Arzt ohne Doktor?

21. Februar 2007
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Von den rund 25.000 bis 30.000 Promotionen, die jährlich in Deutschland abgeschlossen werden, finden die meisten auch tatsächlich an medizinischen Fakultäten statt. Bei einem Großteil der Mediziner gehört der Doktortitel vor dem Namen auch einfach dazu - ohne "Dr." ist man doch kein richtiger Arzt. Oder...?

Kaum ein anderer akademischer Titel ist in der Bevölkerung so stark miteiner Berufsgruppe verknüpft, wie der Doktor mit dem Arzt. EineDoktorarbeit sollte allerdings gut überlegt sein! Die fünf Ws helfendabei die richtige Entscheidung zum Thema Doktorarbeit zu treffen!

Die fünf "Ws" – erstens: "Warum"?
Vorab sollten sich alle Promotionsinteressierten folgende Fragen stellen: "Warum"?
Möchteich promovieren, weil es alle tun (immerhin mehr als zwei Drittel allerMedizinstudenten), weil der Titel einfach zum Arztberuf "dazugehört",oder weil ich hinter der Doktorarbeit eine wirklich Herausforderung fürmich und meine spätere Karriere sehen?
Fakt ist, dass eineDissertation stets mit einem erheblichen Zeitaufwand einhergeht! Dassdiese "Extrazeit" übrigens – in den meisten Fällen – von der eh schonrar gesäten Freizeit, die einem das Medizinstudium noch lässt,abgezwackt werden muss, sollte zusätzlich in die Überlegungen miteingebracht werden. Eine repräsentative Studie (Quelle: Weihrauch etall. / 2003 ) aus dem Jahre 2003 beziffert die durchschnittliche Zeit,welche eine Dissertation beansprucht, mit nahezu unglaublichen 2.000Arbeitsstunden! Bitte bedenken!!!

Die fünf "Ws" – zweitens: "Wann"?
Nachdem wir das "Warum" geklärthaben und mit dem enormen Zeitaufwand leben können, stellt sich uns dieFrage des "Wann". Und hier sei gleich gesagt: Es gibt leider keinenwirklich richtigen Moment! Es nützt auch nicht, Erfahrungsberichte vonanderen Studenten zu lesen und/oder zu erfragen, sondern nur das ganzeigene Bauchgefühl zu Rate zu ziehen.

Die einzige Faustregel (wennman es so nennen möchte) ist folgende: "Je früher, desto besser!"Sprich: Die einschlägigen Erfahrungen zeigen, dass es mitvoranschreitendem Studium immer schwerer wird, einen geeignetenEinstieg in eine Dissertation zu finden oder die nötige Extrazeitaufzubringen. Nur wenige Arbeiten setzen übrigens ein fundiertesklinisches Fachwissen voraus – es spricht also nichts dagegen (eherdafür!), sich bereits im vorklinischen Abschnitt des Studiums zumindesteinmal Gedanken über eine Dissertation zu machen!

Die fünf "Ws" – drittens: "Was"?
Womit wir schon beim "Was"angelangt wären. Ganz wichtig ist es, vor der Suche nach einerDoktorarbeit die eigenen Ziele klar zu definieren. Bin ich eigentlichnur einzig und alleine an dem Titel "Dr. med." interessiert? Erwarteich persönliche Herausforderung oder gar Spaß von der Arbeit? Arbeiteich lieber mit Menschen (Patienten), oder alleine für mich im Labor?Bin ich an einer guten Benotung meiner Arbeit interessiert (zumBeispiel wenn ich später einmal in die Forschung möchte)? Bringt mirdie Arbeit vielleicht schon etwas für mein mögliches späteresWunsch-Fachgebiet (Chirurgie, Innere, Psychiatrie etc.)? Wie gut binich im Lernen, Lesen und Schreiben? Wie viel Zeit kann ich überhauptfür eine Arbeit sinnvoll einbringen?

Aufgrund dieser Fragen undder dazugehörigen Antworten kommen wir sehr schnell an den Punkt derdrei Haupttypen der medizinischen Doktorarbeiten: der experimentellen,der klinischen oder der theoretischen Arbeit. Je nach eigener,persönlicher Einschätzung bietet sich nämlich eine dieser drei Typenmehr oder weniger an. Für genaue Definitionen der Arbeitstypenempfehlen wir weiterführende Literatur (z.B. Schaaf: "Mit Vollgas zumDoktor") oder ein Gespräch mit einschlägig vorbelasteten Kommilitonen.

Die fünf "Ws" – viertens: "Wo"?
Ein ganz heikles Thema, das vielPlatz für Stolperfallen bietet, ist das "Wo"; sprich: Bei welcherStelle oder bei welcher Person finde ich eigentlich die für michpassende Doktorarbeit?

