Bakterien gegen Depression

22. Mai 2007
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Im Kampf gegen Depression stieIm Kampf gegen Depression stießen Mediziner auf die Sensation - ausgerechnet Bakterien könnten für Stimmungsaufhellung sorgen. Zu viel Hygiene in der Kindheit hingegen führt womöglich zu depressiven Erwachsenen. Steht die Psychiatrie vor einer ähnlichen Revolution wie einst die Gastroenterologie mit Helicobacter pylorii?

Die Bekämpfung von Depressionen gehört seit Jahrzehnten zum Repertoire der Neurologen und Psychiater – jetzt aber könnte eine Onkologin das Tor zu einer neuartigen Therapie der Zukunft aufgestoßen haben. Denn die am britischen Royal Marsden Hospital arbeitende Medizinerin Mary O'Brien fand per Zufall heraus: Mycobacterium vaccae setzt im Organismus der Infizierten einen bis dato unbekannten Abwehrmechanismus in Gang, an dessen Ende Patienten in guter Stimmung und frei jedweder Depression stehen könnten.

Aus dem Zufall heraus

Hinweise dafür gibt es allemal. O'Brien wollte eigentlich die Wirksamkeit eines Impfstoffs mit M. vaccae als Therapeutikum bei Patienten mit Lungenkrebs testen. Denn die Wirksamkeit der durch Hitze abgetöteten Mikroben ist bei anderen Erkrankungen geradezu spektakulär, sogar bei Autoimmunerkrankungen scheint der Impfstoff seit einigen Jahren viel versprechend.

Dass die Bazillen bei Krebspatienten das Tumorwachstum unterdrücken würden gehörte daher zu O'Briens Hoffnung. Doch die Ergebnisse fielen – obgleich positiv – ganz anders aus als erwartet: Sowohl die kognitiven Funktionen, als auch die Gemütsverfassung der Behandelten verbesserte sich derart massiv, dass Wissenschaftler Chris Lowry von der britischen Bristol University darauf aufmerksam wurde und eine eigens dazu konzipierte Tierversuchsstudie startete. Lowrys Vermutung: Die via Impfung in den Organismus eingeführten Bakterien könnte über die Immunantwort des Körpers die Serotoninproduktion im Gehirn ankurbeln. Nur wie?

Offensichtlich über die vom Organismus freigesetzte Menge an Cytokinen, wie Lowry im Fachblatt Neuroscience nun berichtet. Danach stimulieren die Botenstoffe bestimmte serotonerge Neuronen im Nucleus raphe dorsalis. Die sensorische Nervenstimulation führt schließlich zu einer Serotoninausschüttung – was bekanntlich der Depression Einhalt gebietet.

Nur noch glückliche Mäuse

Wie stark die eingesetzten Bakterien wirken, konnte Lowry bei seinen Versuchsmäusen beobachten. Die geimpften Tiere zeigten sich nach kurzer Zeit absolut stressfrei und in bester Laune. Im Vergleich zu unbehandelten Tieren schwammen die Impflinge mühelos in Blecheimern – eine Fähigkeit, die Mutter Natur gewissermaßen nur glücklichen Mäusen mitgegeben hat. Die deutlich aufgehellte Stimmung der Lungenkrebspatienten in O'Briens Studie wiederum beruht Lowry zufolge womöglich auf ähnliche Zusammenhänge in der Serotoninfabrik des Körpers.

Die Bedeutung dieser Erkenntnisse freilich wird erst deutlich, wenn man sich die Zusammenhänge zwischen Immunsystem und Serotoninbildung im größeren Kontext anschaut. Denn möglicherweise aktivieren nicht nur die wundersamen M. vaccae über die Immunantwort und den Nucleus raphe dorsalis die Serotoninproduktion. Auch andere Bakterien dürften, so die Hoffnung der Mediziner um Lowry und O'Brien, zu ähnlichen Resultaten führen.

Ohne Dreck ist auch nicht gut

Bekannt ist schon seit langer Zeit, dass der fehlende Kontakt zu Bakterien infolge von zu viel Hygiene bei Kindern beispielsweise verstärkt zu Asthma und Allergien führen kann. Genau das, befürchten nun Mediziner nach Lowrys Publikation, könnte sich bei Depressionen ähnlich abspielen – die Hygienehypothese wäre um eine Indikation reicher.

Doch nicht jeder, der seine Kindheit in klinisch-sauberer Umgebung verbrachte, muss als depressiver Erwachsener enden. Genetische Faktoren und bislang noch unbekannte biochemische Zusammenhänge im Gehirn werden Neurologen weiterhin beschäftigen. Auf der Suche nach besseren Therapieoptionen bei Depressionen werden sie aber nach O'Briens Impfversuchen eines Tages auf neue Verbündete zählen müssen: Winzlinge aus dem Mikrobenreich.

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