Diabetes-Telemedizin: Überwachung aus der Ferne

5. November 2013
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Erfolg auf der Bult: Bei fünf Typ-1-Diabetikern übernahm fünf Nächte lang eine Software die Steuerung der Insulinpumpe. Jetzt ist es bis zur künstlichen Bauchspeicheldrüse nicht mehr weit.

In der vorletzten Oktoberwoche 2013 war es endlich so weit. Nach monatelangen Vorbereitungen startete am „Auf der Bult“ in Hannover eine Mini-Studie, mit der nicht nur die deutsche Diabetologie Neuland betrat. Bei fünf Patienten mit Typ 1-Diabetes übernahm fünf Nächte lang eine Software die komplette Steuerung der Insulinpumpen. Das Novum: Die Patienten lagen daheim im Bett. Mittels kontinuierlicher Glukosemessung (CGM) wurden die aktuellen Zuckerwerte bei den fünf Patienten erfasst und telemedizinisch ins Klinikum übertragen. Dort saßen der Kinderdiabetologe Professor Thomas Danne und ein paar Kollegen und wechselten sich beim Nachtschichtschieben ab.

Patient: „Schnarch“. Diabetologe: „Gähn.“

Hätte irgendetwas nicht so funktioniert wie geplant, dann hätte der Versuch abgebrochen werden müssen. Viele Wochen Überzeugungsarbeit beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte wären umsonst gewesen. Aber es passierte nichts. Gar nichts. Völlig normale Blutzuckerkurven formten sich da auf dem Monitor, keine wie auch immer geartete Abweichung, die den Puls der Ärzte hätte steigen lassen. „Das war wie Testbildfernsehen“, beschreibt Danne es ein paar Stunden nach Ende der fünften Nacht. Gähnende Langeweile als Erfolgsindikator. Während die Diabetologen im Krankenhaus gegen den Schlaf kämpften, erholten sich die Patienten daheim in ihren eigenen Betten prächtig. Und schrieben im Traum zumindest ein bisschen Medizingeschichte. Am Morgen ging die ganz normale Insulinpumpenroutine wieder los. Die Software übergab das Kommando an den Pumpenträger. Der stellte wie gewohnt seine Insulinmengen ein. Insulinpumpen-Business as usual.

BfArM: Keine Experimente mit Kindern!

Um an diesen Punkt zu kommen, mussten die Ärzte aus Hannover viel Überzeugungsarbeit leisten. Dass ihre Software funktioniert, da waren sie sich ziemlich sicher. Schon Anfang des Jahres hatten Danne und seine Kollegen über die Ergebnisse ihrer DREAM-Studie berichtet, zusammen mit Diabetesexperten aus Slowenien und Israel. Im Sommer waren die Ergebnisse dann im New England Journal of Medicine auch gedruckt zu lesen. Insgesamt 56 Kinder und Jugendliche mit insulinabhängigem Typ 1-Diabetes wurden in dieser randomisiert-kontrollierten Studie entweder konventionell mit Insulinpumpe/Glukosesensor oder mit einem automatisierten System (MD-Logic) behandelt. Der Einsatz der softwaregesteuerten Lösung ging mit signifikant weniger Hypoglykämieepisoden und insgesamt signifikant weniger Zeit in der Hypoglykämie einher.

Aber Studie ist Studie und Versorgungsrealität ist Versorgungsrealität. Die DREAM-Studie fand in einem Diabetes-Camp statt, ein maximal artifizielles Ambiente. Nur unter unmittelbarer ärztlicher Aufsicht wurden dort die Insulinpumpen auf Autopilot geschaltet. Vom Zimmer der Ärzte zum Bett der Kinder waren es wenige Schritte. In Hannover war das jetzt ganz anders. In einem Szenario, das an das echte Einsatzszenario einer künstlichen Bauchspeicheldrüse sehr viel näher heran kommt, erfolgte ein digitales Monitoring der CGM-Messwerte und der applizierten Insulinmengen auf Distanz. Weil das Neuland war, bestand das BfArM darauf, dass die ersten Patienten – anders als in der DREAM-Studie  – Erwachsene zu sein hatten, und nicht die Kinder oder Jugendlichen, die Danne und seine Kollegen „auf der Bult“ normalerweise betreuen.

Killerapplikation für die Diabetes-Telemedizin?

Natürlich ist die „künstliche Bauchspeicheldrüse“, wie die Verknüpfung von CGM, Insulinpumpe und Steuerungs-Software gerne und nicht ganz korrekt (schließlich geht es um Insulin) genannt wird, mit den fünf Nächten in Hannover noch immer nicht Realität. „Wir sind ihr aber einen großen Schritt näher gekommen“, so Danne. „Der nächste Schritt ist, von der kontinuierlichen externen Überwachung wegzukommen.“ Dass Klinikärzte nachts vor Monitoren rumhängen, ist sicher keine Dauerlösung. Niedergelassene Ärzte werden das genauso wenig machen wollen. Denkbar wäre dagegen, dass telemedizinische Servicezentren genutzt werden, um aufzupassen, zunächst nur nachts und irgendwann vielleicht auch unter den komplexeren Bedingungen des Tages.

Danne zumindest kann sich ein solches Szenario gut vorstellen. „Klar ist, dass es bei der künstlichen Bauchspeicheldrüse Alarmierungsfunktionen geben muss, falls doch etwas nicht so funktioniert, wie es soll. Solche Alarme könnten zum Beispiel bei telemedizinischen Zentren zusammenlaufen.“ Den Prototypen für eine solche telemedizinische Implantatüberwachung gibt es längst: Viele ICD-Geräte und Schrittmacher werden auf ähnliche Weise überwacht. Allerdings sitzen hier in den Zentralen nur Computer, keine Menschen. Informationen über Fehlfunktionen von kardialen Implantaten werden per E-Mail an den behandelnden Arzt weitergeleitet. Beim Diabetes wird das möglicherweise nicht reichen. Aber gegen Menschen am anderen Ende der Leitung spricht ja auch nichts.

72 Wertungen (4.61 ø)

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3 Kommentare:

Bürgerin Marina Bausmer
Bürgerin Marina Bausmer

am tage herrschen aber andere Bedingungen zusätzlich, durch Bewegung Ernährung lernen,spiel ect..die eigenen Organe solange wie möglich zu erhalten sollte im Focus bleiben ,man denke auch an die 3.zähne – eine künstliche alternative käme erst danach in Frage-

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Dr. Peter Westhoff
Dr. Peter Westhoff

Wird dieses experiment gedruckt sein?

#2 |
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Weitere medizinische Berufe

Zitat
“Solche Alarme könnten zum Beispiel bei telemedizinischen Zentren zusammenlaufen.”

Was ist aber, wenn das Internet und die GSM, LTE, UMTS (Handynetze) mal nicht funktionieren?? Kein Net und kein Netz >>>>> kein Alarm :(
(Vorhaben geglückt aber Patient im Koma verstorben)

#1 |
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