Reif fürs Museum: Blutzuckerstix

5. Juli 2007
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Zwei US-Unternehmen wollen die Entwicklung eines drahtlosen, implantierbaren Glukosesensors auf RFID-Basis vorantreiben. Spätestens 2008 wollen sie ein Gerät präsentieren, das mindestens sechs Monate am Stück funktioniert.

Sie ist der heilige Gral der Diabetes-Therapie: Die automatische Bauchspeicheldrüse, bei der sich der Träger um nichts mehr kümmern muss, weil der Glukosespiegel kontinuierlich ermittelt und die angeschlossene Insulinpumpe automatisch eingestellt wird. Die Pumpe ist dabei nicht das Problem. Der Grund, warum noch immer niemand ein wirklich befriedigendes System auf den Markt gebracht hat, ist der Glukosesensor. Der kann verkleben, infizieren, zu unerwünschten Blutgerinnseln führen, kurz: Es ist ein Kreuz mit der Technik, und deswegen wechseln in Apotheken auch im Zeitalter der Mikroelektronik noch immer Jahr für Jahr Abermillionen von Blutzuckerstix den Besitzer.

Eine Chronologie des Scheiterns

Versuche, dieses Geschäft auszutrocknen, gab es reichlich: "Es gibt eine beachtliche Zahl von gescheiterten Entwicklungen und Systemen", so lautet das Fazit von Lutz Heinemann vom Profil Institut für Stoffwechselforschung in Neuss. Heinemann hat die Fehlschläge kürzlich für einen Vortrag zusammengetragen – ein deprimierendes Zeugnis des Scheiterns. Über nicht-invasive "Zuckeruhren" wie GlucoWatch oder Pendra wurde und wird immer wieder berichtet. Durchgesetzt haben sie sich nicht, weil sie entweder nicht genau genug sind, weil sie zu Hautirritationen führen oder plötzlich nicht mehr funktionieren, wenn der Träger zu schwitzen beginnt. Auch invasive Systeme scheiterten gleich reihenweise – trotz guter Ansätze wie der Mikrodialysetechnik, die beispielsweise im SCGM-1-System von Roche Diagnostics zur Anwendung kam. Am Ende fehlte die Reife, und die Umsetzung in ein marktfähiges Produkt war wohl einfach zu teuer.

Nicht den Mut verlieren…

Das alles heißt nicht, dass nicht immer wieder Unternehmen den Schritt vorwärts wagen würden. Zuletzt hat der Insulinpumpenhersteller Medtronic Mitte Mai die Einführung einer Pumpe mit kontinuierlicher, invasiver Glukosemessung bekannt gegeben. Das MiniMed Paradigm REAL-Time-System gilt als erstes Pumpensystem mit der Option zur kontinuierlichen Blutzuckermessung. Es verfügt auch über Algorithmen, die die nötige Insulinmenge errechnen und bewegt sich damit zumindest in Richtung einer "automatischen Bauchspeicheldrüse". Dennoch: Auch bei Medtronic ist der Glukosesensor der Pferdefuß. Er liegt subkutan im Bindegewebe und muss alle drei Tage gewechselt werden. Besser als nichts, aber noch immer lästig. Immerhin: Der Sensor kommuniziert drahtlos mit der Insulinpumpe.

Nicht drei Tage, sondern mindestens sechs Monate soll dagegen ein neuartiger Glukosesensor funktionieren, der per Injektion in der Subkutis platziert wird und seine Informationen per Radio Frequency Identification (RFID) nach außen funkt. Entwickelt wird er von zwei auf RFID-Systeme spezialisierten Unternehmen, der Digital Angel Corporation und der VeriChip Corporation. Beide gehören mehrheitlich dem Technologiekonzern Applied Digital, der bisher vor allem mit digitaler Sicherheitstechnik von sich reden gemacht hat. Mit dem Gesundheitswesen Erfahrungen hat dagegen VeriChip. Es handelt sich um jenes Unternehmen, dass seit einiger Zeit mit massiver Öffentlichkeitspräsenz versucht, Patienten von dem Segen implantierbarer RFID-Chips zu überzeugen, die Ärzten Zugriff auf eine webbasierte Gesundheitsakte verschaffen. Das Unternehmen gibt an, schon über 600 US-Krankenhäuser mit (kostenlosen) RFID-Scannern ausgestattet zu haben.

Das Problem mit der Glukose löst auch RFID nicht

Der Einsatz von RFID-basierten Sensoren könnte ein paar Vorteile gegenüber anderen Verfahren haben. Die passive RFID-Technik, bei der der implantierte Chip seine Energie aus den Funkimpulsen zieht, mit denen er ausgelesen wird, ermöglicht es, das Implantat sehr klein zu halten. RFID-basierte Kommunikation gilt außerdem als relativ wenig störungsanfällig. Das Problem mit dem Sensor freilich löst auch die RFID-Kommunikation nicht, sodass allzu große Erwartungen möglicherweise fehl am Platze sind. Für Apotheker ist es jedenfalls noch immer entschieden zu früh, die Bestellungen für die Blutzuckerstix zu stornieren.

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