Poliomyelitis: Vertrauter Feind

14. November 2013
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Neue Hiobsbotschaften aus den Bürgerkriegsgebieten Syriens: Mehrere Menschen sind an Symptomen der Kinderlähmung erkrankt. Durch Flüchtlingsströme hat sich daraus eine globale Bedrohung entwickelt. Das Ziel, Polio global auszurotten, ist in weite Ferne gerückt.

Nach zwei Jahren im Bürgerkriegszustand kommen aus Syrien jetzt neue Schreckensnachrichten: Wie die Global Polio Eradication Initiative berichtet, wurden bei zehn Patienten Infektionen mit dem Serotyp 1 des Poliovirus (WPV1) bestätigt. Insgesamt gab es 22 Verdachtsfälle. Aufgrund katastrophaler hygienischer Verhältnisse sind viele Millionen Menschen bedroht. Poliomyelitis wird meist durch Schmierinfektionen sowie durch kontaminierte Lebensmittel übertragen, seltener über eine Tröpfcheninfektion. Lediglich fünf Prozent aller Infizierten entwickeln das Krankheitsbild mit ZNS-Beteiligung. Neben aseptischen Meningitiden treten typischerweise Muskellähmungen an den Extremitäten und am Rumpf auf. Sind Interkostalmuskeln betroffen, droht ein Atemstillstand.

Propaganda mit Polio

Gesundheitsminister der Region sprechen jetzt von einem “Notfall” und wollen mit Impfkampagnen rasch gegensteuern – kein leichtes Unterfangen. Syriens stellvertretender Außenminister Faisal Mekdad versprach, humanitäre Organisationen in die umkämpften Gebiete zu lassen, damit Ärzte wieder impfen können. Gleichzeitig warf er Rebellen vor, Konvois angegriffen und geplündert zu haben. Seine Gegner bestreiten alle Vorwürfe. US-amerikanische Regierungsvertreter kritisieren wiederum, die Regierung Syriens habe internationalen Organisationen den Zugang zu Krisengebieten verwehrt. Das dementiert Mekdad. Trotz aller Probleme lief die internationale Hilfe umgehend an. Laut WHO-Vertretern sind 650.000 Impfungen allein in Syrien geplant. Zu kleinteilige Lösungen sind aber gefährlich – Polio ist längst zum internationalen Thema geworden.

Europa in Gefahr

Grund genug für die Strategic Advisory Group of Experts (SAGE) on Immunization, über Möglichkeiten zur Ausrottung der Kinderlähmung zu sprechen. Experten trafen sich vom 5. bis zum 7. November in Genf. Sie werden ihre Resultate bald veröffentlichen. Zuvor waren in Israel WPV1-Viren nachgewiesen worden – in 91 Abwasserproben aus 27 unterschiedlichen Stellen. Professor Dr. Martin Eichner vom Universitätsklinikum Tübingen und Stefan O. Brockmann vom Kreisgesundheitsamt Reutlingen warnen jetzt vor der Einschleppung entsprechender Viren nach Europa. Das Robert-Koch-Institut stuft den Poliomyelitis-Impfschutz bei Schulkindern zwar als “sehr gut” ein – 94,7 Prozent haben eine entsprechende Immunisierung. Bei Erwachsenen liegt der Wert laut DEGS-Studie bei 85,6 Prozent. Besonders schlecht ist die Durchimpfung in Bosnien (83 Prozent), Herzegowina (87 Prozent), in der Ukraine (74 Prozent) sowie in Österreich (83 Prozent). Für Syrien geben Wissenschaftler eine Impfquote von 75 Prozent an, und zwar vor dem Bürgerkrieg. Auch in gut durchimpften Ländern könnten Bevölkerungsgruppen oder Regionen mit geringer Durchimpfung zum Problem werden. Da bei nur einem von 200 Ungeimpften, Infizierten tatsächlich Symptome auftreten, könnte Polio in Deutschland unerkannt eingeschleppt werden, befürchten Eichner und Brockmann. Sie sehen als Gefahr, dass sich Viren in unzureichend immunisierten Bevölkerungsgruppen ausbreiten, ohne dass Ärzte dies bemerken. Einer Modellrechnung zufolge treten Erkrankungen möglicherweise erst nach zwölf Monaten auf. Wissenschaftler fordern darüber hinaus, Abwasserproben systematisch auf entsprechende Pathogene zu screenen – speziell an Orten, an denen syrische Flüchtlinge untergebracht sind oder generell eine erhöhte Wachsamkeit geboten scheint.

