Mit Öko gegen den Discounter-Trend?

27. März 2007
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Nach einigen kräftigen Scharmützeln in Hildesheim und Hamburg fühlen sich die deutschen Discountapotheken im Aufwind. Immer mehr Regionen werden von der Welle erfasst. Um dem Trend Stand zu halten, setzen Apotheken zunehmend auf die Naturheilkunde.

Wer die Konkurrenz unterbietet, macht sich keine Freunde, das war schon immer so. Zu spüren bekam das in den letzten Monaten vor allem die Easy-Apotheke, die in Hildesheim auf den Widerstand von vier alteingesessenen Apothekern stieß. Die vier sollen versucht haben, Pharmagroßhändler davon abzuhalten, die Easy-Apotheke zu beliefern. Das Ganze ging so weit, dass die Räume der revoltierenden Apotheker von der Polizei unter dem Verdacht auf wettbewerbswidrige Absprachen durchsucht wurden.

Nummer sechs lebt. Und sieben auch.

Mittlerweile hat sich die Kooperationsgesellschaft Easy-Apotheke durchgesetzt. Hildesheim hat seinen Apothekendiscounter, und Anfang März ging in Essen gleich die nächste, die siebte Easy-Apotheke an den Start. “Seit der vom Bundeskartellamt veranlassten Durchsuchungen ist der Weg für uns frei geworden. Großhändler haben Bereitschaft signalisiert, uns regelmäßig zu beliefern. Wir können unser Konzept ausrollen”, sagt der Geschäftsführer der Easy-Kooperation, Oliver Blume, selbstbewusst. Mit der Idee, eine Apotheke in Hamburg zu gründen, war die Easy-Apotheke indirekt auch an einer lokalen Rabattschlacht in der Hansestadt beteiligt, wo sich die beiden eingesessenen Kooperationen Partner-Apotheken und Parmapharm aus Sorge vor künftiger Konkurrenz erstmal eine Zeitlang gegenseitig bekriegten. Ob in Hamburg oder anderswo: Easy will rasch expandieren. Statt wie ursprünglich einmal angekündigt bis 2008 sollen jetzt noch 2007 mindestens fünfzig weitere Apotheken eröffnet werden. Die Eile ist nachvollziehbar, denn die Konkurrenz schläft nicht. DocMorris will in Deutschland 500 Apotheken mit dem “Grünen Kreuz” ausstatten. In seinem Blog spricht DocMorris-Gründer Ralf Däinghaus derzeit von über 300 Bewerbern. Nach gewohnt juristisch-holprigem Start im Saarland gibt es mittlerweile fünf DocMorris-Apotheken, eine davon sogar in der deutschen Hauptstadt.

Der Natur auf der Spur

Wer sich das alles so ansieht, der kann nachvollziehen, dass dem einen oder anderen Apotheker etwas mulmig zu Mute wird. Wer es nicht als Einzelkämpfer mit den Discountern aufnehmen möchte, der schließt sich Kooperationen an, die den Apothekern mehr Freiheiten lassen als Easy oder DocMorris. Neben regionalen Zusammenschlüssen wie Partner oder Parmapharm gibt es dabei auch stärker inhaltlich ausgerichtete Konzepte. Mit zunehmendem Erfolg agieren beispielsweise die Natürlich-Apotheken, die sich nicht “Kooperation” sondern Kompetenzverbund nennen. Wie der Name vermuten lässt, suchen die von dem Erlanger Unternehmen Torre betreuten Apotheken ihr Heil vor allem in den beiden Selbstzahlersektoren Naturheilkunde und Prävention. Angesichts des unübersehbaren Trends zu Bio und Co könnte das eine ganz vernünftige Strategie sein, solange man nicht den Fehler vieler Reformhäuser macht und zu einer verstaubten Öko-Nische wird. Der Zuspruch jedenfalls ist erheblich: Mittlerweile sind 300 Apotheken dem Kompetenzverbund beigetreten. Das Zeremoniell des Beitritts ist dabei etwas anders als bei den Discountern, ätherischer, wenn man so will. Bei DocMorris bewirbt man sich und kauft sich ein. Bei Torre wird man aufgenommen und erhält eine Urkunde.

Vor den Eintritt in den Kompetenzverbund hat Torre ein Schulungsprogramm gestellt, bei dem sich das Apothekenteam in Naturheilkunde und ganzheitlicher Pharmazie weiterbildet. Einmal aufgenommen, können die Apotheken nicht nur auf einige Eigenmarken zugreifen und an Marketingaktionen teilnehmen. Sie können vor allem auch ein relativ breites Spektrum an alternativmedizinisch angehauchter Diagnostik in Anspruch nehmen und anbieten, die in wohl bewusster Abgrenzung von der medizinischen Diagnostik “Präventionsanalysen” genannt werden. So betreibt Torre ein eigenes Labor zur Mineralstoffanalytik aus Haaren. Auch Wohngifte und andere angebliche oder tatsächliche Noxen spürt das Labor auf. Allergien sind natürlich auch ein wichtiges Thema. Kürzlich gab es eine Aktion, bei der Kinder auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten getestet wurden. Das alles ist sicher nicht jedermanns Sache, aber dass es einen Nerv der Zeit trifft, dürfte außer Frage stehen.

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