Abdominalschmerz: Bauchgefühl beim Kinderarzt

20. November 2013
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Funktionelle gastrointestinale Störungen treten oft zusammen mit Depressionen oder Angststörungen auf – auch bei Kindern. Ohne rechtzeitige Behandlung ziehen sich psychosomatische Leiden bis ins Erwachsenenalter hinein. Deshalb fordern amerikanische Pädiater, genau hinzusehen.

Die achtjährige Anne hat wieder einmal Bauchschmerzen, das dritte Mal in diesem Monat. Ihr Kinderarzt kann organisch nichts finden – weder gibt es Hinweise auf eine Appendizitis, eine Gastritis noch auf sonstige Erkrankungen. Für ihn ist es jetzt an der Zeit, Rat von Kollegen einzuholen: Nicht selten lassen sich funktionelle Abdominalschmerzen (functional abdominal pain, FAP) mit psychischen beziehungsweise sozialen Ursachen erklären.

Schule plus Familie gleich Bauchschmerzen

Laut WHO-Schätzungen kennt jeder fünfte Schüler in Deutschland das Problem, sei es durch steigenden Leistungsdruck, Versagensängste oder Mobbing in der Klasse. Passive Bewältigungsstrategien, etwa Wunschdenken, Vermeidung oder Verleugnung, sind mit stärkeren Bauchschmerzen, Angst und Depression assoziiert. Im Gegensatz dazu lassen aktive Copingstrategien mit problemlösendem Ansatz die Symptome schneller abklingen. Eltern, die überfürsorglich oder extrem kritisch auf Abdominalbeschwerden reagieren, machen die Sache deutlich schlimmer. Hinzu kommt, dass gerade Mütter betroffener Kinder öfter Angst oder Depressionen haben als der Bevölkerungsdurchschnitt. Gut gemeinte Hinweise, Befindlichkeitsstörungen ihrer Kinder würden sich früher oder später von selbst „auswachsen“, sind da eher kontraproduktiv. Schon beim ersten Verdachtsmoment bleibt nur, genauer hinzusehen.

Rom hilft weiter

Um FAP zu charakterisieren, haben Ärzte sogenannte Rom-III-Konsensus-Kriterien entwickelt. Die Quintessenz: Kinder oder Jugendliche sollten im Quartal mindestens drei Mal an FAP-Symptomen leiden. Dazu gehören Dyspepsien, abdominelle Migräne und das Reizdarmsyndrom. Bei kleinen Patienten kommt es oft zu Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Müdigkeit sowie zu Kopfschmerzen. Zwischen 25 bis 45 Prozent aller Betroffenen, je nach Studie, haben die Beschwerden fünf Jahre und länger. Neben der eigentlichen Symptomatik machen Schulkindern Leistungsdefizite und soziale Einschränken das Leben zusätzlich schwer. Sie sind seltener sportlich aktiv, nehmen kaum an außerschulischen Aktivitäten teil und haben langfristig eine niedrigere soziale Kompetenz. Das ist aber nur ein Aspekt.

Angst und Depressionen

Lynn Walker von der Vanderbilt University School of Medicine, Nashville, Tennessee, untersuchte jetzt psychische Komorbiditäten bei 332 Schülern von acht bis 17 Jahren. Alle Kinder und Jugendlichen litten seit mindestens drei Wochen an Bauchschmerzen ohne organische Grunderkrankung. Als Kontrollgruppe dienten 147 beschwerdefreie Probanden gleichen Alters. Zu Beginn fanden gastrointestinale und psychiatrische Untersuchungen statt, die wiederholt wurden, sobald Studienteilnehmer das 20. Lebensjahr erreicht hatten. Rund 30 Prozent berichteten beim Follow-up von Angststörungen, in der Kontrollgruppe waren es nur zwölf Prozent. Das errechnete Lebenszeitrisiko lag bei 51 Prozent (Kontrollgruppe: 20 Prozent). Auch das Lebenszeitrisiko für Depressionen war signifikant erhöht (40 versus 16 Prozent). Darüber traten funktionelle gastrointestinale Probleme deutlich öfter auf. Angesichts dieser Zahlen rät Lynn Walker allen Kinderärzten dringend, Abdominalbeschwerden trotz fehlender Grunderkrankungen ernst zu nehmen. Die Beschwerden gelten als Hinweis, dass Patienten besonders anfällig für Depressionen und Angststörungen sind und möglicherweise noch im jungen Erwachsenenalter dagegen ankämpfen müssen.

