Von Sperma, Hostien und anderen Allergenen

2. Mai 2007
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Was haben Sex und Gottesdienste gemeinsam? Beides kann Allergien hervorrufen. Allergologen kennen eine ganze Reihe solch seltener Überempfindlichkeiten, die in der Praxis kaum keine Rolle spielen. Für den Einzelnen dagegen können sie katastrophal sein.

Eigentlich hatte die junge Frau ihren Aceto balsamico im Verdacht. Einige Stunden nach einem selbst gemachten Essen hatte sie urplötzlich ein akutes Angioödem entwickelt, mit Urtikaria, Luftnot und Schwäche. Zwar waren bisher keine Unverträglichkeiten gegen Nahrungsmittel bekannt. Die 23jährige hatte aber seit Jugend eine Neurodermitits. Insofern wären Nahrungsmittelallergien zumindest nicht ungewöhnlich gewesen. Doch die Anamnese lenkte den Verdacht schließlich in eine andere Richtung. Als die betreuende Ärztin Dr. Gabriele Nist von der Klinik für Dermatologie und Allergologie des Klinikums Stuttgart zum Ausschluss einer anstrengungsinduzierten Anaphylaxie etwas genauer nachfragte, stellte sich heraus, dass die Patientin jeweils eine Stunde vor dem Ereignis ungeschützten Geschlechtsverkehr mit ihrem Partner gehabt hatte. Der Verdacht einer Sperma-Allergie stand plötzlich im Raum. Ein Allergietest, bei dem das Sperma des Partners unverdünnt als Allergen eingesetzt wurde, fiel stark positiv aus. Passend dazu berichtete die Frau darüber, bei Verwendung von Kondomen noch nie derartige Probleme gehabt zu haben, wie Nist kürzlich in einem Fachartikel im Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft berichtete.

Gynäkologen aufgepasst!

“Ich selbst habe in den letzten Jahren vier Patientinnen mit einer solchen Sperma-Allergie gesehen”, sagte Dr. Nist im Gespräch mit dem DocCheck-Newsletter. Die Dunkelziffer könnte aber hoch sein, denn Symptome wie Juckreiz oder Brennen nach dem Geschlechtsverkehr sind unspezifisch und führen wohl niemanden primär in die Allergiesprechstunde. “Gynäkologen kennen diese Allergieproblematik aber oft gar nicht”, hat Nist beobachtet. Zu generalisierten allergischen Reaktionen kommt es nur bei wenigen Betroffenen. Egal ob selten oder nicht, für die betroffenen Frauen stellt sich bei der Diagnose einer Sperma-Allergie natürlich die Frage, was zu tun ist. Eine Kreuzimmunität mit Latex besteht nicht, sodass herkömmliche Kondome das Problem in der Regel sicher verhindern helfen, solange sie nicht reißen. Wenn allerdings Kinder gewünscht werden, wird es schwieriger.

Keine Lösung ist jedenfalls ein Partnerwechsel: “Es handelt sich in der Regel um eine unspezifische Allergie, die nicht auf das Sperma eines bestimmten Partners beschränkt ist”, so Nist. Kürzlich konnte sogar das Allergen identifiziert werden – ein alter Bekannter aus der Krebsfrüherkennung, nämlich das Prostata-spezifische Antigen der Vorsteherdrüse. Die Immunreaktionen auf diesen Störenfried sind IgE-vermittelt. Entsprechend kann wie bei anderen IgE-vermittelten Allergien die Hyposensibilisierung helfen. “Vor allem eine intravaginale Hyposensibilisierung funktioniert ganz gut”, weiß Nist. Allerdings: Um die Toleranz nach einem solchen Therapiezyklus aufrecht zu erhalten, sollten die Paare danach zumindest zweimal die Woche ungeschützt miteinander schlafen.

Allergisch auf den Leib Gottes?

Katholische Ordensschwestern werden diese Sorgen nicht haben. Aber auch die Kirche kann in seltenen Fällen indirekt zur Ursache von Überempfindlichkeitsreaktionen werden, wie ein englischer Pfarrer aus der Pfarrgemeinde Middleton in der Nähe der nordenglischen Stadt Leeds erfahren musste. Er klagte jahrelang nach dem Gottesdienst über starke Schmerzen und Übelkeit. Niemand konnte ihm helfen, bis irgendwann ein Arzt auf die Idee kam, dass es sich um eine Zoeliakie handeln könnte. Tatsächlich aß der Pfarrer nach dem Gottesdienst öfter die übrig gebliebenen Hostien auf, und die enthielten reichlich Gluten. Seit dieser Episode soll der Leib Gottes in Middleton glutenfrei sein…

Natürlich können auch weltliche kulinarische Extravaganzen in seltenen Fällen Allergien hervorrufen. So gibt es Menschen, die nach dem Genuß von sauren Nierchen eine ausgeprägte Typ I-Allergie entwickeln. Bei einem 76jährigen Patienten kam es im Gefolge eines akuten Quincke-Ödems nach Verzehr dieser Delikatesse im vergangenen Jahr sogar zu einem Kreislaufstillstand. Er konnte erfolgreich reanimiert werden und zeigte anschließend bei einem Prick-Test auf sauer zubereitete Schweinenieren eine deutlich positive Reaktion. Auch Zimmerpflanzen sind immer mal wieder die Ursache für unklare allergische Reaktionen. Vor allem die beliebte Birkenfeige Ficus benjamini kann Probleme machen. Relevant ist das vor allem für die große Zahl von Latex-Allergikern aus denen Reihen des medizinischen Personals, bei denen eine ausgeprägte Kreuzimmunität zu Ficus benjamini auftreten kann. Die Konsequenz kann da nur heißen: Raus mit dem Busch aus der Wohnung! Besonders hübsch ist er eh nicht…

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