Das Leid mit dem Schmerz

9. Februar 2007
Teilen

"Die Geschichte der Schmerztherapie in Deutschland ist neben der Pioniertätigkeit Einzelner leider auch die Geschichte von beispielloser Ignoranz und Hartherzigkeit", sagt einer der führenden deutschen Schmerzexperten. Warum Dr. Dietrich Jungck und viele Kollegen die Versorgungslage für "miserabel" halten, ging DocCheck auf den Grund.

Elf Millionen Patienten, schätzt Schmerzexperte Jungck, leiden deutschlandweit an chronischen Schmerzen, 900.000 davon bedürften einer algesiologischen Behandlung und Betreuung in einer speziellen schmerztherapeutischen Einrichtung. Das Problem: es gibt nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie (DGS) nur etwa 600 ambulant tätige Schmerzpraxen, darunter wiederum nur circa 200, die ausschließlich auf die Behandlung Schmerzkranker ausgerichtet sind. Notwendig wären zwischen 2000 und 3000 spezialisierte Einrichtungen, beziffern Schmerzexperten den Bedarf. In Krankenhäusern sieht es noch düsterer aus, denn Klinikambulanzen finden sich höchst selten. Die Folge: Schmerzpatienten werden unzureichend behandelt oder müssen wochenlang auf einen Therapieplatz warten – die Erkrankung chronifiziert sich sehenden Auges.

 

 

Die Republik leidet außerdem nach wie vor an einer deutlichen"Unterversorgung in der medikamentösen Therapie des chronischenSchmerzes", wie der Verband der Forschenden Arzneimittelherstellerbetont. Eine im Jahr 2004 erstellte Studie beispielsweise belegte, dasslediglich 35 Prozent aller Patienten "auf Basis des verordnetenVolumens an chronischen Schmerzmitteln über ein ganzes Jahrmedikamentös behandelt werden". Rund 2,8 Millionen Versicherte dergesetzlichen Krankenversicherung (GKV), konstatierte der VFA damals konsterniert, blieben jedes Jahr trotz chronischer Schmerzen "ohne medikamentöse Versorgung".

Damit nicht genug. Allein bei der bei der Behandlung vonTumorschmerzpatienten mit Morphin zeigt sich laut VFA-Papier "eineVerfehlung der Zieldosis um 85 Prozent". Im Klartext: Rund 190.000Tumorschmerzpatienten werden in Deutschland nicht ausreichend versorgt.Dabei sind in dieser Zählweise andere Patientengruppen mitMorphinbedarf nicht einmal mitgezählt. Auch neuere Daten aus derUmfrage "Survey of Chronic Pain in Europe" unter 46.394 Erwachsenen lassen aufhorchen:

  • 20 Prozent der Befragten gaben europaweit an, dass "mein Arzt nicht glaubt dass meine Schmerzen ein Problem sind"
  • 22 Prozent sagten "mein Arzt fragt mich nie nach meinen Schmerzen"
  • 28 Prozent "glauben, dass "mein Arzt nicht weiß, wie er meine Schmerzen kontrollieren soll"
  • 43 Prozent gehen davon aus, dass "mein Arzt eher meine Krankheit als meine Schmerzen behandeln würde."
  • Alternativen und innovative Ideen sind vorhanden

Zumindest der Anfang ist gemacht

Das ist nur eine Facette der Unterversorgung. Weder existiert die Schmerztherapie als Pflichtfach in der Approbationsordnung für Ärzte, noch gibt es bislang eine ausreichende schmerztherapeutische Qualifikation in den Facharztweiterbildungen, nur die Zusatzbezeichnung "Spezielle Schmerztherapie". Lediglich zeitintensive Fortbildungen sind möglich. Die Krankenkassen nahmen den wachsenden Bedarf durchaus wahr. Mit Inkrafttreten des neuen einheitlichen Bewertungsmaßstabes (EBM 2000 plus) zum 1. April 2005 führten sie daher zwei neue Leistungskomplexe zur umfassenden schmerztherapeutischen Versorgung chronisch kranker Schmerzpatienten in den EBM ein. Hiernach sind diese schmerztherapeutischen Leistungen bundesweit allen gesetzlich Krankenversicherten zugänglich und werden extrabudgetär zu festen Punktwerten vergütet.

Zuvor war das anders. Nur Ärzte derjenigen GKV-Versicherten wurden gesondert vergütet, deren Krankenkassen mit einzelnen Kassenärztlichen Vereinigungen Sonderverträge für diese beiden Leistungskomplexe abgeschlossen hatten. Dazu zählten in erster Linie Ortskrankenkassen, die bundesweit aufgestellten Ersatzkassen konnten meist keine eigenen Schmerzvereinbarungen treffen.
Das extra vergütete Geld sollte den Ärzten aber nicht einfach so – ungesichert – in den Schoß fallen. Deshalb einigten sich die Kassen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) auf eine "Qualitätssicherungsvereinbarung" (§ 135, Absatz 2 SGB V). Um die beiden "neuen" EBM-Leistungen abrechnen zu können, muss der Arzt der Vereinbarung zufolge bestimmte Anforderungen erfüllen und diese den KVen nachweisen.

