Immer Arbeit mit der Medizin – Arbeitsmedizin

25. Juni 2007
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In der "normalen" Medizin werden die Herausforderungen und Themen, mit welchen sich der Arbeitsmediziner auseinander- zusetzen hat, kaum noch wahrgenommen. Vom leidigen Punktesystem befreit, und mit frei verhandelbarem Honorar, lockt der FA des Arbeitsmediziners etliche Studienabsolventen, die sich keine Krankenhauskarriere vorstellen können.

Mit den Wechselwirkungen von Arbeit und Gesundheit befasst, betreffen die Aufgaben bei der Arbeitsmedizin die Prävention weit mehr als den kurativen Bereich. Anders ausgedrückt: Die Untersuchung von gesunden Patienten steht hierbei im Vordergrund. Ein großer Bereich des Arbeitsmediziners ist es, Mitarbeiter einer Firma (eines Betriebes) auf deren Eignung hin zu überprüfen – Lärmschutzmaßnahmen, Sehtests, Umgang mit Giften oder sonstige schädliche Umwelteinflusse am Arbeitsplatz seien hier als Beispiele genannt. Darüber hinaus ist der Arbeitsmediziner Ansprechpartner und "Kontrolleur" für Auffälligkeiten wie Alkohol am Arbeitsplatz oder Mobbing. Der Facharztbereich "Arbeitsmedizin" kann also durchaus als Mittler zwischen Unternehmensleitung und Belegschaft verstanden werden. Größtes Ziel ist es hierbei, die Arbeitsbedingungen stetig zu verbessern und zu optimieren.

Das Interview haben wir mit dem Facharzt für Arbeitsmedizin, Herrn Conrad Paulus, geführt.
(CP = Conrad Paulus / MS = medizinstudent.de)

MS: Herr Paulus, zuerst – wie bei unseren Interviews üblich – die Frage, warum Sie sich gerade für das Fachgebiet "Arbeitsmedizin" entschieden haben?
CP:
Das ist eine längere Geschichte, die ich hier nur verkürzt wiedergeben möchte. Über meinen Vater kam ich während meiner Studienzeit an einem Ferienjob in einem großen deutschen Elektrounternehmen. Hier lernte ich den betriebseigenen Arbeitsmediziner kennen, mit welchem ich mich lange und ausführlich über seine Tätigkeit unterhalten habe. Die relativ flexible Arbeitszeit, sowie das fast völlige Fehlen von Nacht- und Wochenenddiensten, stellten für mich einen großen Reiz dar, mich nach dem Studium in eine ähnliche Richtung zu orientieren.

MS: Und was ist in Ihren Augen der allerspannendste Aspekt Ihrer Tätigkeit?
CP:
Ich verstehe mich als Vermittler zwischen den Angestellten und der Geschäftsleitung. Ich versuche täglich, die Arbeit sicher und erträglich gestalten zu helfen. Zudem bin ich für viele Mitarbeiter der Vertrauensmann und erste Ansprechpartner bei Problemen. Das bringt zwar eine Menge Verantwortung mit sich – ich bin aber auch sehr glücklich mit dieser Aufgabe.
Was ein großer Pluspunkt meiner Tätigkeit ist: Ich unterliege nicht dem Vertragsarztrecht, und bin daher quasi von dem leidigen "Punktesystem" befreit.

MS: Sieht denn Ihre tagtägliche Arbeit auch wirklich so aus, wie Sie Sich das vielleicht während des Studiums oder Ihrer Facharztausbildung gedacht haben?
CP:
Wie schon erwähnt, habe ich mir im Vorfeld ein genaues Bild von der zukünftigen Arbeit machen können. Insofern wurde ich also nicht negativ überrascht.

MS: Und wie haben Sie denn prinzipiell Ihre Ausbildungszeit empfunden?
CP:
Nun gut: Als Arbeitsmediziner muss man 2 Jahre auf dem Gebiet der Inneren Medizin absolvieren, sowie (zu meiner Zeit noch) eine 2 Jahre dauernde Ausbildung in praktischer Tätigkeit in der Arbeitsmedizin. Mein Wunschgebiet war die Innere Medizin eigentlich noch nie – für mein Ziel habe ich das aber gerne in Kauf genommen.

