Abschied vom Einkaufswagen

28. Februar 2007
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Die Zeiten, in denen Patienten ihre Herzersatzsysteme vor sich her schieben mussten, gehen langsam dem Ende zu. In Hannover wurde jetzt zum ersten Mal in Deutschland das kleinste Kunstherz der Welt eingesetzt. Es könnte die Herzchirurgie einen großen Schritt voran bringen.

Zugegeben, auch bei dem laut Herstellerangaben kleinsten Kunstherz der Welt ist die Batterie noch ein ordentlicher Brummer. Zwölf mal acht mal fünf Zentimeter, so etwas in der Tasche zieht selbst ein Tweed-Jacket kräftig in Richtung Erdmittelpunkt. Davon aber abgesehen ist das HVAD des australischen Unternehmens Heartware wirklich klein. Wie ein auf den Kopf gestellter Kreisel sitzt es auf der Herzspitze und hilft dem erschlafften Organ beim Pumpen.

Propeller in der Schwerelosigkeit

Das HVAD wurde bisher erst bei sechs Patienten weltweit eingesetzt. Der siebte erhielt sein Kunstherz jetzt an der Klinik für Thoraxchirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Die Implantation erfolgte im Rahmen einer Studie, deren Ziel die CE-Zulassung des Produkts bis Ende 2007 ist. HVAD steht für "Heartware Ventricular Assist Device", ein Herzunterstützungssystem, das bei herzinsuffizienten Patienten die Funktion des linken Ventrikels übernimmt beziehungsweise ergänzt. Herzunterstützungssysteme gibt es in zwei Varianten. Die eine ist lediglich zur Überbrückung der Zeit bis zu einer ohnehin vorgesehenen Herztransplantation gedacht. Hier kommt es weder auf Größe noch auf Langlebigkeit sonderlich an. Die zweite Variante aber ist gemacht, um auf Dauer zu arbeiten, etwa bei Patienten, die für eine Herztransplantation nicht in Frage kommen oder diese ablehnen. Wie bei anderen Systemen dieser Art wird das oxygenierte Blut beim HVAD-System aus dem linken Ventrikel durch eine Art Bypass von der Herzspitze aus direkt in die Aorta geleitet. So weit, so konventionell. Die australische Lösung des Problems der Langlebigkeit dieser Produkte ist allerdings ungewöhnlich innovativ. Ein propellerartiger Rotor pumpt bis zu zehn Liter Blut pro Minute mit maximal 3500 Umdrehungen aus dem Herzen in Richtung Aorta. Um Abnutzungseffekte zu verhindern, ist dieser Rotor nicht an einer Achse aufgehängt, sondern schwebt frei im Blut. Erreicht wird das durch mehrere Magnetfelder, die den Impeller, so der Fachausdruck, im strömenden Blut im Gleichgewicht halten. "MRT-Geräte und Magnetfelder an Flughäfen sollten die Patienten damit allerdings meiden", sagt Privatdozent Martin Strüber, der die Operation durchgeführt hat. Die Hoffnung ist, dass die neue Technik dazu beiträgt, dass das Herzunterstützungssystem nicht nur einige wenige Jahre, sondern vielleicht sogar bis zu zehn Jahre hält. Bei den bisher gängigen Systemen werde von einer Haltbarkeit ausgegangen, die irgendwo bei fünf Jahren liege, so Strüber.

Operieren: Bald nur noch mit Herzklopfen?

Die kontaktlose Pumpe ist nicht der einzige Clou an dem neuen Herzunterstützungssystem. Als klinisch relevanter könnte sich eine neue Implantationstechnik herausstellen. Entscheidend hier ist, dass der Gewebezylinder, der bei jedem Unterstützungssystem aus dem Herzen heraus geschnitten werden muss, um dem Blut den neuen Weg zu eröffnen, beim HVAD von innen, und nicht von außen ausgeschnitten wird. Das nötige Equipment wird über eine kleine Inzisur in der Herzwand in den linken Ventrikel eingeführt. Dadurch wird der Eingriff wesentlich unblutiger. "Nach dem Schnitt vergehen im Idealfall keine zehn Sekunden, bis das System angebracht ist", so Strüber. Die Fixierung erfolgt über einen schon vorher (außen) aufgebrachten Nahtring. Das Ganze ist deswegen von Bedeutung, weil die Operation damit so unkompliziert wird, dass es möglich sein sollte, auch ohne Herz-Lungen-Maschine zu operieren. "Geht das wirklich, könnten wir die Indikation für diesen Eingriff natürlich deutlich ausweiten", erläuterte Strüber. Denn dann käme er auch für Patienten in Frage, denen die Chirurgen einen Eingriff mit Herz-Lungen-Maschine wegen schwerer Begleiterkrankungen oder hohem Alter nicht zumuten würden. Bis der erste Patient am schlagenden Herzen operiert werden kann, müssen sich die Operateure allerdings noch etwas gedulden. Das ist erst erlaubt, wenn die CE-Zulassung auch tatsächlich erteilt ist.

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