Erwachsene im Testlabor

Auch in späteren Lebensjahren bleibt der Zusammenhang zwischen FAP und Angst beziehungsweise Depression auffällig, berichtet Susanna A. Walter, Linköping. Sie wählte 272 Probanden im Alter von 27 bis 71 Jahren zufällig aus, ohne weitere Kriterien. Dann folgten gastroenterologische und labormedizinische Untersuchungen, um organische Erkrankungen auszuschließen. Auch mussten die Teilnehmer ein „Gesundheitstagebuch“ führen sowie den modularen Rom-II-Fragebogen ausfüllen. Psychosomatische Befindlichkeitsstörungen erfasste Walter über die Hospital Anxiety and Depression Scale, und über den Short Form-36 bekam sie Informationen zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Auch hier zeigte sich das bekannte Bild: Angst- und Depressions-Scores waren bei Probanden mit Bauchschmerzen deutlich höher als bei Altersgenossen ohne die Symptomatik. Walter fand auch Hinweise, dass die Lebensqualität durch FAP deutlich eingeschränkt wird.

Seine Seele, ihre Seele

In diesem Zusammenhang untersuchte Michel Bouchoucha, Paris, speziell Gender-Aspekte. Der Forscher erfasste bei 385 Patienten FAP-Symptome über die Rom-III-Konsensus-Kriterien. Auf einer Analogskala konnten Studienteilnehmer zudem Symptome wie Bauchschmerzen, Verstopfung oder Durchfall angeben. Seelische Befindlichkeitsstörungen zeichnete Bouchoucha über das Beck-Depressions-Inventar beziehungsweise das State-Trait Anxiety Inventory auf. Wie zuvor schon Susanna A. Walter, fand der französische Kollege ebenfalls Zusammenhänge zwischen gastrointestinalen Befindlichkeitsstörungen, allen voran Bauchschmerzen, und seelischen Erkrankungen. Ein wichtiger Unterschied: Bei Männern sind es eher Angststörungen, während Frauen häufiger mit Depressionen zu kämpfen haben.

Multimodale Ansätze

Was bringt das alles für die Praxis? Zur Beurteilung und Behandlung von FAP hat Natoshia R. Cunningham, Cincinnati, Handlungsempfehlungen vorgelegt: Zuerst sollten Betroffene gastroenterologisch untersucht werden – hinter einer vermeintlichen FAP können sich immer noch schwere Erkrankungen verbergen. Gleichzeitig warnt Cunningham bei Patienten ohne Alarmsymptome vor Überdiagnosen. Vielmehr lautet sein Rat, Angst, Depressionen und Schmerzen über geeignete Scores zu erfassen. Zur Behandlung selbst kommen multidisziplinäre Konzepte infrage, beispielsweise die Schulung von Kindern und Eltern. Im Rahmen kognitiver Verhaltenstherapien lernen Kinder wiederum, ihre Ängste altersgemäß zu verstehen und entwickeln zusammen mit Therapeuten geeignete Vermeidungsstrategien. Bei der Expositionstherapie geht es um potenziell Angst einflößende Situationen im Alltag, die nachgespielt werden. Cunningham selbst hält niedrig dosierte Antidepressiva ebenfalls für geeignet – eher eine Ultima Ratio, sollten alle Stricke reißen.

