Deutscher Medizin-Nobelpreis: Wie gewonnen, so zerronnen?

13. November 2013
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Anfang Oktober wurden die Nobelpreise im Bereich Medizin und Physiologie vergeben. Der Preisträger Thomas Südhof studierte und promovierte in Göttingen. Seine preisträchtigen Studien schrieb er allerdings in den USA. Doch warum kehrte er Deutschland den Rücken?

Die Freude war hierzulande groß, als die Nachricht durch die Presse schnellte: Wir sind Nobelpreis! Nach jahrelanger Forschung über die Transportmechanismen von Zellen erhielt der gebürtige Göttinger Thomas Südhof gemeinsam mit seinen beiden US-Kollegen James Rothman und Randy Schekman die begehrte Auszeichnung. Eigentlich eine tolle Sache für unser Land. Doch eine anschließende, kleine Internetrecherche zeigte mir schnell, dass Herr Südhof schon lange nicht mehr in Deutschland lebt und arbeitet. Seine wesentlichen Forschungsarbeiten, die ihn zum Preisträger machten, führte er in den USA durch. Obwohl er also in Göttingen studierte und auch seine Promotion einreichte, zog es ihn für weitere Karriereschritte über den großen Teich. Stellt sich sofort die Frage: Was haben die, was wir nicht haben?

Blick über den Tellerrand

Denkbare Gründe wären bessere Forschungsbedingungen, mehr Gelder für Forscher und ein größerer Stellenwert wissenschaftlicher Arbeiten an ausländischen Universitäten. Dass dem aber nicht so ist, berichtete Nobelpreisträger Südhof erst kürzlich in einem Interview. Demnach hätten sich die Bedingungen besonders in den letzten Jahren angeglichen, so Südhof: „Damals waren es [die Forschungsbedingungen, Anmerkung der Redaktion] etwa dieselben, heute sind die Freiheiten für die Forscher in Deutschland im Prinzip sogar besser.“ Darüber hinaus relativiert Thomas Südhof die verbreitete Annahme über deutlich höhere Gehälter in den Staaten: „In der Wirtschaft mögen die Gehälter besser sein in den Vereinigten Staaten, in der Forschung sind sie es nicht. Das Gehalt als Max-Planck-Direktor ist wahrscheinlich besser als das, was ich hier verdiene.“ Die Gründe für seinen Umzug in die Staaten waren demnach weniger finanzieller Natur, sondern gründeten sich auf eine besondere Konstellation von Umständen.

So kehrte Thomas Südhof Mitte der 90er Jahre nach Göttingen zurück und wurde Direktor am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen. Dort angekommen, plante er strukturelle Änderungen hin zu einer stärker betonten neurowissenschaftlichen Ausrichtung der dortigen Forschungsbemühungen: „Als ich auf den Direktoriumsposten am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin berufen wurde, gab es die Vorgabe, das Institut neu zu gestalten im Sinne der Neurobiologie. Deswegen bin ich nach Göttingen gekommen. Das war mir auch wichtig. Da ich in Deutschland einen Mangel an molekularen Methoden sah, habe ich eine Lücke gesehen“. Doch schon kurze Zeit später kam es zu einem Überwurf mit dem damaligen neu ernannten Präsidenten, Hubert Markl, der ihm sogar alsbald den Rückgang in die Vereinigten Staaten nahe legte. Aber wie konnte es soweit kommen, dass Herr Südhof einfach seine Koffer packt? Im FAZ-Interview erzählt er, dass Herr Markl den Bedarf einer neurowissenschaftlichen Ausrichtung anders beurteilte und einen Kristallographen sowie einen Immunologen mit der Personalplanung beauftragte. Das wiederrum ging Südhof wohl gegen den Strich – und weg war er und forschte im Ausland weiter.

Reger Austausch zwischen den Nationen

Soviel zum „Fall Südhof“, der zeigt, wie vielfältig die Gründe für Wissenschaftler sein können, ihre Forschungen im Ausland weiterzuführen. Und die müssen dann auch nicht immer einer Meinungsverschiedenheit entspringen. Schließlich gibt es ja auch Wissenschaftler, die nach vielen Jahren deutscher Forschung ihren Horizont erweitern und einen Blick über den wissenschaftlichen Tellerrand werfen wollen. „Ich habe nach dem Examen in Boston, USA, promoviert und diese Zeit richtig genossen“, berichtet mir ein Oberarzt einer urologischen Klinik. „Die Abläufe waren schon anders als an deutschen Universitäten und die Betreuung von Doktoranden wurde sehr ernst genommen. Und nebenbei war mein Auslandsjahr natürlich eine tolle Gelegenheit, um Land und Leute kennenzulernen und neue Kontakte zu knüpfen“, fährt er fort. Keine Frage: Es kann immer sehr befruchtend sein, sich Ideen und erfolgreiche Methoden bei den Nachbarn abzuschauen und langfristige Kooperationen aufzubauen. Auch wenn es immer schade ist, wenn ein guter deutscher Forscher oder Arzt seine Heimat verlässt, dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass wir auch viele Wissenschaftler aus dem Ausland willkommen heißen, die unsere Labore und Kliniken bereichern.

