Medizinische Journale: Auf kaltem Entzug

11. November 2013
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Eines der wichtigsten medizinischen Fachjournale trennt sich endgültig von der Zigarettenindustrie. Zu groß sei das Risiko, für tödliche Produkte missbraucht zu werden.

Das British Medical Journal (BMJ) hat einen Schlussstrich gezogen. Es wird keine Studien mehr veröffentlichen, die von der Tabakindustrie finanziert wurden. In einem Editorial ihrer Zeitung stellen die Herausgeber klar, dass sie nicht weiter dabei zusehen werden, wie die Industrie „Journale benutzt, um eine der tödlichsten Epidemien dieser Zeit aufrechtzuerhalten“. Neben dem Mutterblatt haben auch die Zeitschriften Heart, Thorax und BMJ Open die Vereinbarung unterschrieben.

Nach langem Zögern

Damit folgt das BMJ dem Vorbild jener Magazine, die diesen Weg schon früher gegangen sind. Dazu zählen PLoS Medicine, PLoS One, PloS Biology und das Journal of Health Psychology.
Für die Verantwortlichen bedeutet dieser Weg eine Kehrtwende. Noch 1996 kritisierte das Blatt die Amerikanische Thorax Gesellschaft für ihre Entscheidung, von der Tabakindustrie finanzierte Studien nicht mehr zu publizieren. In einem BMJ-Editorial hieß es: „Dieser Beschluss war ein weiterer Schritt im ehrenwerten Kampf dieser medizinischen Gesellschaft, aber es war auch ein fehlgeleiteter“, so die Autoren. Er bedrohe die medizinische Wissenschaft, den Journalismus und die Freiheit der Gesellschaft.

Über Risiken des Rauchens getäuscht

Nun ist in der Zwischenzeit viel passiert. In den vergangenen Jahren tauchten immer mehr Belege auf, die zeigten, dass die Tabakindustrie Wissen vorsätzlich verzerrte, Studienergebnisse zurückhielt oder auf eine irreführende Weise auslegte, um Zweifel daran zu säen, dass Zigaretten der Gesundheit schaden.

Ende der neunziger Jahre etwa hatten sich durch Schadensersatzprozesse in den USA die fünf großen Zigarettenhersteller Philip Morris, R. J. Reynolds, Lorillard, Brown & Williamson und die American Tobacco Company verpflichtet, zunächst für die folgenden 25 Jahre 200 Milliarden US-Dollar Ausgleichszahlungen an die Bundesstaten zu zahlen. Zudem mussten sie heikle Firmenunterlagen veröffentlichen, weil sie die Öffentlichkeit über die wahren Risiken des Rauchens getäuscht hatten.

Akademische Freiheit eingeschränkt

Dabei sind auch Dokumente aufgetaucht, die einen Einblick in die Praktiken in Deutschland gaben. So förderte der damalige Verband der Cigarettenindustrie (VdC) zwischen 1977 und 1991 rund 110 Forschungsprojekte. In den Dokumenten finden sich unter anderem die Namen von mehr als 60 beteiligten Wissenschaftlern, darunter einflussreiche Ärzte, Universitätsprofessoren, einstige Präsidenten von medizinischen Fachgesellschaften sowie ein ehemaliger Präsident des Bundesgesundheitsamtes.

Eines der Dokumente beschreibt detailliert, wie die akademische Freiheit durch die Sponsoren eingeschränkt wurde: „Der Verband (VdC) hat totale Kontrolle über das Design der Experimente, das Recht der Forscher zu publizieren oder nicht zu publizieren et cetera. Ebenso müssen diese Projekte nach außen hin vertraulich gehalten werden.“ Die Veröffentlichung und die Diskussion über diese Vorgehensweise haben jedoch nicht dazu geführt, die Einflussnahme der Industrie zu unterbinden.

Lobbyisten bei der EU-Gesetzgebung

Das britische Nachrichtenmagazin Observer berichtete erst kürzlich, dass der Tabakhersteller Philip Morris 161 Lobbyisten eingestellt habe, um EU-Gesetzgebung zu bekämpfen – anscheinend erfolgreich. Die Europaabgeordneten sollten über eine neue Direktive entscheiden, die dazu beitragen sollte, Todesfälle durch Tabakkonsum einzuschränken. Dazu zählte etwa der Verbot von Zusatzstoffen, der ausschließliche Verkauf von E-Zigaretten in Apotheken oder der Abdruck von Warnbildern auf den Packungen. Am Ende wurde das Votum im EU-Parlament um Monate verschoben. Zwar wurde mittlerweile abgestimmt, viele Forderungen der Zigaretten-Gegner konnten sich jedoch nicht durchsetzen.

