20.000 Meilen unter der Schleimhaut

27. April 2007
Teilen

Im Kampf gegen Asthma und Allergien setzen Mediziner und Pharmabranche auf neue Substanzen. Bereits bis zum Jahre 2009 könnten einige der Innovationen das Licht der Welt erblicken. Die größte Hoffnung dabei: der Meeresgrund und seine bislang unerforschten Schätze. Ein Segen für die knapp 30% Allergiker in der deutschen Bevölkerung?

Für Wirkstoffforscher weltweit gilt das Datum als beginn einer neuen Ära: Vor nunmehr 37 Jahren gründete ein Schweizer Pharmakonzern in Wien eine kleine Depandance. Seitdem gilt das Novartis Institutes for BioMedical Research in Wien zu den globalen Playern und als eines der wichtigsten Zentren für Pharmaforschung nicht nur in Österreich. Denn das NIBR hat sich auf eine ganz eigene Patientenklientel in spe spezialisiert – die dort beschäftigten Wissenschaftler wollen unter anderen Autoimmunerkrankungen und Allergien den Garaus machen.

Die Chancen, mit Hilfe vollkommen neuartiger Wirkstoffpräparate die Menschheit vom Fluch der Allergien und verwandter Erkrankungen zu befreien, stehen gut. Seit 1970 meldeten die Forscher am NIBR 1134 Patente an, allein zwischen 1990 und 2006 erblickten über 1000 Publikationen das Licht der Welt. Ob das Max Planck Institut für Biochemie in Martinsried, die University of Glasgow oder die Universitäten in Sidney oder Montreal, wo immer Mediziner auf der Suche nach neuen Präparaten gegen Allergien sind, scheinen auch die Fäden beim NIBR zusammenzulaufen.

Heilung aus dem Meer

Der globale Run auf innovative Therapeutika hat nicht nur Novartis erfasst – und hat seinen Grund: Der markt verspricht einen Milliardenumsatz. Kein Wunder, dass auch kleinere start-up Unternehmen auf die Suche gehen. Und dabei auf die Natur als Wirkstofflieferant setzen. So fahndet das österreichische Biotechunternehmen Marinomed nach wirksamen Molekülen zur Behandlung von Infektionskrankheiten und im Bereich der Immunologie – aus Naturstoffen aus dem Meer. Unstrittig unter Fachleuten ist die Tatsache, dass vor allem Küstenregionen mit Wassertiefen von maximal 30 Metern zu den erfolgversprechendsten Wirkstoffreservoiren des Planeten zählen. Blaue Biotech nennen Investoren bereits diesen Teil der Branche, der sich aufgemacht hat, die Schätze der Natur zu bergen.

Zwar wissen Pharmaforscher seit langem, dass rund ein Prozent aller Pflanzen medizinische Wirkstoffe enthalten. Für Marinomed-Chef Andreas Grassauer scheint jedoch ein anderer Aspekt wesentlich interessanter: Meeresorganismen bergen fünf Mal so viel Potenzial. Vor allem Korallen und Algen produzieren die begehrten Substanzen unerlässlich. Auch das Koenzym Q in Hautcremes oder die Photolyase in Sonnenmilch gehen bereits auf das Konto der Meeresbewohner. Dies soll nun erfolgreich mit Allergieprodukten fortgesetzt werden

Doch um die Korallen im Speziellen zur Anti-Allergiefabrik umfunktionieren zu können, müssen die Wissenschaftler auf einen Trick zugreifen. Dabei ist das Prinzip stets gleich: Nachdem ein Wirkstoff als potenzielles Therapeutikum identifiziert wurde, wird der Lebensraum der Korallen in speziellen Aquarien klein gehalten. Auf diese Weise lösen die Forscher einen Wachstumsschub der Korallen aus – der Kampf um den knappen Besiedlungsraum fördert ganz nebenbei auch die Produktion diverser Wirkstoffe, die therapeutische Biomasse nimmt zu. Ein erstes Produkt, das eines Tages Allergikern zur Verfügung stehen soll und das die Biotechnologen noch geheim halten, befindet sich laut Marinomed in der präklinischen Stufe.

Vorbeugen statt eingrenzen

Kein Einzelfall. Auch hierzulande wollen Wissenschaftler den Kampf gegen die Allergien gewinnen – uns setzen dabei in erster Linie auf die Entschlüsselung der biochemischen Detail-Abläufe im Körper. So konnte ein Team um die Professoren Veit Flockerzi und Marc Freichel zeigen, dass ein von der Fachwelt als TRPM4 bezeichneter Ionenkanal die Bereitschaft des Körpers erhöhen kann, auf Allergene mit Niesen, Heuschnupfen und Hautausschlag bis hin zu akut lebensbedrohlichen Symptomen zu reagieren. Die von den Forschern in Homburg durchgeführten Versuche, die am 11. Februar 2007 in Nature Immunology publiziert wurden, eröffnen nach Aussagen der Wissenschaftler die Möglichkeit, Aktivatoren des TRPM4-Ionenkanals als neue Arzneimittel zur Behandlung allergischer Erkrankungen zu entwickeln.

Der Clou: Während die bisher zur Behandlung von Allergien eingesetzten Medikamente in erster Linie die Wirkungen der Allergene abmildern, wollen die Homburger Wissenschaftler von vorneherein der Freisetzung dieser Entzündungsstoffe entgegenwirken. Tatsächlich steuert der jetzt identifizierte Ionenkanal die Freisetzung von Entzündungsstoffen aus den Mastzellen: Seine Hemmung fördert die Freisetzung, während seine Aktivierung die Freisetzung bremst. “Entsprechend wären Substanzen, die den TRPM4-Ionenkanal aktivieren, viel versprechende Medikamente zur Behandlung von allergischen Krankheitssymptomen”, teilten die Wissenschaftler mit.

Schlucken statt spritzen

Angesichts der Tatsache, dass mehr als 30 Prozent aller Bundesbürger an Allergien und Asthma leiden, haben auch die großen Player die Notwendigkeit der intensiven Wirkstoffforschung erkannt. Im August 2005 befragte der Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) seine Mitglieder nach Arzneimittelprojekten, “die bis 2009 zur Zulassung eines neuen Medikaments in Deutschland oder zur Ausweitung des Anwendungsgebiets vorhandener Medikamente auf weitere Krankheiten führen könnten”. Immerhin 316 Projekte standen danach auf der Liste des VFA, und: 12 Prozent betreffen Krankheiten, “bei denen Entzündungsprozesse im Körper außer Kontrolle geraten sind”.

Einzig die Verabreichungsform scheint in vielen Fällen nach wie vor lästig. So kommt ausgerechnet einer der Stars am Wirkstoffhimmel, Omalizumab, nach wie vor als subkutane Spritze für die behandelten Asthmatiker daher. Auf ihn zu verzichten, wäre in vielen Fällen und angesichts der Ergebnisse wenig angebracht, wie Forscher an den italienischen Universitäten Verona und Palermo demonstrierten. Durch die Therapie mit dem Anti-IgE-Antikörper sanken die IgE-Serumspiegel um 95 Prozent, was vor allem Patienten mit schwerem Asthma zu Gute kommt.

Doch für die Zukunft ist bei Allergikern und Asthmatikern Aufatmen angesagt. Denn unter den bis 2009 anvisierten Projekten befinden sich nach Angaben des VFA erstmals auch Wirkstoffe, die im Gegensatz zu vielen Präparaten der letzten Jahre nun endlich “als Tablette und nicht nur als Injektionslösung anwendbar sind”.

2 Wertungen (4.5 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.



Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: