Pflege: Psychoedukation zieht den Kürzeren

14. November 2013
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Pflegefachleuten in europäischen Krankenhäusern fehlt oft die Zeit, um pflegerische Maßnahmen wie zum Beispiel Gespräche mit Patienten oder die Anleitung von Angehörigen durchzuführen, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt.

Der Spardruck im Gesundheitswesen zwingt Pflegefachleute im Krankenhausalltag oft zu schwierigen Entscheidungen: Sie müssen beurteilen, welche pflegerischen Maßnahmen sie ihren Patienten überhaupt anbieten können und welche sie auslassen müssen. Studien in den letzten Jahren haben dieses Phänomen untersucht und beispielsweise einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Rationierung von Pflege und der Patientensterblichkeit gezeigt.

Eine Studie unter der Leitung des Fachbereichs Pflegewissenschaft der Universität Basel ging nun erstmals der Frage nach, welche notwendigen pflegerischen Maßnahmen in allgemeinen chirurgischen und medizinischen Abteilungen von europäischen Akutkrankenhäusern nicht durchgeführt werden können und wie oft dies vorkommt. Hierfür wurden Befragungsdaten von 33.659 Pflegenden aus 488 Krankenhäusern in zwölf europäischen Ländern, namentlich in Belgien, England, Finnland, Deutschland, Griechenland, Irland, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Spanien, Schweden und der Schweiz ausgewertet. Die Daten waren ursprünglich im Rahmen der internationalen Studie „Nurse forecasting in Europe“ (RN4CAST) erhoben worden, die im Rahmen des 7. EU-Forschungsrahmenprogramms finanziert wurde.

Vier von 13 Maßnahmen unterbleiben

Im europäischen Durchschnitt mussten Pflegefachpersonen vier von 13 pflegerischen Maßnahmen in ihrer letzten Arbeitsschicht auslassen. Die Schweizer Krankenhäuser schnitten mit drei von 13 ausgelassenen Maßnahmen vergleichsweise gut ab. Allerdings bestanden zwischen und innerhalb der Länder teilweise große Unterschiede. In den 35 teilnehmenden Schweizer Krankenhäusern variierte die Anzahl zwischen einer und vier ausgelassenen pflegerischen Maßnahmen.

Die Ergebnisse zeigen im europäischen Vergleich ein ähnliches Muster: Psychoedukative Maßnahmen (zum Beispiel Gespräche mit Patienten oder das praktische Anleiten von Patienten und ihren Angehörigen) entfallen häufiger als beispielsweise Maßnahmen wie Pflegeplanung und Dokumentation, Patientenüberwachung, Umlagern von Patienten und das rechtzeitige Verabreichen von Medikamenten. „Psychoedukative Maßnahmen gehören zwar seit jeher zu den Kernaufgaben der Pflege, werden aber angesichts knapper Ressourcen häufig nicht durchgeführt. Sie erhalten vom Pflegefachpersonal geringere Priorität, da sie sehr zeitintensiv sind und der Zeitaufwand schlecht planbar ist“, so Dr. René Schwendimann, Leiter der Forschungsgruppe.

Negativer Einfluss auf Arbeitszufriedenheit

Das Rationieren von pflegerischen Maßnahmen ist selbst innerhalb der Pflege ein Tabuthema, stellt es für Pflegefachpersonen doch ein berufsethisches und moralisches Dilemma dar. Dies kann sich negativ auf die Arbeitszufriedenheit auswirken und gar zu Burnout oder Berufsausstieg führen. Gerade deshalb sei es wichtig, dass zu diesem Thema im Gesundheitswesen ein offener Diskurs geführt wird, so die Studienautoren.

Krankenhausmanagement gefordert

Die Untersuchung zeigte auch, dass – unabhängig von der Länderzugehörigkeit – das Auslassen von pflegerischen Maßnahmen in den Krankenhäusern seltener vorkommt, in denen die Pflegefachleute bessere Rahmenbedingungen vorfanden. Diese betrafen unter anderem die Führungsqualität der Abteilungsleitung, die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pflegenden und das Ausmaß von nicht-pflegerischen Tätigkeiten wie etwa das Reinigen von Patientenzimmern.

„Das Krankenhausmanagement kann durch die Optimierung der Rahmenbedingungen dazu beitragen, dass Pflegefachpersonen pflegerische Maßnahmen weniger häufig rationieren müssen“, so Schwendimann. Angesichts der Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen in vielen europäischen Ländern kann sich das Auslassen von Pflegemaßnahmen weiter verschärfen. Regelmäßige Befragungen des Pflegepersonals können als Warnsystem dienen, um Ressourcenmängel frühzeitig zu erkennen.

