Med-WGs: Die üblichen Verdächtigen

19. September 2012
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Als Student ist meist die Kohle knapp. Doch wie sparen? Richtig: Bei der Miete. Und wie stellt man das an? Genau, man gründet eine WG. Das Gute daran ist, man hat mehr Geld, das "Schlechte": Man muss dafür seinen Wohnraum mit anderen teilen.

Menschen, die manchmal ganz anders sind als man selbst – das kann Segen sein oder Fluch. Im Medizinstudium finden sich oft WGs zusammen. Ich selbst habe in einigen gewohnt und mich mit verschiedenen Leuten unterhalten, die Erfahrungen mit Mediziner-WGs gemacht haben. Auf Grundlage dieser – meist sehr amüsanten – Episoden, habe ich ein bisschen Profiler gespielt und die klassischen Medi-Mitbewohner für Euch charakterisiert und karikiert.

Der Bücherwurm

Er studiert. Und zwar toujours, denn er nimmt sein Studium ernst. Und jeder, der es ihm nicht gleich tut, wird mit Verachtung gestraft. Ein Zimmer braucht man seiner Meinung nach vor allem deshalb, um einen Unterstand für seine Bücher zu haben. Denn die schleppt er stapelweise an und lernt Schinken für Schinken auswendig. An seiner Zimmertür hängt ein Schild mit der Aufschrift “Bitte Ruhe”. Denn obwohl er eigentlich ständig Ohrstöpsel trägt, benötigt er noch tiefere, absolute Stille, um seine Konzentration aufrecht zu erhalten. Studieren ist schließlich ein 24-Stunden-Job. An die Innenseite der Toiletten- oder Badezimmertür hängt er gerne Algorithmen, ein Schaubild des Zitronensäurezyklus oder Standardlaborwerte, damit auch bei der Verrichtung des Geschäfts oder der Körperhygiene keine wertvolle Lernzeit verloren geht. Selbst beim gemeinsamen Essen wird im Geiste noch der Stoff der letzten Seminareinheit rekapituliert und mit einer Portion Spaghetti im Mund wird nachgehakt “Wie war das jetzt nochmal mit der Alkoholdehydrogenase?” Natürlich sind seine Prüfungsergebnisse immer eins A. Seine Zukunftspläne sind klar: Er möchte Chefarzt werden, nicht mehr und nicht weniger.

Die Heulboje

Sie heult. Denn bei ihr herrscht Weltuntergangsstimmung: Sie “schafft das ja eh alles nicht”. Da lohnt es sich gleich zehnmal nicht, seine Zeit überhaupt mit der Lernerei zu verschwenden. Und ganz im Sinne des Phänomens der Prokrastination (lat. für Aufschieben) verbringt sie ihren Tag mit Trübsal blasen und allen möglichen anderen Dingen (Putzen, Einkaufen, Kochen, Fernsehen), die wichtiger sind als das Lernen (zu diesem Thema empfehle ich Euch diese amüsante Videoserie). Wenn man sie nachts um drei Uhr völlig übermüdet vor der Glotze antrifft, bekommt man ein schwaches “Oh Mann, ich krieg einfach nix gebacken” zu hören. Die Tränen der Enttäuschung über das eigene Versagen funkeln kaum merklich in den Augen. Kommen zwei solche Mitbewohner zusammen, wird es noch interessanter, denn dann ist die Voraussetzung für einen Contest im gegenseitigen Herunterziehen perfekt. Die Antwort des einen auf das Wehklagen des anderen wird dann meist ein “Ja klar, ich weiß was du meinst, mir geht’s ganz genauso”. Und so führt die Spirale immer weiter und weiter nach unten. Die miese Laune endet leider meist auch in ähnlich miesen Leistungen. Die meisten Prüfungen werden geschoben, gerne auch mal zwei- oder dreimal wiederholt. Am Ende geht’s aber doch immer irgendwie und alles ist halb so wild. Die Heulboje ist sich ziemlich sicher, dass sie es nie zum Arzt bringen wird.

