Lieber Pickel als Psyche? – Das Image-Problem der psychischen Störungen

6. Juni 2007
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Während ein plötzlicher Pickel am Morgen allgemein als schwerer Schicksalsschlag akzeptiert wird, erntet man für psychische Beschwerden eher zweifelhafte Reaktionen. Eine Schizophrenie oder Depression gilt vielerorts als unappetitliche und unseriöse Angelegenheit. DocCheck gibt Ihnen Erfahrungsberichte von Betroffenen.

Wie sich zum Schaden der Spott gesellt, so ist eine mehr oder weniger offensiveStigmatisierung für die Betroffenen eine zusätzliche Bürde. Zu allem Überflussneigen psychisch Kranke dazu, sich durch ihr geschwächtes Selbstwertgefühlselbst zu stigmatisieren.

Dereine glaubt, dass seine Rente sicher sei. Der andere, dass ihn Außerirdischeverfolgen. Wo ist da eigentlich der Unterschied? Ganz einfach: Der eine wirdstigmatisiert, der andere nicht. Unter dem Begriff Stigmatisierung wollen wirder Einfachheit halber das ganze Spektrum an Reaktionen zusammenfassen, demsich Depressive oder Schizophrene ausgesetzt sehen. Das reicht vonnachvollziehbarer Hilflosigkeit bis zur Ignoranz oder drastischenRestriktionen. Arbeitsplatzverlust, Trennungen, Scheidungen, zerstörteFreundschaften und soziale Ausgrenzung sind eher die Regel als die Ausnahme.Das mündet in einem bemerkenswert perfiden Teufelskreis, denn psychisch krankeMenschen sind ganz besonders auf ihre Mitmenschen angewiesen – sowohl aufFreunde und Vertraute, als auch auf kompetente Ärzte und Therapeuten.

Sind psychische Problemewomöglich 'uncool'?

PsychischeProbleme existieren seit der Erfindung der Psyche und gehören seitjeher zum menschlichen Alltag. Die Depression darf heute in unseren westlichenIndustriegesellschaften getrost als Volkskrankheit bezeichnet werden. Warumdann die Stigmatisierung? Sind seelische Symptome womöglich irgendwie uncool?Oder haben wir psychisch stabileren Zeitgenossen einfach nur mehr Angst, alswir uns eingestehen möchten? Das immerhin wäre berechtigt. Denn zum BeispielDepressionen und Schizophrenien neigen dazu, die Gepeinigten wahlweiseschleichend oder schlagartig aus dem Leben zu reißen. Und das oft im wahrstenSinne des Wortes, denn eine erhöhte Suizidgefährdung ist bei schweremKrankheitsverlauf immanent.

Wenn Außerirdische mitreden…

Eine der furchtbarsten Waffen ausdem Arsenal der Stigmatisierung ist vielleicht die Ignoranz. In den USA standbeispielsweise ein schwer schizophrener Mann wegen – nennen wir es mal: äußerstseltsamer – Verhaltensweisen vor Gericht. Dort wurde er juristisch korrektverurteilt, ohne dass ihn überhaupt jemand nach den Ursachen seinereigenartigen Handlungen gefragt hätte. Immerhin hätte man als Antwort erfahren,dass der gute Mann nur eine Verschwörung Außerirdischer verhindern wollte, wasan sich ja eher lobenswert ist.

Ich binkrank, also selber schuld.

Aberzurück zu den irdischen Problemen: Bevor sich eine 35-jährige, schwerdepressive Frau zur Behandlung in die Christoph-Dornier-Klinik begab, geißeltesie sich wie so viele andere selbst für ihre Krankheit: “Mir wurde klar, wiekrank ich eigentlich bin, oder überhaupt, dass ich krank bin. Vorher lief dasalles unter dem Motto: “Stell dich nicht so an!” oder “Reiß dichzusammen!” Ich habe mich selber so unter Druck gesetzt, dass ich derMeinung war, ich wäre an allem selber Schuld und ich hätte die Misereverhindern können. So kam ich an, sehr depressiv, mit einem Selbstmordversuchhinter mir und voller Verachtung für mich selbst.

“EinePistole mitbringen, bitte.”

Einweiteres Paradox seelischer Leiden sind ihre häufig diagnostizierbaren körperlichenUrsachen. Präferenzen für Depressionen oder Psychosen sind zwar nichtansteckend wie Grippeviren, aber genetisch vererbbar. Und obwohl man sichwährend einer Busfahrt mit einem Schizophrenen keine Schizophrenie einfangenkann, sind nicht nur die Betroffenen betroffen. Ein 50-jähriger Mann berichtetvom Ausbruch schwerer Depressionen, die ihn an den Rand des Selbstmordesbrachten: “Ich erinnere mich an eine Szene, in der mich meine Freundin aus derStadt anrief und mich fragte, ob sie mir etwas mitbringen könne. Darauf sagteich nicht ganz gescheit:”Ja, eine Pistole.” Die Sinnkrise äußerte sich in einem geradezuüberbordenden Zynismus. Sofern ich die Welt überhaupt wahrnahm, war sie mir nurnoch Anlass zu bösartigen Kommentaren und bitterem Gelächter. Die Menschheitwar eine Ansammlung von Schwachköpfen und Verbrechern.” Erst ein”Ausbruch meiner Freundin, die mich eines Tages völlig außer sich anschrie, siewolle, dass das aufhöre, machte mir ansatzweise bewusst, was Depressive ihrenMitmenschen antun. Sie sind nicht nur niedergeschlagen, sie schlagen auchandere nieder.”

Nicht nurBetroffene sind betroffen.

Auch Angehörige fühlen sich oftnicht nur mitschuldig an psychischen Krankheiten, sondern sind in der Regelüberfordert. In einem Erfahrungsbericht der Österreichischen SchizophrenieGesellschaft (ÖSG) findet man folgendes: “Mein ältester Sohn erkrankte mit 23 Jahren anSchizophrenie. Ich fühlte mich sofort schuldig und fragte mich, was ich alsMutter falsch gemacht habe. Die Ärztin wies mir keine Schuld zu, wofür ich ihrheute noch sehr dankbar bin. Es war aber ein Versäumnis von ihr, uns nichtdarauf hinzuweisen, dass eine psychische Erkrankung große Schwierigkeiten inder Familie mit sich bringen kann und dass auch wir Angehörigen Hilfebrauchen.” Trotzdem ist eine wohlwollende, aber hilflose Mutter wohlhilfreicher als zum Beispiel die folgende Schilderung aus einem Bericht bei derÖSG: “Zuerst bekam ich Depressionen, die von der Familie nicht als solche bemerkt wurden, in ihren Augenwar es ganz einfach nur Faulheit.”

Einerflog über das Kuckucksnest!?

Im Fall von Andreas Kernchen dagegen erinnert man sich unweigerlich an denlegendären Stanley-Kubrick-Film “Einer flog über das Kuckucksnest” mit einemgenialen Jack Nicholson in der Hauptrolle als Insasse einer psychiatrischenAnstalt: “In der Folgemeiner erlittenen Psychose wurde ich im Bett fixiert, d.h. gefesselt. Es setzteeine Zwangsmedikation ein, gegen die ich mich damals sehr sträubte. Nach ca. 3Wochen Aufenthalt auf dieser geschlossenen Station hatte sich mein Zustand soweit normalisiert, dass die Hauptsymptome abgeklungen waren. Ich hatteeingesehen, dass ich Medikamente nehmen musste. Die Verlegung auf die offeneStation folgte.”

Psychische Krankheiten kranken am Image

Die vonDepressionen und Schizophrenien verursachten Leiden sind an sich schon dieHölle. Und Unwissenheit, Intoleranz, Stigmatisierung und Selbstkasteiung sindfür den Heilungsverlauf garantiert nicht förderlich. Aber vermeidbar. Dennpsychische Krankheiten kranken im Licht der Öffentlichkeit vor allem an einemImage-Problem. Die einfachstenMissverständnisse sind oft die langlebigsten. Schizophrenie zum Beispiel hatnatürlich nichts mit Bewusstseinsspaltung zu tun! “Dies wird durch falscheDarstellungen zum Beispiel im Kino und anderen Medien häufig angenommen,” sagt Andreas Kernchen. Deswegen engagiert er sich heute in SachenÖffentlichkeitsarbeit für die Anti-Stigma-Initiative “Irrsinnig Menschlich e.V. “.

Depressions-Hauptstadt Berlin!

Aberabschließend sei erwähnt, dass es auch stigmafreie Sphären zu geben scheint,zumindest laut einem Artikel aus der ZEIT: InBerlin gibt es über 50% mehr Depressionen als im Rest des Landes. Der ärztlicheLeiter des Bereiches Sozialpsychiatrie an der Berliner Charité meint, “die hoheZahl der Krankschreibungen kann auch daran liegen, dass es in dieser Stadt sehrviele Beamte gibt, die sich eher krank schreiben lassen können alsArbeitnehmer, bei denen der Chef weniger Verständnis für eine solche Erkrankunghat.”

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