Neuer TÜV für Pillen

31. Mai 2007
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Ärzte hören es nicht gerne, aber Fakt ist: Viele Pillen helfen nicht. Forscher und Industrieunternehmen entwickeln deswegen im Akkord neue Biomarker, um per CT oder Nuklearmedizin die Wirksamkeit von Therapien abzuschätzen. Vor allem, aber nicht nur bei Krebs.

Nach mehreren Wochen Chemo mit allem, was dazu gehört, kommt für die Brustkrebspatientin Marita K. die Ernüchterung. Auch wenn anfangs die Chancen laut klinischen Studien gar nicht so schlecht waren: Bei ihr hatte der eingesetzte Medikamentencocktail keinen Effekt auf den Tumor.

 

Jetzt wird wieder auf die Zelle geguckt

Marita K. ist eine Non-Responderin, die sich in der wenigen Zeit, die ihr noch bleibt, mit Übelkeit und anderen Nebenwirkungen der Chemotherapie herum schlagen muss – gut gemeint, aber letztlich ganz umsonst. In Zeiten, in denen Krebspatienten mit immer komplexeren Chemotherapien zu stetig steigenden Preisen konfrontiert werden, stellt sich die Frage der Non-Responder mit neuer Brisanz. Komplizierte Genprofile sollen Ärzten dabei helfen, abzuschätzen, wie gut der individuelle Patient auf eine Chemo wahrscheinlich anspricht. Einen anderen Ansatz verfolgen Unternehmen wie Siemens oder General Electric: Mit den Methoden der molekularen Bildgebung wollen sie innerhalb weniger Tage nach Therapiebeginn nachweisen, ob eine Therapie wirkt – lange bevor der Tumor zu schrumpfen beginnt. Im Erfolgsfall wird weiter behandelt. Tut sich nichts, wird die Therapie abgebrochen. "Diese Strategie wird in den nächsten Jahren rasant an Bedeutung gewinnen", ist sich Professor Robert Henkin sicher. Henkin leitete eine Zeitlang die Klinik für Nuklearmedizin an der Loyola-Universität in Chicago.

Nuklearmediziner bewegen sich bei der molekularen Diagnostik an vorderster Front. Denn kaum anders lassen sich Moleküle leichter nachweisen als wenn sie per Radioisotop markiert sind. Mit welchen Apparaturen der Nachweis geführt wird, ist dabei fast sekundär. In Frage kommt die Positronenemissionstomographie (PET), mit der sich unter anderem Fluor-Isotope darstellen lassen. Aber auch die Single-Photon-Emission-Tomographie (SPECT), die vor allem mit Technetium-Isotopen arbeitet, ist eine Option. Der Vorteil: Die Strahlenbelastung ist geringer. Außerdem haben die Radioisotope eine längere Halbwertszeit und müssen deswegen nicht vor Ort hergestellt werden.

Erfolg ist, wenn es nicht mehr leuchtet

Eines von Henkins Lieblingsbeispielen sind die Non-Hodgkin-Lymphome bei älteren Menschen jenseits des sechzigsten Lebensjahrs: "In dieser Gruppe ist die Quote der Non-Responder wesentlich höher als bei den jüngeren Patienten", so Henkin auf einer Veranstaltung von Siemens Medical in Chicago. Mit Hilfe einer Standard-PET-Untersuchung, bei der Glucose zum Einsatz kommt, die mit einem Fluor-Isotop markiert wird, können Patienten, die auf die Chemotherapie ansprechen, innerhalb weniger Tage identifiziert werden. Wenn das Signal des Glucosestoffwechsels schwächer wird, dann tut sich Erfreuliches im Tumorgewebe. Wenn nicht, dann nicht. Die direkte Therapiekontrolle gelingt auch bei Patienten, die wegen eines gastrointestinalen Stromatumors mit Imatinib behandelt werden, oder auch bei Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom, die eine Therapie mit Gefitinib erhalten. "Die circa zwanzig Prozent Non-Responder bei Imatinib-Therapie können wir kurz nach Therapiebeginn identifizieren. Und jene zehn Prozent der Lungenkrebspatienten, die auf Gefitinib ansprechen, ebenfalls", betonte Ronald Petrocelli, leitender Arzt in der Abteilung für Molekulardiagnostik bei Siemens Medical Solutions.

Herzinsuffizienz: Schritt in den Massenmarkt?

Konkurrent GE wagt sich in etwas andere Sphären: Statt sich auf die Onkologie zu stürzen, wo die Therapien teuer und nebenwirkungsträchtig sind, erforscht man mit dem Biomarker und Radioisotop Metajodobenzylguanidin (MIBG) den Einsatz des "Molecular Imaging" in der Kardiologie, und zwar bei der Massenindikation Herzinsuffizienz. Die Substanz wird gerade in einigen Studien getestet, darunter die Phase III-Studie GE-mIBG am Cedars Sinai Heart Center in Kalifornien. "Die Substanz imitiert das Noradrenalin und bindet an Betarezeptoren im Myokard", so Henkin. Normalerweise steigt die Dichte dieser Rezeptoren mit zunehmendem Alter an. Bei einem Teil der Herzinsuffizienzpatienten kann sie aber auch abnehmen. Die Folge: Betablocker verlieren ihre Wirksamkeit. Per Nuklearmedizin, so das Kalkül, könnten diese Menschen schon vor Therapiebeginn identifiziert werden. Gegebenenfalls sind dann Alternativen zum Betablocker zu diskutieren. 

Ganz billig ist das nuklearmedizinische Arsenal nicht zu haben. Andererseits sind Therapien, die nichts bringen, natürlich auch nicht kosteneffizient. Und so bringen sich die neuen Verfahren vor allem bei jenen Behandlungen ins Gespräch, die entweder – wie die Krebstherapie – teuer und/oder nebenwirkungsreich sind, oder aber – wie die Betablockertherapie bei Herzinsuffizienz – keinen Parameter besitzen, an dem sich ein Therapieerfolg sonst kurz- oder mittelfristig ablesen ließe. In Sachen Qualität und Wirtschaftlichkeit dürften hier für IQWIG, Bundesausschuss und Co noch so einige Schlachten anstehen.

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