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12 Kommentare:

Heilpraktikerin

Grundsätzlich sollte nach einer schulmedizinischen Abklärung den Betroffenen der Weg in die Naturheilpraxis eröffnet werden. Sicherlich gibt es rein psychisch und stressbedingte gastrointestinale Störungen. Doch bei den meisten Fällen sind in der ganzheitlich arbeitenden Praxis durchaus Ursachen zu finden, die dann auch entsprechend therapiert werden können. Wie schon richtig erwähnt, kann es sich dabei um Nahrungsmittelintoleranzen, Nahrungsmittelallergien verschiedener Typen gehen, oder z.B. eine massive Dysbiose, die schon bei kleinen Kindern sehr häufig zu finden ist. Eine kranke Darmflora kann zu Unruhezuständen einerseits und zu depressiven Verstimmungen andererseits führen, da der Darm über die Gut-Brain-Axis letztlich mit dem Gehirn kommuniziert.

Geeignete Laboruntersuchungen von Stuhl und Blut schaffen Klarheit und bilden die Basis für eine medizinische Darmsanierung. Bei psychischer Belastung bieten sich weitere sinnvolle Therapiemöglichkeiten an.

So viele Patienten in der Naturheilpraxis – ob Erwachsene oder Kinder – , deren Konsultationsgrund die Diagnose “Reizdarmsyndrom” ist, haben viel tiefer liegende gesundheitliche Beschwerden, denen man unbedingt auf den Grund gehen muss, um einer negativen Entwicklung der Krankengeschichte entgegenzuwirken.

#12 |
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Augenoptiker / Optometrist

Man muss auch an unkorrigierte Heterophorien und Hyperopien denken, die bei Kindern zu Bauchschmerzen führen.

#11 |
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Sehr geehrter Herr van Treek, ein freundlicher Hinweis: Bitte unterlassen Sie es, hier ihre Verschwörungstheorien auszubreiten (“offizieller Impfterror”). Wir müssten ihre Kommentare dann nämlich in Zukunft löschen.

#10 |
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Ernst Pawlowsky
Ernst Pawlowsky

zum Einen bin / war ich selbst betroffen. Seit der Volksschulzeit bis ins Alter von 60 Jahren. Eine gewisse psychische Komponente schien dabei zu sei.
Aber: nach eine rigorosen Umstellung auf low carb Richtung ketogene Ernährung sind keine Symptome mehr aufgetreten!
Als aktiver Altersklassen-Sportler habe ich täglich ca. 1.500 Kohlenhydrat-kcal aus Brot / Reis / Nudeln u.ä. ( i. Allg. gesunde “Vollkorn”-Produkte ) ersetzt durch Käse und Nüsse.
Und auch mein Blutbild hat sich deutlich verbessert. HDL bei 80, vorher dümpelte ich trotz Sport und gesunder Vollwerternährung bei 40 herum.
Nachdem ich jetzt erst einmal auf die Spur gekommen bin, sehe ich, wo überall die Psyche durch physiologische Vorgänge, besonders aus der Ernährung, beeinflußt sein kann. Doch diskutieren Sie das mal mit Ihrem Arzt :-(

#9 |
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Elke Schmidt
Elke Schmidt

Da gehe ich mit Manfred van Treek völlig einig. Bevor jemand immer gleich in die Psycho-Schublade gesteckt wird, sollten Stoffwechsel sowie Nahrungsmittelunverträglichkeiten (Gluten, Laktose, Kasein, Fruchtzucker), UND Belastungen mit Toxinen – einschl. Thiomersal (Quecksilber) und Aluminium in Impfstoffen – untersucht werden. Zu allem Unglück wird das fast nie gemacht. Kinder und Erwachsene immer gleich zu psychosomatisieren ist auch viel einfacher und vor allem profitabler. So geht man wenigstens sicher, dass sie ein Leben lang behandelt werden müssen, weil die tatsächlichen Ursachen nie angegangen werden. Dieses ewige Thema mit der Behandlung psychischer Symptome bei somatischen Beschwerden ist mittlerweile nicht mehr zu ertragen. Von somatopsychischen Erkrankungen ist nie die Rede, immer nur von psychosomatischen. Da stimmt im ganzen System was nicht!