Impfen – aber wie?

Ganz klar, Impfungen sind nun Mittel der Wahl. Ein Blick zurück: Attenuierte Viren (orale Poliomyelitis-Vakzine, OPV), wie sie vor 1998 bei Schluckimpfungen verwendet wurden, hatten erhebliche Vorteile. Sie schützten nicht nur geimpfte Individuen selbst. Durch Schmierinfektionen kam es indirekt zu einer extrem hohen Durchimpfung der Bevölkerung. Erreger konnten sich nicht ausbreiten, so dass auch ungeimpfte Menschen einen gewissen Schutz hatten. Immunologen kennen dieses Phänomen als Herdenimmunität. In seltenen Fällen kam es jedoch zu einer Impfpoliomyelitis. Heute setzen Ärzte Totimpfstoffe (inaktivierte Poliomyelitis-Vakzine, IPV) ein. Hier wird ein hoher Durchimpfungsgrad der Bevölkerung benötigt, um einen sicheren Schutz zu bieten. Eichner und Brockmann beanstanden in ihrer Arbeit, das Impfen von Flüchtlingen mit IPV allein könne sich als unzureichend erweisen. Schluckimpfungen böten einen wesentlich stärkeren Infektions- und Übertragungsschutz als IPV, seien aber nur noch in wenigen EU-Staaten zugelassen. Neben Flüchtlingen betrifft das Thema auch Mediziner, Touristen und Geschäftsleute mit entsprechenden Reisezielen. Neben Syrien sind vor allem die Türkei, Israel, Jordanien, der Libanon, der Irak und die palästinensischen Autonomiegebiete zu nennen. Kollegen vom Centrum für Reisemedizin (CRM) raten dieser Personengruppe, ihren Polio-Schutz überprüfen zu lassen. Liegt die letzte Impfung mehr als zehn Jahre zurück, empfehlen Experten eine Auffrischung.

Globale Strategien notwendig

Punktuelle Maßnahmen lösen das grundlegende Problem aber nicht. Grund genug für die WHO, eine globale Polioeradikationsinitiative zu starten. Seit 1988 ist die Zahl an Erkrankungsfällen in Risikogebieten von 350.000 auf 250 im Jahr gesunken. So lange Polio nicht weltweit ausgerottet wurde, müssen Ärzte immer mit neuen Ausbrüchen rechnen. Aktuell sind neben Syrien auch Somalia, Nigeria und Pakistan betroffen.

75 Wertungen (4.68 ø)

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7 Kommentare:

Dirk Reske
Dirk Reske

“Muss nur noch kurz die Welt retten”, an welche Stelle sollten wir denn die Durchimpfung der Weltbevölkerung auf unserer Prioritätenliste setzen? Vor dem Kampf gegen den Hunger, HIV,Naturkatastrophen, Glaubenskriegen, oder den wirtschaftlichen Interessen der sogenannten Industrieländer? Jetzt ist auch noch Europa bedroht, bedeutet dies das Deutschland wieder einmal den Vorreiter für seinen großen Bruder macht, oder fangen wir an endlich einmal vor unserer eigenen Tür zu kehren?

#7 |
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Medizininformatiker

Zitat:
” Es ist Lehrbuchwissen, dass ein Kind unter einem Jahr alt, keine Antikörper bilden kann. ”

Wo bitte kann man das lesen ?

