nicht veröffentlichte Arbeiten frei zugänglich gemacht wurden. Wissenschaftler waren nun eingeladen, in einem Blog ihre Meinung dazu kund zu tun. Das komplette "Tagebuch" wollte die Redaktion dann zusätzlich zu den Antworten der beiden externen Reviewer als Bewertungsgrundlage für die redaktionelle Entscheidung heran ziehen, ob der eingereichte Forschungsbeitrag nun wirklich bei Nature veröffentlicht wird oder nicht. "Community based open peer review" nennen Fachleute dieses Verfahren, bei dem Kollegenmeinungen per Website eingeholt werden. Es ist "offen", weil diejenigen, die sich an dem Blog mit kritischen oder lobenden Beiträgen beteiligen, ihren Namen angeben müssen. Und es ist "gemeinschaftlich", weil eben nicht nur ausgewählte Experten angeschrieben werden, sondern jeder Kommentare abgeben kann, der meint, etwas vom Thema zu verstehen. Offensichtlich inadäquate Kommentare werden von der Redaktion ausgesiebt, alles andere bleibt stehen. Die Idee ist nicht von der Hand zu weisen: Medien, die in der Öffentlichkeit breite Aufmerksamkeit genießen, und die ihre ins Internet gestellten Artikel für Kommentare öffnen, machen alle ähnliche Erfahrungen: Das fachliche Niveau vieler Kommentatoren ist höher als das des Artikels. Etwas ähnliches, so die Hoffnung, könnte vielleicht auch mit einem internetbasierten Review-Prozess erreicht werden. Tatsächlich funktionieren diese "Preprint-Server", wie sie auch genannt werden, in einigen Wissenschaftszweigen, namentlich in der Physik, ganz ausgezeichnet.

Blog die erste: Forscher lassen "Nature" sitzen

Nicht so in den Biowissenschaften, die einen Großteil der Nature-Publikationen ausmachen. Das Experiment, das im September wieder eingestellt wurde und dessen systematische Auswertung jetzt vorliegt, war ein gigantischer Reinfall. Und zwar gleich doppelt: Insgesamt 1400 Manuskripte gingen während der knapp viermonatigen Testphase bei Nature ein. Alle Autoren wurden gefragt, ob sie ihr Manuskript bei sonst gleichen Bedingungen nicht nur für den herkömmlichen Review-Prozess, sondern auch für den offenen Peer-Review per Weblog zur Verfügung stellen würden. Nur magere fünf Prozent der Autoren waren damit überhaupt einverstanden. Das war die erste Pleite. Die zweite betraf die Kommentierung: Die 71 Manuskripte, die schließlich auf dem Nature Preprint-Server ins Netz gestellt wurden, erhielten zusammen lediglich 92 Kommentare, wobei fast die Hälfte der Manuskripte überhaupt nicht kommentiert wurde. Auf der Suche nach Gründen wurden die Nature-Macher an mehreren Fronten fündig: So fürchteten die Autoren offensichtlich, dass ihnen Konkurrenten, die ähnliche Dinge beforschen, in die Karten schauen, bevor sie selbst ihr "Paper" irgendwo untergebracht hatten. Auch patentrechtliche Probleme scheinen eine Rolle gespielt zu haben. Seitens der Kommentatoren war wohl mangelnde Motivation das Hauptproblem.

Blog die zweite: Keine halben Sachen mehr

Wer dachte, nach dieser niederschmetternden Erfahrung sei das Thema "Bloggen für die Wissenschaft" zumindest in der Biomedizin durch, musste sich allerdings zum Jahreswechsel eines besseren belehren lassen. Die Public Library of Science, ein Non-profit-Verleger für Open Access-Journale, bei denen Forschungsarbeiten gegen eine kleine Gebühr generell vom Tag eins an im Volltext frei ins Internet gestellt werden, kam pünktlich zu Silvester an, mit PLOS One auf den Markt. Die Public Library of Science hat bewiesen, dass sie in der Lage ist, neue Konzepte zu etablieren. Die beiden Open Access-Journale PLOS Medicine und PLOS Biology gelten als zwei der ganz wenigen erfolgreichen allgemein-biomedizinischen Zeitschriftenneugründungen der letzten zwanzig Jahre. "PLOS One" macht nun Überlegungen wahr, die es seit der Gründung von PLOS gegeben hatte. Die Zeitschrift verzichtet komplett auf den Peer Review vor Veröffentlichung und ermuntert ihre Leser, stattdessen zu bloggen, um auf diese Weise die "wissenschaftliche Wertigkeit" eines Papiers zu ermitteln. Anders als bei Nature, wo dem Beharrungsgeist durch Beibehalten der traditionellen Review-Option gehuldigt wurde, gibt es bei "PLOS one" also für die Autoren nichts zu entscheiden. Wer dort veröffentlicht, muss sich bloggen lassen, oder er muss anderswo hingehen. PLOS wäre nicht PLOS, wenn nicht dafür gesorgt worden wäre, dass vernünftige Papers zum Journal-Start zur Verfügung stehen. Über hundert Arbeiten aus praktisch allen Wissenschaftsgebieten sind schon online. Die Kommentierfreude allerdings hält sich auch hier noch in Grenzen. Zehn Kommentare hat der Spitzenreiter bisher angezogen, fünf die beiden nächstfolgenden, und sehr, sehr viele keinen einzigen. Ein Problem? Vielleicht. Andererseits: Auch in der echten Internetwelt sind gut funktionierende Blogs und Foren die Ausnahme. Wissenschaftler sind eben auch nur Menschen.

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