#8 |
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Dr. med. Heiko otto
Dr. med. Heiko otto

bei Kindern auch an Tonsillitis denken:bb und AST bestimmen

#7 |
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Ursula Johannimloh
Ursula Johannimloh

Der Vollständigkeit halber sollten auch Malabsorptionssyndrome wie die Fruktosemalabsorption erwähnt werden.
Ein Beispiel habe ich selbst erlebt bei einem Fraund meines Sohnes im Kindergarten:

Jeden Morgen zum Frühstück zuhause eine “Kinder”-Frischkäsezubereitung- fürs Gewissen der Mutter mit Fruchtzucker gesüßt….
und pünktlich zu Beginn des Kindergartens täglich Bauchweh. Gespräche mit Erzieherin, Kindergartenleitung,
Odysse von Kinderarzt zu Psychologen etc..
Schlussendlich kam Dank einer aufmerksamen Kollegin die wahre Ursache heraus.

Sicher ist die Psyche bei Bauchweh immer wichtig zu beachten, aber auch vermeintliche Kleinigkeiten wie eine schlichte NM- Intoleranz sollte beachtet werden. Die lässt sich aber nicht mit gut abrechenbaren Untersuchungen wie Sonographie etc. diagnostizieren sondern nur mit Hilfe von Aufmerksamkeit und Zeit, die viele Ärzte heutzutage nicht mehr haben.

#6 |
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Christine Labahn
Christine Labahn

Die Kommentare #4 und #5 sollten wirklich schnellstens entfernt werden!!

#5 |
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Dr. Gabriele Steinmetz
Dr. Gabriele Steinmetz

Bitte die Kommentare von Tommy und Jack schnellstens entfernen!!! Wie kommen die überhaupt dahin??

#4 |
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Heilpraktikerin

Wenn nicht geimpft, dann vielleicht Amalgamfüllungen…

#3 |
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Marianne Dzinic
Marianne Dzinic

Sehr geehrter Herr van Treek
Wenn man nur unvoreingenommen beobachtet, dann stellt man fest, das in den Familien in denen GI Beschwerden, Depressionen und ADHS vorkommen, diese Störungen bereits bei Verwandten vorkamen, die damals alle nicht geimpft waren.
Vor jeder psychologischen Diagnose, werden grundsätzlich erst alle anderen Funktionen wie Stoffwechsel geprüft.

#2 |
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Manfred van Treek
Manfred van Treek

Interessant, in dem Artikel kein einziges Mal das Wort Zöliakie oder Gluten-Unverträglichkeit zu lesen. Immerhin sind ca. 20 % der Durchschnittbevölkerung und 45 % der Menschen mit GI Beschwerden von der genetischen Veranlagung betroffen, erkennbar an positiven Befunden für HLA DQ2, DR4 und/oder DQ8. Nur die genpositiven können Antikörper gegen Gliadin oder Transglutaminase bilden, das ist der nächste Schritt der Diagnostik. Aber auch (noch) antikörpernegative Patienten erleiden massive Vitalstoffmängel. Ich habe mehrere hundert Betroffene auf Vitamin B3, B6, Ferritin, Zink, Jod und Selenmangel getestet. Diese Mangelzustände korrelieren mit o.a. Genmustern. Die Folgen aus Jod- und Selenmangel sind Hypothyreosen bereits im Kindesalter mit entsprechenden psychischen Symptomen. Infektneigung aufgrund des Zink- und Ferritinmangels. Schwächen in Muskelkraft und Ausdauer aufgrund des B3- = Niacinmangels (Niacin = Baustein von NADH für die oxydative Phosphorylierung) und Depression und ADHS aufgrund des B6- = Pyridoxinmangels (= Coenzym bei der Bildung von Serotonin, Melatonin, GABA und Dopamin). Bevor man jemanden in die Psychoschublade steckt, muss der Stoffwechsel untersucht werden, ansonsten begeht die Medizin schwerstes Unrecht.
Übrigens treten solche GI-Beschwerden, Depressionen und ADHS – wenn man nur unvoreingenommen beobachtet – nicht selten als Folge des offiziellen Impfterrors auf. Hier lädt die Medizin weitere Schuld auf sich. Aber – Profit kommt vor Moral, daran kommen durchschnittssozialisierte Mediziner nicht vorbei.
Manfred van Treek – Viernheim

#1 |
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