Miese Laune – mieser RR?

20. April 2007
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Deutschland - das Land der Dichter und Denker, aber auch eine Heimat der Miesmacher. Während Dichten gesund ist, gilt für das Miesmachen das Gegenteil. Denn in Moser-Staaten gibt es mehr Blutdruckprobleme als in Ländern des Lächelns. So eine englische Studie.

Es steht nicht gut um uns Deutsche. Trotz boomender Wirtschaft und besserem Wetter als früher landeten wir in dem Ende 2006 vorgelegten Report Mental Well-being der Generaldirektion Gesundheit und Verbraucherschutz (DG SANCO) der EU-Kommission in Sachen Energie und Lebensfreude allenfalls im europäischen Mittelfeld. Bei der passend "Eurobarometer" genannten Untersuchung, für die rund tausend Bürger eines jeden EU-Staates befragt wurden, erklärten nur 59 Prozent unserer Landsleute, sich glücklich zu fühlen. Jenseits der niederländischen Grenze schnellt dieser Wert schlagartig auf 83 Prozent hoch.

Einen Platz auf der Couch für den kranken Mann am Rhein

So weit die EU-Kommission. Aber es kommt noch härter. Wissenschaftler der Wirtschaftsfakultät der Universität Warwick in England haben jetzt Daten zur nationalen Zufriedenheit aus einer älteren Eurobarometer-Untersuchung genommen und sie mit den Blutdruckproblemen von insgesamt 16 europäischen Ländern korreliert. "Kurz gesagt haben wir herausgefunden, dass anhand der Blutdruckprobleme eines Landes die Zufriedenheit seiner Bewohner gut vorher gesagt werden kann", erläutert Professor Andrew Oswald. Anders ausgedrückt: Je schlechter die Laune, desto schlechter der Blutdruck. Konkret wurden die Teilnehmer gefragt, ob sie a) sehr zufrieden, b) zufrieden, c) nicht sehr zufrieden oder d) völlig unzufrieden mit ihrem Leben seien. Der Bluthochdruck wurde rein anamnestisch erfasst, und zwar mit der Frage, ob schon einmal Probleme wegen zu hohem Blutdruck bestanden hätten. Über ganz Europa gemittelt zeigte sich nun eine klare Korrelation zwischen Blutdruck und Glückseligkeit. Von jenen 68,9 Prozent der Bürger, die angaben, keine Blutdruckprobleme zu kennen, war nur jeder fünfzehnte "nicht sehr zufrieden" oder "völlig unzufrieden". Von jenen 9,9 Prozent der Bürger, die eindeutig Blutdruckprobleme angaben, war fast jeder dritte unzufrieden. Und von jenen 21,2 Prozent der Bürger, die bei der Frage nach Blutdruckproblemen vage blieben, war rund jeder siebte frustriert.

Henne oder Ei?

Insgesamt umfasst der auch im Internet abrufbare Report mit dem schönen Namen Hypertension and Happiness Across Nations 33 Seiten, in denen die EU-Durchschnittswerte nicht auf einzelne Länder, wohl aber auf Ländergruppen herunter gebrochen werden. In den drei Ländern mit den größten Blutdruckproblemen – Deutschland, Portugal, Finnland – waren nur 23 Prozent der Menschen "sehr zufrieden" mit ihrem Leben. In Irland, Dänemark, den Niederlanden und Schweden, die in Sachen Blutdruck am besten abschnitten, lag die Quote der "sehr zufriedenen" Menschen bei knapp 50 Prozent. Trickreich ist die medizinische Interpretation dieser Befunde. Ein von einigen Kritikern prompt erhobener methodischer Einwand zielt jedenfalls ins Leere. Zwar ist die anamnestische Frage nach Hypertonieproblemen kein besonders genaues Instrument der Inzidenzermittlung. Die europäische Hypertonierangliste, die die Briten darauf aufbauend erstellen, deckt sich aber weitgehend mit systematischeren Erhebungen der letzten Jahre. Die Korrelation selbst ist also nicht so einfach vom Sockel zu heben. Interessanter ist die Frage der Kausalität. Sind wir Deutschen deswegen schlechter gelaunt als die Niederländer, weil wir mehr Blutdruckprobleme haben? Oder schlägt umgekehrt die ständige Nörgelei auf den Blutdruck? Oder, ganz anderer Ansatz, gehen schlecht gelaunte Menschen mehr zum Arzt, mit der Konsequenz, dass Bluthochdruck häufiger entdeckt wird als anderswo? Fragen über Fragen.

Der Arzt wird zum Wirtschaftsweisen!

Nun müssen sich Oswald und seine Kollegen als Ökonomen nicht so furchtbar viele Gedanken darüber machen, wie ihre Resultate medizinisch zu werten sind. Sie denken stattdessen in eine ganz andere Richtung: "Es mag für heutige Ohren merkwürdig klingen, aber vielleicht ersetzt oder ergänzt die Blutdruckmessung eines Tages das Bruttosozialprodukt als Maß für den Erfolg eines Landes", so Oswald. Damit bekäme das Wort von der Durchökonomisierung des Arztberufs jedenfalls noch einmal eine ganz neue Dimension. Wir schlagen vor, zunächst einmal über die Frage zu diskutieren, ob nicht ein Feldversuch mit einem Antihypertensiva-Cocktail im Trinkwasser unternommen werden sollte. Die Hypothese wäre, dass sich innerhalb von, sagen wir, zwei Wochen das Abschneiden im Stimmungsbarometer dem unserer niederländischen Nachbarn um wenigstens fünfzig Prozent annähert. Startpunkt für den Feldversuch wäre idealerweise die Region Berlin-Brandenburg, um möglichst große Effektstärken zu erreichen.

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