Das Nervenbündel

Sie hyperventiliert. Und befindet sich ständig im Wechsel zwischen heller Panik und schierer Verzweiflung. Denn jede Prüfung ist quasi unschaffbar, jedes Buch zu dick, jede Vorlesung zu unverständlich und alle anderen sowieso viel schlauer als sie. Wie von der wilden Hummel gestochen, läuft sie bereits Tage vor einer Prüfung auf und ab durch die WG und erzählt jedem mehrmals, dass sie (wie immer) überhaupt nichts könne – diesmal noch viel weniger als letztes Mal – eigentlich so gut wie gar nicht vorbereitet sei und mit quasi 500%iger Sicherheit durch die kommende Klausur fallen werde. Ihre Unterlagen sind zehnmal in allen Farben des Regenbogens markiert, da markieren doch helfen muss. Zumindest sieht es so aus, als sei man fleißig gewesen. Sie fragt jeden, was er schwerpunktmäßig gelernt hat, macht alle kirre und verschwindet dann mit knallender Türe wieder in ihrem Zimmer, um die neuen “Tipps” nochmal zu wiederholen. Am Ende – wer hätte das gedacht – kommt sie fast immer mit voller Punktzahl nach Haus und scheint darüber meist noch überrascht. Sie will mal Dermatologin werden.

Die gute Seele

Sie opfert sich auf. Und tut alles für ihre Mitbewohner. Sie hat alle Termine im Blick, weiß jeden Anmeldetag, jeden Bücherflohmarkt und kennt den Stundenplan (bestenfalls der gesamten WG) auswendig. Morgens wird durchgecheckt: Haben auch alle Schäfchen ihre Termine mitbekommen, sind gut vorbereitet, gut ausgestattet und mit den richtigen Materialen für den Tag versehen? Gerade ein “Zieh eine Mütze auf, es ist kalt draußen” fehlt noch. Aber sie meint es gut. Sehr gut. Und dank ihr verpasst tatsächlich kaum ein WG-Mitglied jemals einen wichtigen Termin. Sie besitzt alle Skripte und offiziellen und inoffiziellen Lernmaterialen und stellt diese auch bereitwillig zur Verfügung. Auch ihre eigenen Zusammenfassungen teilt sie brüderlich mit ihren Mitbewohnern. Neben dem Bett stapeln sich 30 aus der Bibliothek ausgeliehene Bücher. In die wenigsten guckt sie tatsächlich rein, die meisten prüft sie kurz auf Sinnhaftigkeit und verleiht sie dann weiter, wenn jemand in ihr Zimmer kommt und sagt “Ah, das wollte ich mir schon lange mal holen, aber es war immer ausgeliehen”. Die Verspätungsgebühren übernimmt sie dann auch, kein Problem. Und leider kümmert sie sich oft so aufopfernd um ihre Mitbewohner, dass sie zum Ende meist selbst in den Stress kommt. Oder liegt dem allen eigentlich auch nur eine fehlende Lernmotivation zugrunde? Wie auch immer, am Ende sahnt sie meist die Dreier und Vierer ab. Aber das macht nichts. Hier geht’s um gute Taten und nicht um Prüfungsergebnisse. Ihre potentielle Facharztwahl: Pädiatrie oder Gyn.