#6 |
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Dr. med Horst Pöhlmann
Dr. med Horst Pöhlmann

Vielleicht präsentiert endlich einmal jemand die Placebo kontrollierte Doppelblindstudie zum Nachweis eines Impfschutzes. Warum es die wohl nicht gibt? Früher starben an der Salk Impfung 20.000 Kinder pro Jahr in den USA alleine bis man …….. nur noch rot gefärbtes Wasser spritzte. Dann sind keine Kinder mehr gestorben aber der Schutz war der gleiche. Die neuen 5 und 6 fach Impfungen führen, wie im Tierversuch nachweisbar, zu Gehirnblutungen und in manchen Fällen zum Tod – bekannt als Shaken Baby Syndrome. Zumindest aber ist das Immunsystem der geimpften Kinder lebenslang geschädigt. Es ist Lehrbuchwissen, dass ein Kind unter einem Jahr alt, keine Antikörper bilden kann. Und wann werden die armen Kinder geimpft? Hier ist Denken gefragt. [Kommentar von der Redaktion gekürzt]

#5 |
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Gast
Gast

Lieber Herr Dr. Roger,
mein Kommentar bezog sich gar nicht in erster Linie auf den Artikel. Ich sprang eher auf die Aussage von Frau La Bonte an. Man kann daran m. E. Sehen, dass Immunsysteme nicht immer planbar die gewünschten Reaktionen auf Impfungen zeigen.
Eine Polio-Ausbreitung ist natürlich anzugehen. Das sehe ich genauso. Dennoch habe ich durch den Artikel und Ihre Erläuterung dazugelernt. Den Vorteil der Schluckimpfung kannte ich in dieser Darlegung so nicht. Allerdings kenne ich auch eine nach einer Schluckimpfung schwer an Polio erkrankte Person.

#4 |
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Liebe Frau Hirsch, es geht ja nicht um Tetanus. Der wäre sogar behandelbar, falls rechtzeit erkannt, was ja leider nicht immer der Fall ist, weil keiner an diese Krankheiten denkt, die wir ja vom Verlauf her gar nicht (mehr) kennen oder erkennen. Aber grundsätzlich haben sie Recht, jeder Mensch reagiert eben unterschiedlich stark mit Antikörperbildung. Und wahrscheinlich haben geimpfte Personen selbst wenn sie keinen ausreichenden oder nachweisbaren IgG-Spiegel haben noch einen gewissen Schutz, weil ein immunologisches Gedächtnis (Memory-cells) existiert, die Abwehrmechanismen schneller anspringen, im Gegensatz zum Nichtimmunisierten. Bei Polio und anderen Virusinfektionen ist es tückisch, weil es gegen einige Erkrankungen ja kein Mittel gibt, man muß zuschauen und den Spontanverlauf abwarten. Die durch Poliomyelitis gelähmten Kinder haben wir ja seit Jahrzehnten nicht mehr. Übringens auch, weil Personen die willentlich oder unwissend keine Impfung erhalten hatten dann ohne es zu wissen durch die Ausbreitung des attenuierten Lebendvirus “mitgeimpft” wurden, wie es im Artikel ja auch gut beschrieben ist. Vor 30 Jahren habe ich im Studium noch gelernt, dass die Polio bis zum Jahr 2000 ausgerottet sein soll. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sie sich wieder ausgebreitet, ebenso wie Tuberkulose u.a. Diphterie. Durch Flüchtlingsströme müssen wir an solche Krankheiten jetzt wieder wenigstens denken, um sie diagnostizieren und behandeln zu können. Wer denkt denn heute bei Halsschmerzen und Fieber an Diphterie? Zunächst niemand…

#3 |
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Heilpraktikerin

@Martina Pema La Bonte: und ich habe meine letzte Tetanusimpfung vor 25 Jahren bekommen (bin jetzt 42). Ich lasse regelmässig die Titer bestimmen und die sind so hoch, dass sie jeweils noch mindestens 10 Jahre Impfschutz anzeigen.

#2 |
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Martina Pema La Bonté
Martina Pema La Bonté

da fällt mir spontan ein:meine Kinder sind geimpft, also statistisch gesehen gehören sie zu den 94%. Letzten Sommer habe ich den Impfstatus für all ihre Impfungen bestimmen lassen(und das sind ziemlich viele) und der zeigte, dass keine einzige Impfung eine gewünschte Immunreaktion hervorgerufen hat. (laut Blutantikörper sie sogar mit KEINEM der Erreger in Kontakt gekommen sind!) Obwohl wir alle Impfungen wie empfohlen durchgeführt haben.
ich hoffe, dass die Impfungen in Syrien tatsächlich einen Schutz für die Bevölkerung bedeuten!

#1 |
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