„Die Tabakindustrie hat sich nicht wirklich verändert, die Zigarette – das tödlichste Konsum-Produkt, das je hergestellt wurde – ist noch immer auf dem Markt und wird aggressiv beworben“, schreibt das BMJ. Seine Entscheidung wird daher von vielen als ein notwendiger Schlag gegen die Tabakindustrie bejubelt. Kritiker bemängeln jedoch die Bevormundung, die damit einhergeht.

Geld spielt eine Rolle!

Forscher seien auf Geld angewiesen und das käme nun mal häufig aus der Industrie. Auch die Pharmabranche hat Interessen, und ihr Einfluss auf Studienergebnisse wurde zuhauf nachgewiesen. Auf alle Geldgeber zu verzichten, könne sich die forschende Wissenschaft jedoch nicht leisten. Zudem könnten Leser die Qualität von Studien selbst einschätzen, solange die finanziellen Verflechtungen ausnahmslos offengelegt werden.

Für die Redakteure des BMJ greift dieses Argument nicht. Denn Studienergebnisse und deren Interpretation würden durch die Interessen der Geldgeber nachweislich beeinflusst. Für Leser seien die Unterschiede kaum zu erkennen. Selbst das Peer-Review-Verfahren könne nicht mit letzter Sicherheit alle methodischen Mängel und irreführenden Analysen aufdecken.

Gegensätzliche Interessen

Die Aufgabe von medizinischen Journalen sei es zudem, durch die Veröffentlichung von Studien, Krankheiten in der Bevölkerung zu verringern. Die Tabakindustrie hingegen wolle ihr Produkt bewerben. Diese gegensätzlichen Interessen halten die Herausgeber des BMJ für prinzipiell unvereinbar.

158 Wertungen (4.56 ø)

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13 Kommentare:

Franz Demir
Franz Demir

Eine sehr gute Entscheidung, die schon lange überfällig war!

#13 |
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Nichtmedizinische Berufe

Den Bezug zum Atomstrom kann ich nicht nachvollziehen.

Allerdings muss man objektiv betrachtet zumindest erwähnen , daß ein konventionelles Kohlekraftwerk , bei der Verbrennung der dafür benötigten Kohle ,
deutlich mehr Strahlung freisetzt , als ein vergleichbares AKW.
Ich glaube diese Strahlung bezeichnet man als Erdstrahlung .
Diese kuriose Tatsache wird selten erwähnt , ist aber belegt .
Die Aussage des Artikels verliert dadurch nicht an Bedeutung . Sicher gibt es weitere Missstände die man anprangern kann .
Berichtet das erwähnte Journal über die Ungefährlichkeit von Atomstrom und wird gleichzeitig von diesem Industriezweig finanziert ?
Dann wäre die Kritik nachvollziehbar ?
Ich traue keiner Statistik , die ich nicht selbst gefälscht habe .
Presse ,die durch positive Berichterstattung ,über fragwürdige Themen glänzt ,ist nicht glaubwürdig ,und muss kritisch hinterfragt werden .
Ich musste vor kurzem einen Bericht in Focus online lesen , der fröhlich propagiert hat, daß Eltern jetzt Ihre Angst genommen wird , da eine App existiert , welche die lückenlose Überwachung der Zöglinge gewährleistet .
Das gleiche Journal berichtet gern über Apple Produkte , in einer Form , die als Werbung besser zu bezeichnen wäre.
Ich find die Entscheidung, bezüglich Zigarettenindustrie, den besseren Weg.
Es ist mir seit längerem klar , das ich meine Presse, als Kunde finanzieren sollte , um von ihrem unabhängigen Handeln zu profitieren .
Gruß K.H.

#12 |
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@ Matthias Honold:
Ich dachte, dies ist eine medizinische Webseite und keine politische.
1. Der Atomstrom ist Strom und die Steckdose strahlt nicht (im Gegensatz zu den Atomkraftwerken und deren Abfall)
2. Das Argument mit dem 88jährigen Raucher zieht nicht. Es gibt ebenso 88jährige Nichtraucher und die Raucher, die bereits gestorben sind, kann man nicht mit 88 Lebensjahren noch kennen.
3. Es gibt auch Menschen, die nicht um ein Atomkraftwerk leben oder gelebt haben und trotzdem Blutkrebs haben – sonst wären die Atomphysiker von selber ausgestorben und das Problem hätte sich erledigt. Über AKWs und Leukämien gibt es Studien, die mal das eine und mal das andere aussagen.
4. Ihre Argumente hören sich an wie: Ich kenne einen Raucher, der hustet nicht – also muß Rauchen gut gegen Husten sein…
5. Ich behaupte mal, dass mehr Menschen durch Rauchen und Passivrauchen bisher umgekommen sind, als durch die Kernenergie. Was die Kernenergie nicht besser macht.
6. Ca. die Hälfte der Strahlenbelastung, die der Mensch ausgesetzt ist, dient medizinischen Zwecken. Also retten Strahlenquellen und Technik dieser Art sicherlich mehr Leben, als der mich zuqualmende Raucher neben mir.

