Zeig mir deine Wunde, Honey!

18. Mai 2007
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Hansaplast und Co sind fast umsonst. Moderne Verbände für chronische Wunden dagegen können ganz schön ins Geld gehen. Billiger zu haben sind Wundauflagen mit Honig. Jetzt untersucht eine große Studie diese Therapieform bei Diabetikern mit offenen Beinen.

Wenn Sie noch irgendein Staatsexamen oder eine Facharztprüfung in Innerer Medizin vor sich haben, dann hören Sie jetzt einfach weg. Nein, wenn Ihr Prüfer Sie fragt, welche Wundtherapie Sie denn einem Patienten mit diabetischem Ulkus angedeihen lassen würden, dann sagen Sie ihm nicht, dass Sie eine sterile Kompresse in Honig tränken würden. Sie sagen ihm auch nicht, dass Sie gegebenenfalls zwanzig Teile Honig mit einem Teil Wasser verdünnen würden, damit die Pampe besser in die Kompresse einzieht. Und dass Sie, bevor Sie die Honigkompresse auf die Wunde drücken, alle Vertiefungen und Exkavationen sorgfältig mit einer Extradosis Honig auffüllen, das sagen Sie Ihrem Prüfer am besten auch nicht. Stattdessen berichten Sie ihm einfach, dass Sie sich für einen modernen hydroaktiven Wundverband entscheiden würden, und alles wird gut.

Honig-Fans sind bisher vor allem in Indien zu Hause

Zu Hause können Sie dann immer noch den Honig aus dem Schrank holen – und sich dabei demnächst vielleicht sogar auf die hehre medizinische Wissenschaft berufen. Denn die sammelt zunehmend Indizien dafür, dass Honig nicht nur dem Geschmackssinn, sondern auch der chronischen Wunde mundet. Das Thema mäandert schon eine Zeitlang durch die alternativmedizinische Literatur, ohne bis dato von der Schulmedizin sonderlich Ernst genommen zu werden. Schon im Jahr 2001 gab es in der damals neuen Zeitschrift BMC Complementary and Alternative Medicine einen systematischen Übersichtsartikel, der sieben randomisiert-kontrollierte Studien mit insgesamt 264 Patienten berücksichtigte. Die Studien legen einen signifikant positiven Effekt der Honigtherapie auf die Wundheilung innerhalb von sieben Tagen nahe. Die Autoren schränken allerdings ein, dass die Qualität der Untersuchungen stark zu wünschen übrig lasse. Auch waren sechs der sieben Studien von ein und demselben Wissenschaftler gemacht worden, einem Inder, der mittlerweile noch weitere Arbeiten zu dem Thema vorgelegt hat. Die siebte Studie war eine Untersuchung aus den Vereinten Arabischen Emiraten.

Honig-Double macht neue US-Studie doppelblind

Um die Datenbasis etwas zu verbreitern, wird gerade in den USA eine größere randomisiert-kontrollierte und wohl erstmals auch doppelt verblindete Studie gemacht. Unterstützt von der Stiftung Wisconsin Partnership Fund und von der Academy of Family Physicians Foundation untersucht die Ärztin Jennifer Eddy vom Allgemeinmedizinischen Institut der Universität Wisconsin die Honig-Therapie bei Diabetes-Patienten mit chronischen Fußulzerationen. Die Patienten erhalten von einem fußmedizinisch geschulten Arzt entweder honighaltige Wundauflagen oder aber Wundverbände, die mit einem Standardwundgel getränkt werden, dem einige Farb- und Duftstoffe zugesetzt wurden. Diese sollen dem Gel das Aussehen und den Geruch von Honig verleihen. Kontrolliert wird, wie schnell die Ulzerationen unter der jeweiligen Behandlung verschwinden. “Die erfolglose Behandlung von Ulkus-Patienten kann tausende US-Dollar kosten”, betont Eddy, “eine Behandlung mit Honig kommt sehr viel billiger.”

Es sind aber nicht nur gesundheitsökonomische Gründe, die eine Behandlung mit Honig attraktiv erscheinen lassen. Auch medizinisch könnte etwas dran sein an der Honig-Sache. So hat Honig antibakterielle Eigenschaften, die unter anderem in seinem niedrigen ph-Wert, in seinem geringen Wassergehalt und in Enzymen begründet liegen, die Wasserstoffperoxid produzieren. In den Augen von Jennifer Eddy könnte Honig deswegen gerade auch für schon lange bestehende und eventuell antiobiotisch vorbehandelte Wunden eine interessante Option sein. Denn in diesen Ulzerationen verstecken sich häufig resistente Keime. “Aus Public Health-Sicht ist das ein extrem wichtiger Gesichtspunkt”, so Eddy.

Raps, Akazien, Klee, oder was?

Selbst ein positiver Ausgang der Wisconsin-Studie allerdings würde noch eine Reihe von Fragen offen lassen, die einem breiten Einsatz von Honig in der Wundversorgung noch eine Weile im Wege stehen dürften. So ist beispielsweise völlig unklar, ob die Honigsorte oder auch die Bienenart, die den Honig produziert, die mögliche wundheilende Wirkung des Honigs beeinflussen. Honig ist ein Naturprodukt und als solches natürlich nicht “durchstandardisiert”. Auch wird Honig sicher nicht die eine Wunderwaffe gegen Wunden werden, sondern allenfalls ein Puzzleteil der ärztlichen Wundversorgung. Fachgerechte Wundreinigung, Debridement und adäquate Verbandstechniken ersetzt Honig nämlich nicht.

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