MS: Haben Sie für uns Studenten oder junge Ärzte ein paar heiße Tipps, worauf man bei der Ausbildung unbedingt achten sollte?
CP:
Einfach so viel wie möglich mitnehmen. Die Zeit genießen – sie kommt nie wieder!

MS: Wie sehen Ihrer Einschätzung nach denn die Weiterbildungsmöglichkeiten im Fachbereich "Arbeitsmedizin" aus?
CP:
Die Weiterbildungsmöglichkeiten sind nahezu unbegrenzt, wenn man sich mal nur die Gebiete der Arbeitsphysiologie, der Gewerbetoxikologie, des Strahlenschutzes, der Betriebshygiene oder die Umsetzung neuer Arbeitsschutzvorschriften vorstellt.

MS: Herr Paulus, wir danken Ihnen herzlich für das interessante Gespräch!

Aus der Vergangenheit in die Gegenwart
Die Arbeitsmedizin, deren Geschichte viele Jahrhunderte zurückreicht, befasst sich mit den Wechselbeziehungen zwischen Arbeit und Beruf, sowie dem Menschen und dessen Gesundheit (respektive Krankheit). Das erklärte Ziel der Arbeitsmedizin ist es seit jeher, das körperliche, geistige und soziale Wohlbefinden der Arbeitnehmer in sämtlichen Berufsgruppen zu überprüfen und zu fördern.

Bereits die alten Ägypter kannten den Befund der sogenannten "Staublunge". Bei der Erschaffung der großen ägyptischen Monumente wurde der entstehende Staub bei der Bearbeitung der Steine durch die Steinmetze eingeatmet und schädigte somit deren Lungen. Das gleiche Phänomen wird knappe 1.500 Jahre später vom römischen Schriftsteller Plinius dokumentiert, welcher zudem genaue Anweisungen zur Verhinderung und Verhütung der Staublungenerkrankung erteilt.

In Europa befassten sich während des 15. und 16. Jahrhunderts die berühmten Ärzte Paracelsus und Agricola mit der Verknüpfung der Bereiche "Arbeit" und "Gesundheit". Beide untersuchten Bergleute auf deren arbeitsbedingte Schwermetallvergiftungen hin. Eine erste große Dokumentation in Buchform hinterließ im Jahre 1700 der italienische Arzt Bernardino Ramazzini unter dem Titel "De morbis artificum diatriba" (lat. "Die Abhandlung von den Krankheiten der Künstler und Handwerker"), in welcher er die wichtigsten Krankheiten von 40 Berufsgruppen erfasste.

Im Deutschland brachte die, wie überall in Europa, voranschreitende Industrialisierung im 19. Jahrhundert viele berufsbedingte Krankheiten mit sich. Daraufhin wurde im Königreich Preußen im Jahre 1839 das erste "Arbeitsschutzgesetz" erlassen. In dessen Folge setzte Bismarck im Jahre 1884 das erste "Unfallversicherungsgesetz" in Kraft, aus welchem sich die Berufsgenossenschaften bildeten.
Der deutsche Arzt und Arbeitsmediziner Ernst Wilhelm Baader begründete in Berlin die erste deutsche arbeitsmedizinische Klinik und leitete diese von 1925 bis 1945, wobei er große und grundlegende Beiträge zur Entwicklung der arbeitsmedizinischen Disziplin in Deutschland beitrug. Die "Deutsche Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin" verleiht auch heute noch den nach ihm benannten "E.-W.-Baader-Preis".

Wie die gesamte heutige Arbeitswelt ist auch die Arbeitsmedizin einem ständigen Wandel und stetigen Veränderungen unterworfen. Während körperliche Belastungen am Arbeitsplatz eher zurücktreten, nehmen die psychomentalen zu (Beispiel "Mobbing") – zudem haben umweltmedizinische Fragestellungen deutlich an Bedeutung gewonnen. Beratungs-, Aufklärungs- und Schulungsaufgaben, die zum Teil völlig neue Anforderungen an Qualifikation und Rollenverständnis des Betriebsarztes stellen, treten an die Stelle der früher üblichen Routineuntersuchungen.

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