Betrachtet man beispielsweise einzelne Arbeitsgruppen an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), findet man mindestens einen Forscher oder Doktoranden aus dem Ausland. Darüberhinaus werden internationale Forschungsgemeinschaften heute groß geschrieben und bilden damit die Grundlage für Forscherströme zwischen den Nationen. Auch hiesige Medizinstudenten sind von der Vielfalt der Nationen begeistert: „Während meiner Promotion habe ich im Labor mit vielen Laboranten und Ärzten aus dem Ausland zusammengearbeitet. Es war schon ziemlich anspruchsvoll, die ganze Zeit auf Englisch zu sprechen. Aber ich habe in dieser Zeit wirklich viel lernen und neue Freunde gewinnen können“, erzählt Mira von ihrer Zeit als Doktorandin im Bereich der Neurologie. Was läuft hier also falsch, dass sich trotz oben genannter Vorzüge deutscher Forschungsanstalten immer noch viele Absolventen für die große Reise entscheiden? Ein Knackpunkt könnten die charakteristisch steifen, deutschen Strukturen und langen Wege sein. Wie das Beispiel Thomas Südhof zeigt, können weitgehend ungerechtfertigte Personalentscheidungen und strenge Voraussetzungen für die Genehmigung von Forschungsprojekten plausible Gründe darstellen. So wollte Südhof während seiner kurzen Zeit als Direktor den Ausbau von Tierlaboren voranbringen. Dieser wurde allerdings von den zuständigen Behörden als unnötig und zu teuer beurteilt und sorgte schließlich für negative Schlagzeilen mit Schaden für das Institut und den damaligen Direktor. Kaum zu glauben, dass große Forschungsvorhaben an der Anzahl von Tierställen scheitern können.

Aber auch finanziell ist hierzulande nicht alles Gold, was glänzt. Dies zeigt die zunehmend heftigere Kritik an der Finanzierung der Hochschulen und vor allem Hochschulmedizin von Seiten diverser Vereinigungen. Ob die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd), der Verband der Universitätsklinika Deutschlands (VUD) oder der Kanzlerarbeitskreis Hochschulmedizin. Alle sehen diesbezüglich noch enormes Verbesserungspotential.

Die Brain-Gain-Offensive

Um die Abwanderung deutscher Spitzenforscher in Zukunft zu vermeiden, bemühen sich Bund, Länder und Forschungsgesellschaften, die Strukturen der deutschen Forschungslandschaft stetig zu verbessern. Und wie das Beispiel der Doktorandin Mira zeigt, die auch hier in Deutschland neue Erfahrungen sammeln konnte, lässt sich der Horizont also auch an unseren Universitäten mit persönlicher Bereicherung erweitern. Warum also in die Ferne schweifen? Schließlich gibt es im Rahmen der sogenannten „Brain-Gain-Offensive“ der Bundesregierung und durch die Förderprogramme der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hervorragende Bedingungen für deutsche Nachwuchsforscher. Darüberhinaus bieten auch viele Universitäten aktuell attraktive Rahmenbedingungen an, die teilweise bereits im Studium ansetzen. „Bei uns an der MHH gibt es das sogenannte StrucMed-Programm“, so eine Kommilitonin, die demnächst ihr PJ beginnt. „Es handelt sich dabei um eine strukturierte Doktorandenbetreuung, bei der die Studierenden vom Unterrichtsbetrieb freigestellt und je nach Abteilung auch finanziell unterstützt werden. Für mich war das eine prima Sache.“ Obgleich Auslandserfahrungen immer eine tolle Sache sind, lohnt sich also eine Recherche über Förderprogramme an deutschen Forschungseinrichtungen. Und wer weiß: Vielleicht kommen auch bald wieder nicht nur die Nobelpreisträger, sondern auch ihre Ergebnisse aus deutschen Landen.

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