Krebs-Comeback in Europa?

1. März 2007
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Die hohe Lebenserwartung lässt in Europa die Zahl der Krebserkrankungen nach oben schießen - seit 2004 ist sie um 300.000 Fälle auf über 3,2 Millionen Neuerkrankungen 2006 angestiegen. Onkologen warnen in einer aktuellen Publikation vor dieser Zeitbombe. Tritt die Therapie maligner Tumoren auf der Stelle?

Für Peter Boyle, Direktor an der im französischen Lyon ansässigen International Agency for Research on Cancer (IARC), sind die jetzt publizierten Zahlen ein alarmierendes Signal. Denn die europäischen Länder müssten sich trotz besserer Vorsorge- und Behandlungsmöglichkeiten auf deutlich mehr Krebsfälle einstellen. Insbesondere für die Länder Mittel- und Osteuropas fordert Boyle den Einsatz von Screeningprogrammen, um den Vorstoß des Lungen-, Darm- und Brustkrebses einzudämmen.

Tatsächlich bleibt Lungenkrebs auch in Zukunft der Killer Nummer 1. Im Jahr 2006 verstarben EU-weit 334.800 Menschen an den Folgen der Erkrankung, die mit einem Anteil von 19,7 Prozent an allen Krebs-bedingten Todesfällen die Liste des Sterbens anführt. Dickdarmkrebs löschte im gleichen Zeitraum 207.400 Menschenleben aus, während insgesamt 131.900 Frauen in 25 EU-Ländern des Beobachtungsjahres dem Brustkrebs erlagen. Magenkrebs wiederum forderte 118.200 Leben. Neben der Zahl der Todesfälle steigt auch die Zahl der Neuerkrankungen an. So mussten europäische Ärzte im Jahr 2006 rund 429.000 neue Patientinnen mit Brustkrebs behandeln, während die Bereiche Dickdarm- und Lungenkrebs 412.000 bzw. 386.300 neue Fälle zu vermeldeten.

Mehr Alte, mehr Krebs

Doch so paradox es klingen mag: Das anwachsende Heer der Neuerkrankten zeugt auch vom Erfolg der Tumorbekämpfer. So hat beispielsweise der konsequente Einsatz von PSA-Tests zu einem statistischen Anstieg der Prostatakrebsfälle beigetragen, weil auch jene Männer erfasst wurden, die ohne Test durch das Vorsorgeraster rutschen würden: Bei mehr als 349.000 Männer diagnostizierten Ärzte einen bösartigen Tumor der Prostata, weil die Patienten auf den Antigenspezifischen Test gesetzt hatten. Bliebe es bei dieser Interpretation der Statistiken, bestünde demnach wenig Grund zur Sorge.

Der Einsatz solcher Screenings allein scheint indes die Zahl der Todesopfer nicht senken zu können, wie Boyle betont. Dem Erfolg der schnelleren Diagnosen stehen nämlich demographische Effekte gegenüber – und überwiegen am Ende im Kampf um den statistischen Erfolg. Dass sich Diagnosen und bessere Therapien an die alternde Gesellschaft adaptieren werden müssen, zeigt eindrucksvoll ebenfalls das Beispiel Prostatakrebs. Obwohl die EU-weite Verbreitung der PSA-Tests zur sichereren Erkennung der Tumore führt, stieg die Zahl der Todesopfer seit 1995 um 16 Prozent an. Für Direktor Boyle kommt dieses Auseinanderdriften nicht überraschend – sondern als Folge der höheren Lebenserwartung der Männer innerhalb der EU daher. Was Männer können, schaffen Frauen allemal. Und so verwundert es nicht, dass die Studie auch in Sachen Brustkrebs einen deutlichen Anstieg prophezeit.

Steigende Tendenz

Eine ähnliche Entwicklung registrieren auch Epidemiologen hierzulande. So geht zwar die Gesamtzahl der Sterbefälle durch Krebs in Deutschland zurück, wie das in Berlin ansässige Robert Koch – Institut vor genau einem Jahr anlässlich der Krebsstatistik 2006 betonte. Nur: Gestiegen ist dagegen die Zahl an Krebsneuerkrankungen. Das Robert Koch-Institut schätzte die Zahl der Krebsneuerkrankungen in Deutschland im Jahr 2002 auf circa 425.000, davon 218.000 bei Männern und 206.000 bei Frauen – aktuellere Daten gibt es noch nicht. Fest jedenfalls steht: Diese Schätzung für den Gesamtzeitraum von 1980 bis 2002 liegt um 30.000 Erkrankungsfälle höher als die vorausgegangene – Tendenz steigend.

Kein Wunder also, dass das Fazit des Papiers um Boyle ebenfalls ernüchternd ausfällt. Obwohl die Bevölkerung der betrachteten EU 25 Mitgliedsstaaten bis zum Jahr 2015 im Durchschnitt konstant bleiben wird, rechnen die Fachleute mit einem massiven Anstieg der Krebsfälle. Weil schon die Gruppe der über 65-jährigen um 22 Prozent, und die der über 80-jährigen um 50 Prozent ansteigen wird, könnte sich die Zahl der altersbedingten kanzerogenen Todesfälle in der gesamten EU auf 1,405 Millionen erhöhen – von derzeit 1,249 Millionen. Das Ende der Fahnenstange wäre damit noch nicht erreicht: die Zahl der Alten in Europa steigt weiter an.

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