Das große Gähnen

11. Mai 2007
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Sonne, Wärme, und dennoch müde. Wer seine Praxis-Klientel gegen die alljährliche Frühjahrsmüdigkeit rüsten möchte, sollte sich auf die neusten Erkenntnisse der Medizin stützen - und dabei den Chronotypus seines Patienten kennen.

Für Meteorologen war der April ein Rekordmonat, noch nie seit 1901 konnten Menschen so viel Sonne und Wärme zu dieser Zeit tanken. Genutzt hat es indes nur wenigen. Schlappheit statt Frühlingsgefühle, Kopfschmerzen statt Liebeslust – viele Menschen würden gerne anders wollen, fallen aber ihren eigenen Hormonen zum Opfer. Tatsächlich ist das Phänomen der Frühjahrsmüdigkeit nach wie vor ein Rätsel der Medizin. Zwar wissen Forscher und Ärzte, dass Abgeschlagenheit, Gereiztheit und Kreislaufschwäche zu den häufigsten Symptomen dieser Erscheinung gehören. Nur: Nicht alles, was auf ersten Blick als Frühjahrsmüdigkeit diagnostiziert wird, hat damit etwas zu tun.

Chronobiologie der entscheidende Faktor

Denn die biologischen Zeitprogramme des Körpers bestimmen den circadianen Rhythmus des Menschen, und die innere Uhr steuert dabei die Hormonabläufe je nach Jahreszeit. Normalerweise führen dabei die länger werdenden Tage zu einer verstärkten Ausschüttung von Endorphin, Testosteron und Östrogen. Auch die vermehrte Bildung von Melatonin scheint im Frühjahr eine Rolle zu spielen, wie die Landesärztekammer Hessen erklärt: “Die kurzen Wintertage mit schwachem Sonnenschein regen den Körper zu vermehrter Melatonin-Bildung an, um uns schöne Nächte zu bescheren. Doch zu viel Melatonin im Blut bewirkt, dass wir uns auch tagsüber müde und “nicht richtig in Form” fühlen”. Dieser biochemischen Falle entrinnt der Körper erst dann, wenn die Tage wieder dauerhaft Sonne und damit Licht mit sich bringen: Letzteres aktiviert den Körper zur Produktion von Serotonin – jenes Glückshormon also, dass bei unausreichender Menge zu Depressionen führen kann.

Eine Erklärung, die aus Sicht von Chronobiologen zu einfach ausfällt und den entscheidenden Faktor nicht erwähnt: Ausgerechnet der moderne Mensch erschwert durch seine Lebensweise diese natürlichen Mechanismen des Körpers. Denn die normale Innenbeleuchtung beträgt im Durchschnitt lediglich 50 bis 500 Lux. Licht im Freien hingegen bietet dem Körper schon bei bewölktem Himmel 8.000 Lux, Sonnenstrahlen bringen es sogar auf 100.000 Lux. Für den Organismus ist die alltägliche Kümmer-Exposition im Büro oder den eigenen vier Wänden aus chronobiologischer Sicht fatal. Licht gilt nämlich als wichtigster Zeitgeber des menschlichen Körpers – allerdings wird das circadiane System erst oberhalb 1000 Lux aktiv. Die Finsternis des Körpers fordert daher ihren medizinischen Tribut: Energielosigkeit, Schlafstörungen oder schwere Depressionen sind Symptome, die gerade nach den langen Wintermonaten falsch interpretiert werden: irrtümlicherweise als Folge einer einsetzenden Frühjahrsmüdigkeit. Für den einen oder anderen Patienten mag das zutreffen. In den meisten Fällen jedoch erweisen sie sich schlichtweg als gravierender Einschlag des andauernden Lichtmangels.