Originalpublikation:

Prevalence, patterns and predictors of nursing care left undone in European hospitals: Results from the multi-country cross-sectional RN4CAST study
Dietmar Ausserhofer et al.; BMJ Quality & Safety, doi: 10.1136/bmjqs-2013-002318; 2013

31 Wertungen (5 ø)

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5 Kommentare:

Rainer Beikirch
Rainer Beikirch

Die ganze Misere ist zumindest teilweise durch die politisch gewünschte Privatisierung der Krankenhäuser entstanden.
Widerspruch erwünscht!

#5 |
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Vielen Dank Herr Büntig,
für Ihren guten Kommentar, hoffentlich wird er oft gelesen!

#4 |
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Ich halte dies für eine wichtige Studie, und das Ergebnis vom signifikanten Zusammenhang zwischen der Rationierung von Pflege und der Patientensterblichkeit für alarmierend. Hier ist die Politik gefragt. Doch oft könnten Mitmenschen bereits auf einer Stufe unterhalb der “pflegerischen Maßnahmen” einen großen Unterschied machen.
Ich war die letzten Jahre mehrmals im Krankenhaus und habe beobachtet, das von Haus zu Haus enorme Unterschiede bestanden bei den sogenannten ‘bedside manners’, dem Umgang mit dem Kranken am Krankenbett:
• Ich finde es befremdlich, wenn mir (76) junge Menschen (Schwestern, Ärzte …) sagen, was ich darf: “Sie dürfen sich jetzt hier hinsetzen” statt “bitte setzen sie sich hier hin”.
• In zwei Kliniken – Uni- und Privatklinik – in einer deutschen Großstatt klopfte nur jeder Dritte an, bevor er oder sie den Raum betrat. In einem Klinikum im ländlichen Raum jeder.
• In manchen Häusern stellt sich jeder Mitwirkende, ob Raumpflegerin, Schwester oder Chefarzt oder grüßt mit Namen, bevor sie oder er zur Sache geht. In anderen nicht.
• Einmal wachte ich frisch operiert aus der Narkose auf und sah – noch etwas verschwommen – , wie eine junge Frau mit Gefolge, als Ärztin ausgewiesen durch ihr Stethoskop, mich in barschem Ton fragte “Haben Sie Schmerzen?”. Da habe ich mich erst einmal aufgesetzt, ihr die Hand entgegengestreckt und mich vorgestellt.
• Es gibt Ärzte, die die Tür hinter sich nicht zumachen und den Patienten sich vor aller Korridoröffentlichkeit entblößen lassen, um die OP-Wunde zur Begutachtung zu präsentieren. Andere machen die Tür hinter sich zu.
• Es gibt Ärzte, die sich beim Gespräch mit dem Patienten nebenbei mit etwas anderem (oder hauptsächlich und nebenbei mit dem Patienten) beschäftigen.
• Es gibt Ärzte, die bei der Information vor einer Krebsoperation dem Patienten die Operation erläutern und ihm dann a) mitteilen, welche Chemotherapie er dann bekommen wird (Entscheidungshoheit allein beim “Herrn” Doktor oder b) ihm differenziert erklären, warum man ihm welche Chemotherapie empfiehlt (Entscheidungskompetenz des Patienten respektiert).
Die Beispiele zeigen, dass ein Verhalten, das vor allem die sachliche Leistung und nicht auch die Mitmenschlichkeit des Patienten im Blick hat, zusätzlichen Stress auslösen kann, der wiederum Resistenz und Resilienz mindert.
Die Qualität des Umgangs mit Kranken hat wenig zu tun mit dem Budget und den Rahmenbedingungen in Krankenhäusern und viel mit dem Bindungsverhalten der wirtschaftlich wie fachlich Leitenden und dem Bindungsverhalten des von ihnen geführten Heil- und Pflegepersonals. Da das Bindungsverhalten in den ersten zwei Lebensjahren gebahnt wird in Abhängigkeit von der Qualität der Beziehung der Mütter zu den Kindern, die “die Herren in Weiß”, die sie heute sind, damals waren, scheint mir neben der Psychoedukation der Patienten durch die Helfenden und Pflegenden deren Psychoedukation ebenso wichtig. Selbstredend kommt hier den Leitenden ein Vorbildfunktion zu.
Bisher ist das alles kostenlos. Geld kommt erst dann ins Spiel, wenn man den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durch Freistellung oder gar finanzielle Unterstützung Supervision und Selbsterfahrung ermöglicht, um in entsprechenden Kursen ihr Mitgefühl für sich selbst und andere zu vertiefen.

#3 |
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Dr. med. Tobias Brink
Dr. med. Tobias Brink

Tja, dank QM.DRG OPS und diese ganzen Seuchen ist es so weit gekommen, und alle lassen es sich gefallen!

#2 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Früher haben wir Abweichungen von der Regel dokumentiert, jetzt müssen wir die Einnahme jeder einzelnen Tablette dokumentieren. Es geht immer mehr Arbeitszeit drauf für Dokumentationspflichten, also den Patienten wird der unmittelbare Kontakt entzogen.

#1 |
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