MRT vor dem Aus?

5. April 2007
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Seit 25 Jahren wird die Magnetresonanz-Tomografie eingesetzt, ohne gesundheitliche Schäden zu verursachen. Über 500 Millionen Patienten wurden europaweit durch die Röhre geschoben. Doch bald könnte es im Magnetfeld klemmen. Die Auslöser: Eurokraten.

Charles Joseph Fürst von Ligne schrieb 1814 aus Wien in einem Brief an Talleyrand: " Der Kongress tanzt, aber er kommt nicht vorwärts." Der Satz ging in die Geschichte ein. Fast hätte man dies auch vom diesjährigen Kongress der European Society of Radiology (ESR) in Wien sagen können. In sprichwörtlich letzter Minute verabschiedeten die Kongress-Vertreter eine "Allianz für MRT", in derem Namen eine Ausnahmeregelung für den Einsatz der Magnetresonanz-Tomografie (MRT) bzw. ein Aufschub einer Richtlinie gefordert wird, die laut EU bis April 2008 in nationales Recht umgesetzt sein muss. Der Grund für den Protest: Die Direktive, die Arbeitnehmer vor unnötiger Belastung durch elektromagnetische Felder schützen soll, führt dazu, dass Ärzte und Helfer bei einer MRT nicht mehr anwesend sein dürfen. Besonders betroffen davon wären Kinder, alte und behinderte Menschen sowie anästhesierte Patienten, für die eine persönliche Betreuung während der Aufnahmen unerlässlich ist, so der Präsident der ESR. Außerdem werde Forschung und Chirurgie, die das bildgebende Verfahren einsetzen, durch das Regelwerk maßgeblich beeinträchtigt.

EU-Kommission nimmt Radiologen nicht ernst

Die Forderungen der ESR, die auf der mäßig beachteten Pressekonferenz in Wien veröffentlicht wurden, kommen vielleicht zu spät. Warum? Bei einem Blick hinter die Kulissen stellt sich das ganze wie ein Paradebeispiel einer europäischen Bürokratieposse dar. Prinzipiell hätten die Radiologen bereits lange vor 2004 das Thema aufgreifen können. Denn in 2004 wurde vom Europäischen Parlament und Rat das verabschiedet, was lange zuvor in Brüsseler Kämmerchen unter Federführung der Europäischen Kommission für Beschäftigung, Soziales und Chancengleichheit verhackstückt wurde: Mindestvorschriften zum Schutz von Sicherheit und Gesundheit der Arbeitnehmer vor der Gefährdung durch physikalische Einwirkungen (elektromagnetische Felder). Die umstrittene Richtlinie 2004/40/EG entstand im Rahmen einer ganzen Lawine von EU-Bestimmungen, die die Menschen am Arbeitsplatz vor gesundheitsschädigendem Lärm, Vibrationen und sonstigen Einwirkungen, z.B. auch vor Handystrahlen, schützen soll. Weshalb aber kam die Petition an die EU nicht schon früher? Von Professor David Norris, Nymwegen, ein Lobbyist aus dem Lager der protestierenden Radiologen, erfahren wir, dass bereits im Vorfeld mehrfach interveniert wurde. Aber die EU habe die Einwände nicht ernst genommen.

Bundesgesundheitsministerium winkt ab

Die in Wien gestartete "Allianz für MRT" wird bisher von 20 Mitgliedern des Europäischen Parlaments, 8 Patientenvereinigungen und 4 wissenschaftlichen Organisationen unterstützt. Von einer deutschen gewichtigen Beteiligung keine Spur. Vertreter der nationalen Gesundheitsministerien fehlen gänzlich. Offensichtlich ist es schwer, auf europa-weiter Ebene Konsens zu erzielen. David Norris bestätigt das. " Einige Länder wie UK, Austria, Finnland und die Niederlande haben sehr früh die Gefahr der EU-Richtlinie erkannt, andere haben noch nicht mal geantwortet, trotz wiederholter Anfragen." DocCheck fragte in der Pressestelle des Bundesgesundheitsministeriums nach, ob die Gefährdung der MRT durch die Brüsseler Direktive bekannt ist. Die Antwort: " Meines Wissens geht es hierbei um den Arbeitsschutz. Dafür ist das BMAS zuständig. Bitte versuchen Sie, da etwas in Erfahrung zu bringen."

Grenzwerte für Patienten nachweislich sicher

Immerhin antworteten zwei General-Direktoren der betreffenden Europäischen Kommissionen auf die Petition der "Allianz for MRT". Ist Hoffnung angesagt? Eher nicht, so David Norris, der Text wiederholt nur bekannte Positionen der Kommissionen. Um die Direktive wirklich zu stoppen, müssten aus seiner Sicht das Europäische Parlament und der Rat zustimmen. Und das steht zur Zeit nicht zur Debatte. Je mehr Zeit verstreicht, um so wahrscheinlicher sei, dass die ersten Mitgliedsstaaten mit der Umsetzung beginnen. Ein Stop ist daher eher aussichtslos, vermutet der Radiologe. Ärgerlich sei das schon, denn es gibt brauchbare Expositions-Grenzwerte, beispielsweise von der International Electrotechnical Commission (IEC), die zum Schutz der Patienten für MRTs gelten und nachweislich ausreichen. Bei über 100 Millionen von MR-Untersuchungen wurden nach seinem Kenntnisstand keine gesundheitsschädigenden Nebenwirkungen registriert.Aus deutschen Landen ist bisher eher wenig zu diesem Thema in die Öffentlichkeit gedrungen. Wird das Problem hier nicht gesehen? DocCheck wollte es wissen und fragte in der Radiologie der Uniklinik Köln nach. Das geplante EU-Gesetz sei eine Katastrophe, so erfahren wir hier von Oberarzt Dr. Axel Goßmann. Es sei ein Gesetz, das ohne Sinn und Verstand gemacht worden sei und total an der Realität vorbeigehe. "Es kann doch nicht sein, dass uns ein Gesetz verbietet, bei Querschnittsgelähmten oder Patienten mit Tumor im Rückenmark eine MR-Untersuchung durchzuführen."

Was nun? Weiter machen wie bisher?

Und wie wird es weitergehen? Die persönliche Meinung unseres Professors aus Nymwegen lautet: "I suspect that we will all carry on as before and see if anyone tries to stop us. It will however create an exceedingly difficult legal situation as trade unions may instruct their employees not to exceed the exposure limits, and less expert employees may wonder why they are being expected to take such risks. Hospital managers may also feel that they have to close down their MR facilities in order to avoid the risk of prosecution. In short this will be an unmitigated disaster for the EU which will make all previous controversies surrounding EU legislation seem like nothing."

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