Deutschland sucht den Superretter.

11. Mai 2007
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Rund 100.000 Menschen erleiden in Deutschland jährlich einen plötzlichen Herzstillstand, lediglich ein Zehntel überlebt. Ein flächendeckendes Reanimationsregister soll künftig Notärzten den Erfahrungsaustausch erleichtern und auf diese Weise Menschenleben retten.

Das Vorhaben der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) ist ehrgeizig: Das seit 2003 in der Erprobungsphase befindliche Reanimationsregister soll bundesweit zum Einsatz kommen – als Instrument des Qualitätsmanagements.

 


Immerhin 50 der rund 2000 Rettungsstandorte und sechs Kliniken in ganz Deutschland liefern derzeit die potenziell lebensrettenden Informationen. Dabei erfasst das Basismodul "Erstversorgung" die präklinische Logistik, Behandlung und Befundung. Nach 24 Stunden erfragt das System zudem das Outcome. Zwei weitere Module gehören zum Gerüst des einzigartigen Registers. Die "Klinische Erstversorgung" nimmt Informationen über die ersten 24 Stunden in der Klinik auf und berücksichtigt Befunde und Therapie während der weiteren Krankenhausbehandlung – bis zur Entlassung oder zum Tod des Patienten. Das Modul "Langzeitverlauf" schließlich sammelt jene Daten, die im Falle des Überlebens nach 30 Tagen und nach 12 Monaten anfallen. Diese Datensätze schließlich fließen in die zentrale Datenbank unter der Schirmherrschaft der DGAI. Erst von hier aus gelangen sie via Internet an jene, die einen Zugang dazu haben.

Überlebenschance: 20 Prozent

Der Clou: Die wertvollen Daten stehen allen zugelassenen Nutzern zur freien Verfügung. Über das Internet können Ärzte auf die Informationen zugreifen und ihre eigenen Erfahrungen mit jenen ihrer Kollegen vergleichen. Allerdings bleibt der Zugriff auf das Register derzeit lediglich Notfallmedizinern vorbehalten: Notarztstandorte und Fachabteilungen von Krankenhäusern können die Freischaltung bei der DGAI beantragen, wo ein wissenschaftliches Komitee über die Teilnahme entscheidet.

Der virtuelle Erfahrungsaustausch über das Internet hat seine Berechtigung. Von den etwa 100.000 Menschen, die jedes Jahr in Deutschland einen plötzlichen Herzstillstand erleiden, stirbt die Hälfte, bevor ein Arzt zur Stelle ist. Bei der anderen Hälfte kann der Arzt zwar eine Wiederbelebung, eine so genannte Reanimation, einleiten. Doch nach Ansicht von Jens Scholz, Vertreter der Landesvorsitzenden der DGAI und Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, betragen die Überlebenschancen insgesamt gerade mal 20 Prozent.

Defibrillation ist nicht immer möglich

Das Reanimationsregister sei daher eine Chance, die hohe Sterblichkeit zu senken. Denn der einzelne Arzt soll nicht nur seine Ergebnisse in das Register eintragen, er erhält auch einen Einblick in die Behandlungsergebnisse anderer Notärzte, erläutert Scholz: "So kann jeder eigene Stärken und Schwächen erkennen."

Wobei selbstverständlich die Anonymität der Patienten gewahrt bleibt, schon aus Gründen der ärztlichen Schweigepflicht, wie Scholz versichert. Alle teilnehmenden Ärzte erhalten einmal jährlich einen Leistungsbericht. Auch eine wissenschaftliche Auswertung ist laut Scholz vorgesehen.

Tatsächlich sind die im Register abgelegten Informationen beeindruckend. So erfahren teilnehmende Ärzte, dass entgegen der landläufigen Meinung eine Defibrillation nur bei jedem vierten Patienten möglich ist, wie Mathias Fischer, Chefarzt der Klinik am Eichert in Göppingen, nach der Analyse des Reanimationsregisters herausfand.

Mehr als 1000 dokumentierte Notfalleinsätze lieferten dieses spektakuläre Ergebnis. Danach lag der Anteil der Patienten mit Herzrhythmusstörung, die mittels elektrischer Defibrillation zu therapieren waren, im Mittel bei genau 26,7 Prozent. Ein sensationelles Resultat, wie Fischer erklärt: "Im Vergleich mit Untersuchungen aus den Neunziger Jahren bedeutet dies eine dramatische Abnahme". Und: Die Gründe seien derzeit nicht genau bekannt.

Für den Laien zugänglich

Wie effektiv das Register den medizinischen Alltag verändern könnte, zeigt die weitere Auswertung der unerwarteten Defibrillations-Daten. Sollte sich nämlich der Trend bestätigten, sei das "ein wertvoller Hinweis für die derzeit diskutierte Empfehlung, an vielen öffentlichen Orten Laien-Defibrillatoren aufzustellen", wie die DGAI feststellt. Dabei handelt es sich um halbautomatische Geräte, die auf Knopfdruck selbstständig erkennen, ob eine Defibrillation überhaupt sinnvoll ist – und diese erst dann durchführen. Auf diese Weise wäre den Patienten doppelt gedient: Zum einen könnten auch Ersthelfer den "Defi" bedienen, bevor der Notarzt eintrifft. Zum anderen ginge bei drei Viertel aller Patienten keine kostbare Zeit durch unnötige Defibrillationsversuche verloren. Was nämlich kaum jemand weiß: Auch andere Maßnahmen sind wirklich effektiv.

Das Reanimationsregister jedenfalls lässt solche Aussagen zu. Vor einer Defibrillation sollte daher mit der Wiederbelebung, Herzdruckmassage und Beatmung, begonnen werden. Denn nach Auswertung der bisherigen Registerdaten sind alle Reanimationsmaßnahmen in rund 46 Prozent der Fälle erfolgreich: Das Herz der Patienten beginnt wieder zu pumpen.

TIPP: Jeder Notarztstandort, jede am Notarztdienst teilnehmende Fachabteilung eines Krankenhauses und jede Klinik kann sich für eine Teilnahme am Reanimationsregister anmelden. Weitere Infos dazu unter: www.reanimationsregister.de

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