Der Party-Löwe

Er feiert. Und zwar hart und lang, wenn es sein muss die ganze Nacht – auch vor einer Prüfung. Denn so machen das Studenten eben. Wenn man sein Zimmer betritt, steht einem mit fast 100%iger Sicherheit ein Skelett mit irgendeinem lustigen Gegenstand in der Hand oder auf dem Kopf im Weg. “Von der letzten Sause” wird er einem zurufen. Vielleicht hängt auch demonstrativ ein BH über dem Schädel, um ganz dezent auf seinen Erfolg beim weiblichen Geschlecht hinzuweisen. Im Zimmer herrscht Chaos. Ein leerer Bierkasten, eine leere Wodkaflasche. Alles ebenso leer wie sein Kühlschrankfach. “Bestellste mal ne Pizza?” Aufgrund des temperamentvollen Beisammenseins von gestern kann er sich noch nicht wieder selbstständig von der Couch zum Telefon bewegen. Wenn die anderen morgens aufstehen, kommt er oft erst nach Hause, mit einem geklauten Straßenkegel unter’m Arm. Gelernt wird eigentlich nur aus Kurzlehrbüchern, die BASICS sind seine Lieblingsbegleiter im Unidschungel. Obwohl man den Eindruck bekommt, sein Kopf müsste eigentlich genauso leer sein wie Flasche und Kühlschrank, werden komischerweise trotzdem meist alle Prüfungen – zwar nicht mit Bravour, aber dennoch passabel – bestanden (auch wenn er ohne die gute Seele alle Termine verpassen würde). Er weiß scheinbar, wann es Zeit ist, doch die Bierflasche gegen das Lehrbuch zu tauschen. Er will mal “was Entspanntes” machen – vielleicht Anästhesie, denkt er…

Das Energiebündel

Sie flitzt. Von einem Ort zum nächsten, sodass man sie kaum wahrnimmt. Sie ist ständig unterwegs: Aus der WG raus, in die WG rein, das Ganze zehnmal am Tag. Am Morgen, wenn die restliche WG langsam ihren Kaffee in der Küche abholt und unser Party-Löwe ins Bett fällt, kommt sie meist von der ersten Jogging-Runde nach Hause. “Hey Leute, muss jemand ins Bad?”, flötet sie in die ungläubigen und noch im Halbschlaf verweilenden verknautschten Gesichter. Sie springt unter die Dusche – schnell einen Coffee to go im handlichen Reisebecher – und ab in die erste Vorlesung. Danach geht’s zum Jazzdance, nicht zu spät kommen zum Klavierunterricht und am Abend nicht die ehrenamtliche Arbeit im Altenheim versäumen. Noch dazu hat sie verwunderlicherweise ständig gute Laune und abends sogar noch Elan, sich über die Bücher zu setzen und eine Intensiv-Lern-Session einzulegen. Wegen ihres irrwitzigen Zeitmanagements bekommt sie alles auf die Reihe und auch noch ziemlich gute Noten in den Prüfungen. Sie wird Vorsitzende der Ärztekammer, hat außerdem sechs wohlgelungene Kinder und ein Hilfsprojekt in Uganda – so zumindest ihr bescheidener Plan.

Die Mischung macht‘s

Die Auswahl aller dargestellten potentiellen Mitbewohner ist natürlich stark überzeichnet. Andererseits habe ich auch alle bereits in mehr oder weniger ausgeprägten Formen erlebt – so ganz an der Nase herbeigezogen ist die Darstellung also nicht. Vielleicht erkennt ihr ja Euch selbst oder Eure Mitbewohner in dem einen oder anderen Charakter wieder. Oder Ihr kennt noch ganz andere Typen, die Ihr mit Euren Kommilitonen hier teilen möchtet? Vermutlich wird es Euch aber ähnlich gehen, wenn ich sage: Am besten gefallen hat mir immer die gesunde Mischung, denn dann wird etwas Produktives daraus: Die Engagierte motiviert den Trübsalbläser, die gute Seele bringt den Partylöwen auch mal zum Blick in die Bücher, der Kontrollfreak informiert den Planlosen über wichtige Termine.

Eines kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen: Mediziner-WGs können sicherlich anstrengend sein, aber wenn der Mix stimmt, machen sie auch riesig Spaß, es kann eine schöne Gemeinschaft entstehen – und es gibt die besten Partys. Außerdem kann man sich gegenseitig im Studium unterstützen, das, wie wir alle wissen, nicht immer ganz ohne ist.

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Studium

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