Generation Schizo

12. Juni 2007
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Nachdem ein Schizophrenie-Kranker in Leipzig seiner Mutter den Kopf mit einer Kettensäge abgetrennt hatte, sagt er nun vor Gericht aus, er habe in ihr "das Böse" gesehen. Nicht ohne Zufall war der Mann intensiver Marihuana-Konsument. Mediziner und Psychiater erkennen ein gesellschaftliches Problem: Führen Drogen zur neuen "Generation Schizo"?

Der Fall wird in die bundesdeutsche Rechtsgeschichte eingehen – und Mediziner nachhaltig beschäftigen. Mit "erstaunlicher Sachlichkeit", wie die Presse Anfang Mai dieses Jahres konstatierte, hatte der Täter den Richtern die Tötung seiner 59-jährigen Mutter zu erklären versucht. Das Böse, so der gefasst wirkende Mann, habe ihn umzubringen versucht. Und weil "ES" ihn töten wollte, musste er dem Bösen zuvorkommen – indem er immer wieder den Kopf der eigenen Mutter gegen die Wand schleuderte, anschließend 16 Mal auf die Frau einstach und sie danach enthauptete. Die Dekapitation erfolgte Horrorfilm-like mit einer Kettensäge, was weltweit für Aufsehen sorgte und zu Auflagesteigerungen der Yellow Press beitrug.

Jugend vor dem psychosozialen Untergang?

Weitaus besorgniserregender aus ärztlicher Sicht jedoch erweist sich ein anderer Aspekt: Der Mann handelte womöglich infolge einer ausgelösten Schizophrenie – und gab an, vor der Tat Cannabis konsumiert zu haben. Was Mediziner und Psychiater schon lange vermuteten, rückte mit Hilfe einer Kettensäge in das Bewusstsein der Öffentlichkeit: Lassen Drogen eine neue Generation Schizo heranwachsen?

Einiges spricht dafür, dass es so kommen kann. Ernstzunehmende Indizien, wonach ein Zusammenhang zwischen des bis dato eher als harmlos wirkenden Cannabisconsums und schizophrenen Störungen besteht, liefert die Forschungsgruppe Substanzstörungen der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. "Wird es in Zukunft viel mehr psychisch Kranke geben und steht die heutige Jugend kurz vor dem psychosozialen Untergang?", fragten die Autoren Michael Schaub und Rudolf Stohler ihre Leserschaft.

Um den Folgen des Cannabiskonsums auf den Grund zu gehen, muss man die Wirkungen des Wirkstoffs Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) auf die Psyche des Menschen verstehen. Rund 50 Mikrogramm gerauchtes THC pro Kilogramm Körpergewicht rufen eine milde Sedation und Euphorie hervor, liegt die Dosis bei 100 Mikrogramm, kommt es bereits zu Wahrnehmungs- und Zeitstörungen. Ausgeprägte Sinnestäuschungen wiederum treten ab 200 Mikrogramm auf, wer mehr als 300 Mikrogramm je Kilogramm Körpergewicht aufnimmt erfährt dysphorische Zustände und Übelkeit, Reizhusten, Schwindel sowie Erbrechen. Zudem lösen hohe THC-Gehalte Panikattacken aus. Aber auch Schizophrenie?

Bestehende Schizophrenie kann schlimmer werden

"Vermutlich kann Cannabis eine leichte, vorübergehende, toxische Psychose induzieren", stellen die Autoren fest und fügen hinzu, dass diese "auf keinen Fall anderen Ursachen als auf den Cannabis-Konsum zurückzuführen ist". Tatsächlich weisen auch Prospektive Studien darauf hin, dass die Aufnahme von THC mit einem erhöhten Psychoserisiko korreliert. Andererseits, und auch das gehört zum Mysterium des Kiffens dazu, ist die Schizophrenieinzidenz in der Schweiz stabil bis rückläufig – bei einer Verfünffachung der Cannabis-Konsumenten. Als weitaus gesichert wiederum gilt die These, wonach Cannabiskonsum bestehende schizophrene Störungen sehr ungünstig verlaufen lässt.

Molekularbiologische Untersuchungen bringen ein bisschen Licht ins biochemische Dunkel der Generation Psycho. So konnten Wissenschaftler erhöhte Spiegel der körpereigenen Cannabinoide Anandamid und Palmitylethanolamid im cerebrospinalen Liquor von Schizophrenen nachweisen. Zusätzlich fiel die erhöhte Dichte an Cannabinoid-Rezeptoren im präfrontalen Cortex von Schizophrenen auf. Diese Rezeptoren gelten als wichtigste Andockstelle für Delta-9-Tetrahydrocannabinol.

Ohnehin vermag die Substanz Neuronen mächtig durcheinander zu wirbeln. Wissenschaftler der Universitätsmedizin Göttingen beispielsweise konnten nachweisen, dass die Funktion von Sinneszellen in der Riechschleimhaut durch Cannabinoide beeinflusst wird. Sie zeigten, dass Riechzellen auf Duftstoffe verzögert, schwächer oder gar nicht reagierten, wenn sie zuvor mit einem Cannabis-Antagonisten behandelt wurden. Die Erkennung der Duftstoffe normalisierte sich, sobald Cannabis hinzugefügt und die Wirkung des Gegenstoffs aufgehoben wurde. Bei dem Auslösen psychischer Störungen durch THC hingegen scheinen Kopplungen zwischen Cannabinoid- und Dopaminrezeptoren eine Rolle zu spielen.

Cannabis kein Einzelfall

Dass neben Cannabis gleich eine Vielzahl anderer Drogen mit der Entstehung von Schizophrenien zusammenhängen, beschrieb der Diplompsychologe Frank Weiss-Motz von der Universitätsklinik Bonn im Rahmen des DFG-Projekts "Endophänotypen der Schizophrenie".

So können LSD, PCP oder Psilocybin Halluzinationen und verfälschte Sinneswahrnehmungen auslösen, während Amphetamine und Kokain direkt auf den Dopamin-Haushalt wirken. Die Folgen sind mitunter dramatisch, wie Weiss-Motz erklärt: "Bei Personen mit erhöhtem genetischem Schizophrenie-Risiko können diese Drogen eine Episode mit massiven Symptomen auslösen.

Weitaus besorgniserregender aber dürfte eine weitere Aussage des Psychologen sein: "Bei regelmäßigem oder massivem Konsum kann es auch ohne genetisches Risiko zu Ausbruch einer drogeninduzierten Psychose kommen". Immerhin scheint das Risiko an Schizophrenie zu erkranken bereits bei gelegentlichem Cannabis-Konsum "2-3fach und bei regelmäßigem Konsum 6fach erhöht".

Für die Substanz hat Forscher Motz daher vor allem eine Beschreibung parat – und die dürfte die kommende Generation Schizo schocken: "Stärkster bekannter externer Auslöser dieser Erkrankung".

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