Schmerzambulanzen vor dem wirtschaftlichen Aus?

Die Qualitätssicherungsvereinbarung verbunden mit dem neuen EbM ist aus Sicht der Schmerzexperten ein Problem, wenn auch nicht das Wesentliche. Zwar werden nun die Ärzte, die GKV-Patienten behandeln, für die im EbM-festgelegten Bereiche vergütet. "Viele ambulante Einrichtungen konnten aber dennoch nicht überleben, weil das Geld trotz der wachsenden Patientenmenge nicht ausreichte", weiß Prof. Dr. Toni Graf-Baumann von der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS). Denn die absolute Summe, die der Arzt für die Behandlung eines Patienten nach dem neuen EbM erhält, sei meist geringer als zuvor. Immerhin fänden derzeit Gespräche mit der KBV statt, wie man den neuen EbM abändern könnte, so DGS-Präsident Dr. Gerhard Müller-Schwefe gegenüber DocCheck. Vor 2009, also dem voraussichtlichen Start der Honorarreform der Ärzte, werde sich allerdings nichts tun.

Wesentlich und dringend verbesserungsbedürftig sind für die Fachgesellschaften zwei weitere Punkte: zum einen die Unkenntnis vieler Ärzte durch fehlende Qualifizierungsmöglichkeiten während der Aus- und Weiterbildung. Dadurch, kritisiert Müller-Schwefe, komme es häufig zur Chronifizierung durch falsche Behandlung. Zum anderen mangele es den Kostenträgern und den Ärztefunktionären an der notwendigen Einsicht zum Handeln. "Die KBV muss lernen, sich angesichts der demografischen Entwicklung auf die richtigen Dinge zu konzentrieren", findet Graf-Baumann. Derzeit werden nach Ansicht des Schmerzexperten Leistungen von der Solidargemeinschaft bezahlt, die sinnlos sind und Geld für die wichtigen Dinge schlucken.

Kostenträger dementieren

Die Kassen sehen das naturgemäß anders. "Schmerzpatienten werden in Deutschland nicht hängengelassen", versichert Dr. Robert Paquet vom Bundesverband der Betriebskrankenkassen. Seine Kollegin, Birgit Schauenburg, die zuständig für ärztliche Verträge ist, fügt hinzu: "Die Honorare, die der Arzt durch den EbM 2000 plus erhält, sind nicht gesunken." Derlei Behauptungen seien unberechtigt und nicht erwiesen.

Die KBV äußert sich pragmatisch. Mit ihren finanziellen Sorgen seien die Schmerztherapeuten nicht allein. Diese seien "Folge der chronischen finanziellen Unterversorgung im gesamten ambulanten Sektor", drückt es deren Sprecher Dr. Roland Stahl aus. Eine "Pleitewelle" von Schmerzpraxen in Folge des neuen EbM sei aber ausgeblieben, ist Stahl sich gewiss, "einige haben sich sogar noch verbessert." Entschieden lehnt der BKK-Bundesverband einen eigenen Facharzt für Schmerztherapie ab. "Einen Facharzt für Schmerztherapie einzuführen, wäre sinnwidrig", glaubt Paquet. Die Schmerztherapie sei ein komplexes Phänomen aus verschiedenen Fachbereichen. Hier seien vielmehr Integrationsverträge gefragt – und um diese kümmerten sich viele Kassen bereits.

Eitelkeit ist fehl am Platz

Glaubt man Graf-Baumann von der DGSS, ist auch der Bundesärztekammer nicht an der Einführung eines Facharztes für Schmerztherapie gelegen. Schließlich, so Graf-Baumann, wolle die BÄK die Zahl der Fachärzte reduzieren, nicht erhöhen. So bleibt den beiden Fachgesellschaften nur, sich mit Hilfe ihres gerade gegründeten "Berufsverbands der Schmerztherapeuten in Deutschland (BVSD)" mehr Gehör gegenüber Kassen, BÄK und KBV zu verschaffen. Und auf ihrem Schmerztag im März 2007 sowie beim Deutschen Schmerzkongress im Oktober 2007 abermals deutlich zu machen, dass es ihnen nicht um eigene Eitelkeiten und Rechthabereien geht. Sondern um Patienten, denen sie ihr Leid mit dem Schmerz gerne ersparen würden.

1 Wertungen (4 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: