Zahnröntgen: Doch kein erhöhtes Tumor-Risiko

7. November 2013
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Verursacht das Röntgen beim Zahnarzt Tumoren? Eine Studie der Universität Yale legte im vergangenen Jahr nahe, dass häufige Röntgenuntersuchungen beim Zahnarzt das Risiko für bestimmte Hirntumoren erhöhen. Auch deutsche Medien griffen die Studie auf.

Ein Team um den Privatdozenten Dr. Dieter Dirksen von der Universität Münster wies dem Yale-Team nun methodische Fehler nach. Fazit: Keine Panik vor dem Zahnarzt. Vorweg: Dass Röntgenuntersuchungen beim Zahnarzt das Krebsrisiko – also das Risiko, an bösartigen Tumoren zu erkranken – erhöhen, behaupteten auch die amerikanischen Forscher nicht. Untersucht wurde lediglich das Auftreten seltener, meist gutartiger Hirntumoren, der Meningeome. Einige deutsche Medien stellten die Ergebnisse falsch dar – und schrieben von erhöhtem Krebsrisiko.

Schon im Kern fehlerhaft

Doch die Yale-Studie sei schon im Kern fehlerhaft, sagt Dirksen: „Die verwendeten Daten sind unzuverlässig, die Interpretation der Ergebnisse ist teilweise falsch.“ 1.433 Meningeom-Patienten sowie 1350 Personen aus einer Kontrollgruppe waren dazu befragt worden, wann, wie und wie häufig sie in ihrem Leben beim Zahnarzt geröntgt worden sind. Diese Daten seien wenig verlässlich, so Dirksen: „Wenn Menschen im Alter von durchschnittlich fast 60 Jahren nach Untersuchungen im Grundschulalter befragt werden, bekommt man nur grobe Schätzwerte zur Strahlenbelastung. Allgemein ist bekannt, dass ionisierende Strahlung Tumoren auslösen kann – deshalb kann auch durch verzerrte Wahrnehmung erklärt werden, dass sich von den Kranken ein größerer Teil tatsächlich oder vermeintlich an Röntgenuntersuchungen erinnert.“

Als herausstechendes Ereignis beschreiben die Yale-Forscher im Abstract ihres Artikels, dass Patienten fast fünfmal so häufig von Panoramaaufnahmen des gesamten Gebisses im Alter von zehn Jahren berichten wie Personen aus der Kontrollgruppe. Von den 1.433 Patienten erinnerten sich 22, von den 1.350 Personen aus der Kontrollgruppe nur fünf. Deutlich häufiger erinnerten sich die Befragten beider Gruppen an mindestens eine Bissflügelaufnahme (eine Aufnahme der Kronenbereiche einer Gesichtshälfte), nämlich 96 Prozent der Patienten und 92 Prozent der Kontrollgruppe. Die Yale-Forscher schreiben (ebenfalls im Abstract) von einer um den Faktor zwei erhöhten Wahrscheinlichkeit, dass Patienten von mindestens einer Bissflügelaufnahme berichten – obwohl dies in beiden Gruppen praktisch gleich häufig vorkommt.

Strahlenbelastung im Vergleich zu Bissflügelaufnahme viel höher?

Generell ist vor dem Hintergrund allgemeiner Fehlermargen und einer möglichen kognitiven Verzerrung unsicher, ob die Erkrankten der Strahlenbelastung überhaupt wesentlich häufiger ausgesetzt waren. Ein weiteres Resultat der Yale-Forscher: Bei Statusaufnahmen sei das Tumorrisiko nicht wesentlich erhöht. Eine Statusaufnahme besteht nach Dirksens Angaben aber aus 16 bis 20 Einzelaufnahmen, die effektive Strahlenbelastung sei im Vergleich zu einer Bissflügelaufnahme viel höher – dieses Ergebnis passt nicht zu den anderen vermeintlichen Risikofaktoren. „Wenn die statistischen Daten unzuverlässig sind, sind es auch die Ergebnisse“, so Dirksen. „Die Yale-Ergebnisse halten einer näheren Betrachtung nicht stand. Dass ionisierende Strahlung Tumorerkrankungen auslösen kann, ist grundsätzlich zwar bekannt – aber selbst in riesigen Studien an fast 90.000 Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki über fünf Jahrzehnte ist der Effekt relativ klein: Die Zahl der an soliden Tumoren Verstorbenen in diesem Zeitraum unterschied sich um weniger als 500 von der in einem unbelasteten Vergleichskollektiv. Die Belastung durch dentale Röntgenaufnahmen liegt in der Größenordnung der natürlichen Strahlenbelastung, große Effekte würden überraschen.“

Originalpublikation:

Dental X-Rays and Risk of Meningioma – Anatomy of a Case-Control Study. Dirksen, D. et al.; Journal of Dental Research 92 (5): 397-398. DOI: 10.1177/0022034513484338

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