Vom Hörsaal in den Cyberspace

7. Mai 2007
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Im Zeitalter der virtuell unbegrenzten Möglichkeiten war es schon lange ein Wunsch vieler Studenten: Eigenständiges Lernen - ganz ohne den Zwang enger Raum- und Zeitstrukturen! Lassen virtuelle Aus- und Weiterbildungen in der Medizin diese Idee schon bald Wirklichkeit werden oder bleibt der Cyberspace doch die Domäne der Informatikstudenten?

Das Online-Modul "KPL interaktiv" der Abteilung Kardiologie und Pneumologie des Herzzentrums Göttingen sowie das "Meducase"-Programm der Charité Berlin unterstützen das praxisnahe Lernen im Medizinstudium. Letzteres bindet digitalisierte klinische Fälle, multimedial aufbereitete kurze Lerninhalte, sowie Übungs- und Simulationsmodule in den Unterricht ein. So soll ermöglicht werden, didaktische Konzepte des fallbasierten Lernens in Kleingruppen- und Praktikumsunterricht sowie in das Selbststudium und die Vorlesungen multimedial einzubeziehen. Das Konzept Meducase geht von klinischen Fällen aus und soll bei den Studierenden eine starke eigene Lernmotivation wecken, Lerninhalte aus unterschiedlichen Bereichen der Medizin und den theoretischen Gebieten zu erarbeiten. Dabei werden die klassischen Fächergrenzen überschritten und besonders die Arbeit im Team und das Einbeziehen von Fachwissen aus dem Internet gefördert.

Ähnliche Ziele verfolgt "KPL interaktiv": Dieses neue Online-Modul nutzt das Internet, um medizinisches Fachwissen zu vermitteln, bei gleichzeitiger Steigerung der Teamfähigkeit der Studierenden. Die Studenten können hierbei über eine Internet-Plattform miteinander diskutieren, wie sie einem (virtuellen) Patienten helfen können und wollen. Untersuchungsmethoden müssen gemeinsam gefunden oder erarbeitet werden, wobei den angehenden Ärztinnen und Ärzten ein großes Archiv an Dokumenten zur Verfügung steht.

Das Netz ermöglicht als relativ neues Medium für das Lernen, was andere Medien wie Lehrbücher und Tafelanschriebe während der Vorlesung schon lange nicht (mehr) bieten. Hierbei seien nur Vernetzungen, Einbindungen, Simulationen, Links und multimediale Anwendungen genannt, oder auch das Einfügen von Filmen oder Echtzeit-Abläufen, wie zum Beispiel Patientengespräche und Operationen.

Wir haben mit Steffen Schulz gesprochen, der an der Technischen Universität Karlsruhe an der Entwicklung von virtuellen Lernhilfen (unter anderem für Medizinstudenten) arbeitet und forscht.

"Herr Schulz – was spricht für das virtuelle Lernen und Lehren?"
"Auch wenn bei realistischer Betrachtung eine komplett virtuelle Universität mittelfristig wohl kaum realisierbar sein wird, gewinnen doch computer- und internetgestützte Kommunikation zwischen Studenten und Lehrern stetig an Bedeutung. Zum Beispiel im Virtuellen Hochschulverbund hier bei uns in Karlsruhe (ViKar) oder im Virtuellen Campus der Giessener Universität finden sich hochwertigste Lernmöglichkeiten."

"Worin sehen Sie die größten Möglichkeiten ganz speziell im Medizinstudium?"
"Nun gut…die Formen der Multimedia lassen sich ja zum Beispiel hervorragend zur Simulation von Operationen, Notfällen oder bestimmter Techniken in Diagnose und Therapie einsetzen."

"Gibt es aber nicht auch gerade in den Medizin Bereiche, wo diese Form der Lehre versagt?"
"Selbstverständlich! Natürlich stößt das netz- oder computergestützte Lernen dort an Grenzen, wo es um soziale Einbindung geht. Gerade persönliche Diskussionen oder plakativ ausgedrückt das "Zugehörigkeitsgefühl" zu einer Gruppe von Lernenden oder am Patienten Arbeitender ist nicht zu unterschätzen. Zudem kann ein Programm oder eine virtuelle Präsentation natürlich niemals die Praxis ersetzen, die gerade in der Medizin unerlässlich ist. Wissen und persönliche Erfahrungen sind ja in der Medizin geradezu existenziell."

"Wie sieht daher Ihr Fazit aus?"
"Virtuelle und computergestützte Angebote in der Lehre machen nur Sinn, wenn sie vernünftig in den Medizin-Studiengang integriert sind. Die dadurch gewonnene Zeit sollte zudem durch eine Optimierung der persönlichen Betreuung genutzt werden. Durch Multimedia lassen sich bestimmt auch etliche Probleme der Universitäten lösen – so zum Beispiel eine Kompensation der geringen Studenten/Patienten-Kontakte. Die virtuell gestützte Unterrichtsform stellt aber auch eine hohe Anforderung an Studenten, die – aufgrund der fehlenden "Kontrolle" – sehr viel mehr zur Selbstorganisation bereits sein müssen. Die Zukunft wird zeigen, wie erfolgreich diese ganzen Modelle sein werden!"

"Herr Schulz – wir bedanken uns für das Gespräch!"

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