Passivrauchen ist schwer gegen an zu kommen, für Raucher muß ich solidarisch in die Krankenkasse bezahlen. Gegen Atomstom habe ich mich persönlich entschieden, in dem ich Ökostrom beziehe. Trotzdem möchte ich hier lieber medizinische Meinungen lesen als politisch-moralische Platitüden.

Gegen die Zigarettenlobby in medizinischen Publikationen vorzugehen, macht in meinen Augen einen medizinischen Sinn.

#11 |
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Endlich ein Ansatz. Wann wird man sich endlich zu einem Werbeverbot durchringen? Wenn alle Spielarten des Lobbyismus beseitigt sind.

#10 |
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Matthias Honold
Matthias Honold

Schizophren kann ich da nur sagen!

Da wird das Rauchen als das gefährlichste Wesen der Welt dargestellt und die Atomlobby darf weiter für ihre Atommeiler werben!

Dabei ist der Atomstrom, welcher in Atomkraftwerke produziert wird, weitaus gefährlicher!

Doch da die USA und auch andere Staaten auf Atom setzen, nicht nur zur Energiegewinnung, wird diese tödliche Strahlung, welche auch noch in 25.000 Jahren existiert, totgeschwiegen!

In meinem Verwandtenkreis ist eine Pfarrerin kurz nach ihrem 50. Geburtstag gestorben, kein Alkohol, kein Tabak, aber Blutkrebs! Sie lebte bis sie ihr Studium anfing in der Nähe eines Kernkraftwerks! Bis heute sind dort Menschen erkrankt, aber nicht am Rauchen, sondern aufgrund des Kraftwerks!

Nur sagen darf man es nicht! Dafür habe ich im Verwandtenkreis einen 88-jährigen Menschen, der seit seinem 29 Lebensjahr raucht! Bis jetzt, ausser kleinen Wehwehchen, keine größeren Probleme! Sein Hausarzt meinte vor kurzem zu ihm: “Sie werden noch 100 Jahre alt!”

Übrigens: Ich bin Nichtraucher! Und unabhängig von USA oder anderen Kriegsstaaten!

#9 |
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Sabine Bär
Sabine Bär

zu Andreas Fritzsch:
1000 Lemmings can’t go wrong;
60 hochrangige Namen auch nicht?
Schön, dann werden ja jetzt die Zigaretten günstiger, wenn keine Forschungsstudien mehr finanziert werden müssen. Und der Staat hat weiterhin seine nicht unwesentlichen Einnahmen!

#8 |
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Andreas Fritzsch
Andreas Fritzsch

“…In den Dokumenten finden sich unter anderem die Namen von mehr als 60 beteiligten Wissenschaftlern, darunter einflussreiche Ärzte, Universitätsprofessoren, einstige Präsidenten von medizinischen Fachgesellschaften sowie ein ehemaliger Präsident des Bundesgesundheitsamtes.”

“Einflussreich”, “Universität”, “Präsidenten”… Na, WER war das wohl…? Kennt man sich?

#7 |
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Heilpraktikerin

Es wäre doch auch schön, wenn sich die Journalisten und Medien von der Pharmalobby trennen.

#6 |
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Weitere medizinische Berufe

die Konten doch andere Produkte herstellen z. B. für den Mann, die Frauund mehr Gewinn damit machen und gleichzeitig die Herstellung der Rauchwaren einstellen!

#5 |
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Nichtmedizinische Berufe

Sehr geehrte Frau Jänich,

vielen Dank für Ihren Hinweis.
Der Fehler wurde korrigiert.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre DocCheck News Redaktion

#4 |
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Podologin / Medizinische Fußpflegerin

Gratuliere!!!
Es ist auch Zeit…

#3 |
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Martina Jänich
Martina Jänich

Leute. S ä e n (3. Absatz). Seufz.

#2 |
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Dr. med. Jörg Sensse
Dr. med. Jörg Sensse

Gut. Na endlich.

#1 |
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