Aus eigener Erfahrung kann ich nur berichten,dass Eigeninitiative hier das A und O darstellt. Viele Institute hängennämlich ihre besten und interessantesten freien Plätze gar nicht aus,da sie intern schon aus etlichen guten "Freiwilligen" aussuchen können.Das bedeutet, dass viele (natürlich nicht alle!) Aushänge an deneinschlägigen Plätzen in der Uni eher Arbeiten bieten, für die sichbislang niemand gefunden hat, oder die halt einfach – verkürzt undüberspitzt ausgedrückt – eine unbezahlte Fleißkraft suchen, die für denErwerb eines Doktortitels die nächsten Monate relativ stumpf einigeHundert Patientenakten durchforstet, auswertet und bearbeitet.
MeinTipp daher: Überlegt Euch in einer ruhigen Minute, welches Fach oderwelches Spezialgebiet Euch am meisten interessiert und während desUni-Alltags begeistert. Danach überlegt Ihr Euch, welcher Professoroder Dozent Euch in diesem Fach bisher am meisten angesprochen hat oderEuch den Stoff am überzeugendsten und motiviertesten rüberbringenkonnte. Und diesen sprecht Ihr einfach auf das Thema Doktorarbeit unterseiner Leitung an. Ihr werdet sehen, dass Ihr in 99,9% der Fälle auf offene Ohren und glückliche Gesichter stoßt, wenn der Betreffendemerkt, dass Ihr Euch für Ihn (besser: seinen Fachbereich) interessiert!Einfach ausprobieren!

Die fünf "Ws" – fünftens: "Wie"?
Das längste, und an anderer Stellebestimmt ausführlicher beschriebene Thema des "Wie" möchte ich hier nurganz kurz anschneiden.

Ihr werdet mit Sicherheit – falls Ihr denneinen geeigneten Doktorvater samt interessantem Thema gefunden habt -vor Beginn der Arbeit eine Art Proseminar besuchen müssen, welches Euchin die Geheimnisse der Dissertation einweiht. Hierbei handelt es sichnämlich nicht (wer hätte es auch anders vermutet?!) um einenSchulaufsatz mit Einleitung, Hauptteil und Schluss, sondern um einSchriftwerk, das in Form, Aufbau und Darbietung eine ganze Latte vonVorgaben und Normen zu erfüllen hat. Macht Euch also auch immer malwieder anhand von anderen (guten) Dissertationen fit für die eigeneArbeit. Solche findet Ihr zuhauf in der Unibibliothek. Aber hier giltganz streng: Ja nichts abschreiben oder klauen! Das gibt Ärger!!!
Desweiteren solltet Ihr Euch gleich zu Beginn der Doktorarbeit bei derzuständigen Stelle an Eurer Universität "registrieren" lassen. Diesgeht in den meisten Fällen anhand eines Dokumentes, auf welchem EuerName, Eure Matrikelnummer, der Name Eures Doktorvaters, Euer Thema undeine Bestätigung aufgeführt ist, dass Ihr auch wirklich gut und sicherbetreut werdet. Es ist nämlich kein Einzelfall, dass sich ein/eDoktorand/in zum Teil jahrelang mit einem Thema abgemüht hat, undplötzlich feststellen musste, dass sein/ihr Doktorvater seit einemVierteljahr bereits an der Uni in Kapstadt doziert. Wenn man dann keinerechtlich abgesicherten Papiere in der Hand hat, die eine weitereBetreuung gewährleisten (notfalls durch einen lehrstuhlinternenKollegen), kann es durchaus vorkommen, dass das Thema – und damit dieganze Arbeit – einfach futsch ist! Informiert Euch also bitterechtzeitig, wo und wie Ihr Euch Eure Stelle als Doktorand bestätigenlassen könnt!

Jetzt bleibt mir nur noch, Euch viel Erfolg undSpaß mit Eurer Doktorarbeit zu wünschen! Hoffentlich konntet Ihr diekleinen Tipps ein wenig verwenden, um Stolperfallen zu umgehen und eineArbeit "nach Maß" für Euch zu finden!?! Über Euer Feedback würde ichmich jedenfalls sehr freuen!

Durch unsere Umfrage im Dezember/Januar haben wir von vielen von euch den Hinweis bekommen, dass zum Thema Doktorarbeit mehr Informationsbedarf besteht. Also wurde in Kooperation mit Dr. med. T. Kottmann der komplette Bereich bei medizinstudent.de überarbeitet. Von der Studienplanung bis zur grafischen Gestaltung bieten wir nun eine komplette Einführung in die Doktorarbeit !

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