Kein Biorhythmus ist gleich

Wer demnach seine Patienten im Frühling wieder fit machen möchte, sollte zunächst eruieren, wie viel Licht diese tatsächlich aufnehmen. Eine künstliche Lichttherapie kann die Folgeerkrankungen der chronobiologischen Finsternis mildern oder sogar beheben. Die innere Tagesuhr des Menschen hat aber noch eine weitere Funktion. Sie misst die Photoperiode im Jahresverlauf – uns setzt auf diese Weise die circa-annuale Uhr in Gang. Dieses zweite biologische Zeitsystem programmiert den Jahresablauf des Menschen. Normalerweise. Denn der homo sapiens unserer Tage wirkt auch hier den feinen Antennen seiner Jahresuhr entgegen: der tägliche Lichtmangel bringt auch dieses System aus dem Takt. Hinzu – und erschwerend für die richtige Einschätzung der Frühjahrsmüdigkeit – kommt die genetische Prädisposition der Patienten. Weil Gene die circadiane und circa-annulae Uhr bestimmen, beobachten Chronobiologen ganz unterschiedliche Chronotypen des Menschen. “Eulen” beispielsweise gehen zu später Stunde schlafen, stehen dafür aber niemals früh auf. So genannte “Lerchen” unter den Patienten indes sind bereits bei Sonnenaufgang aktiv – um bei Anbruch der Dunkelheit müde zu werden. Was viele Ärzte nicht wissen: Die meisten Diagnosen berücksichtigen weder die Tageszeit der erhobenen Befunde, noch den Chronotypus des Patienten.

Wie schwierig die richtige Diagnose ohne Kenntnis der Chronobiologie des Patienten ist, zeigen Ärzte am österreichischen Institut für Psychosomatik/Emco Privatklinik auf. Danach lassen sich manche Schlafstörungen, etwa die chronische Müdigkeit, auf den Chronotypus des Betroffenen zurückführen. Wer beispielsweise Kurzschläfer ist, auf Grund seiner Lebensgewohnheiten aber zu lange im Bett liegt, wird womöglich an dieser Stelle staunen. “Die scheinbare Schlaflosigkeit wird dann falsch interpretiert – vielleicht als Frühjahrsmüdigkeit oder sogar als depressive Störung” heißt es dazu in einer entsprechenden Publikation der Klinik.

Erst die chronobiologisch fundierte Diagnose, dann Tipps

Erst wenn die chronobiologischen Faktoren berücksichtigt sind, sollte eine Diagnose erfolgen. Sofern dann tatsächlich “nur” die natürliche Frühjahrsmüdigkeit festgestellt wird, helfen ein paar einfache Verhaltensregeln dem Patienten auf die Sprünge. So rät die Deutsche Herzstiftung zu Ausdauersportarten wie Fahrradfahren, Joggen, Nordic Walking oder auch flottes Spaziergehen, “was sich deutlich positiv auf das Herzkreislaufsystem auswirkt”. Der Fettstoffwechsel verbessert sich, der Blutdruck wird positiv beeinflusst und das angesammelte Übergewicht lässt sich einfacher reduzieren. “Schon mit einer Stunde Jogging pro Woche lässt sich das Risiko für Herzerkrankungen bedeutsam senken”, sagt dazu Helmut Gohlke, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung. Grundsätzlich gelte dabei die Regel: “Je mehr Bewegung, desto besser”. Optimal sei es daher, sich vier- bis fünfmal in der Woche für etwa eine halbe Stunde zu bewegen.

Doch wer wie ein Besessener auf Outdoor-Aktivitäten allein setzt, schwitzt umsonst. Erst die Umstellung der Ernährung garantiert den Siegeszug gegen die Frühjahrsmüdigkeit. “Auf den Speiseplan gehören jetzt frisches Gemüse wie junger Spinat, Blattsalate, Lauch und Frühlingszwiebeln”, rät Sabine Voermans, Medizinerin bei der Techniker Krankenkasse. Auch für Vinzenz Mansmann, Naturmediziner an der NaturaMed Vitalclinic in Bad Waldsee, sind die Ernährungssünden der Patienten während der Winterzeit ein Grund für die einsetzende Frühjahrsmüdigkeit. Der Experte rät daher zum Verzehr von Löwenzahn und Löwenzahnsalat, ebenso wie zur verstärkten Aufnahme von Vitamin B und C zur Steigerung der Körperabwehr.

Selbst mehrere Kurzurlaube an der See scheinen zum rundum-Cocktail gegen die Frühjahrsmüdigkeit zu gehören: Die jodhaltige Luft bringt die Leber wieder auf Vordermann – und die hohe Lichtexposition unter freiem Himmel die circadianen Systeme wieder ins Lot.

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