Hören mit High Tech

13. Juli 2007
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"Auf diesem Ohr hört er schlecht" - das kann demonstrative Ablehnung sein oder ein Hörfehler. Meistens reicht dann ein Hörgerät, insbesondere wenn Mikrochips für bessere Hörqualität sorgen. In gravierenderen Fällen, wie Ohrfehlbildung oder einseitiger bzw. beidseitiger Taubheit, kann die Stimulanz über Knochenleitungen oder elektrischen Strom helfen - mit unterschiedlichen Erfolgen.

Rund 800 verschiedene Hörgeräte von knapp 20 Hörgeräte-Herstellern konkurrieren um einen Platz im Ohr (IO) oder hinter dem Ohr (HDO). Die Qualität beim Sprachverstehen, aber auch Optik und Größe der Hörhilfen ist permanent verbessert worden. Selbst das als Cocktailparty-Geräusch bekannte Problem lässt sich zunehmend mildern. Mikrochips machen es möglich. Trotzdem nutzt nur jeder Fünfte der Schwerhörigen ein Hörgerät. Die jungen Menschen befürchten, damit alt auszusehen und die schon etwas Betagteren wollen dem Stigma der Behinderung aus dem Weg gehen. Industrie und Fachhandel versuchen dem Dilemma mit aufwändigen Aufklärungs-Kampagnen zu begegnen.

Bluetooth-Verbindung zwischen Handy und Ohr

Die größten Probleme bei den Hörgeräten stellen immer noch die Stör- bzw. die Cocktailparty-Geräusche dar. Mit der volldigitalen Generation soll das besser werden. Bei diesen Geräten erfolgt sowohl die Signalverarbeitung als auch die Einstellung des Geräts mit Bit und Bytes. Drahtlose Lösungen, die den Ton über ein elektromagnetisches Signal auf das Hörgerät übertragen, sollen zusätzlich die Hörqualität für Handy-Gespräche oder Radiomusik verbessern. Dazu braucht man Teleschlingen am Sender und eine Telefon-Spule (T-Spule) im Empfänger. Noch bessere Übertragungsqualität und ein größerer Aktionsradius ist laut Innung der Hörgeräteakustiker mit der Funktechnologie, speziell der FM-Technik, zu erreichen. Die Produkte mit volldigitaler Funk-Kommunikation können alle Audio-Quellen, beispielsweise auch CD-Player und Computer, wireless zum Hörgerät übertragen. State of the Art ist derzeit die Bluetooth-Verbindung zu Handys. Audiologen aus dem Haus des Hörens in Oldenburg empfehlen in jedem Fall eine beidohrige Versorgung mit digitalen Hörhilfen. Damit könnten die Systeme noch besser zwischen Nutzschall und Störschall unterscheiden. Bei allem Fortschritt durch Digitalisierung und Funktechnik bleibt ein Wermutstropfen. Die Technik hat ihren Preis – für zwei Ohren bis zu 12.000 Euro.

Technik mit Entwicklungspotenzial

Mit IO- oder HDO-Geräten kann man leichte bis mittelschwere Hörverluste ausgleichen. Schwerhörigkeit durch Fehlbildungen oder Tumor- bzw. unfallbedingte Taubheit erfordern in der Regel einen operativen Eingriff. Die unterschiedlichen Methoden haben eine bewegte Entwicklungsvergangenheit hinter sich und noch immer reichlich Potenzial für Verbesserungen bei Hörqualität und Umsetzungstechnik. BAHA-Geräte (Bone Anchored Hearing Aid) und das Auditory Brainstem Implant (ABI) sind offensichtlich die innovativsten Methoden mit großem Entwicklungspotenzial.

Über Knochenleitung hören

Patienten mit Mittelohrschwerhörigkeit, bei denen eine Ohrfehlbildung oder ein nicht angelegter Gehörgang, eine so genannte Atresie, vorliegt, kann mit einem knochenverankerten Hörgerät, BAHA, geholfen werden. Weitere Indikation für ein BAHA-Gerät ist eine chronische Otitis media oder externa. Die Verankerung erfolgt im Warzenfortsatzknochen mit einer implantierten Titanschraube, an der das Hörgerät befestigt wird. Der Schall wird unter Umgehung des Mittelohrs direkt über die Knochen in das Innenohr geleitet. Bei konventionellen Knochenleitungshörgeräten wird das Schallsignal über einen auf die Haut aufgedrückten Vibrator übertragen. Der erforderliche Anpressdruck führt in den meisten Fällen zu Hautdruckstellen und Kopfschmerzen. Diese Probleme gehören mit dem BAHA-Gerät der Vergangenheit an.

BAHA mit Stirnband

Neu ist laut Hals-Nasen-Ohrenklinik der Uni Heidelberg die Versorgung von einseitigen Ertaubungen mit einem BAHA-Gerät als CROS (Contralateral Routing of Signals) über die Knochenleitung. Bei der herkömmlichen Versorgung erfolgt der Ausgleich über ein elektrisches Kabel mit dem Nachteil, dass der Patient Probleme beim Richtungshören hat. Ebenso negativ ist, dass er am gesunden Ohr ein Hörgerät mit mehr oder weniger Störgeräuschen ertragen muss. Besonders positiv für Kleinkinder ist die erst seit kurzem verfügbare Möglichkeit, die BAHA-Technik auch über Stirnband zu nutzen.

Hören durch elektrischen Strom

Der Vorgänger des ABI ist das Cochlear-Implantat. Beim CI handelt es sich um eine Innenohrprothese für hochgradig schwerhörige bzw. gehörlose Kinder oder Erwachsene, denen herkömmliche Hörgeräte wenig oder gar keinen Nutzen mehr bringen. Dabei werden Schallwellen in elektrische Impulse umgewandelt, die mit einem programmierbaren Mikroprozessor so verändert werden können, dass Sprache mit gewissen Einschränkungen verstanden werden kann. Die Methode funktioniert allerdings nicht bei einer vollständigen Ertaubung durch Verlust beider Hörnerven. Davon bedroht sind insbesondere Patienten mit Neurofibromatose. Mit ABI ist es möglich, durch elektrische Reizung über eine am Hirmstamm aufgebrachte Elektrode den Verlust der Hörnerv- und Innenohrfunktion teilweise zu kompensieren. Die Suche nach Alternativen wurde in den letzten Jahren auf eine verbesserte Elektrodenkopplung an die Zielstrukturen konzentriert.

ABI oder MBI?

Dr. Steffen Rosahl, seit 2006 Chefarzt für Neurochirurgie an der Helios Kliniken GmbH in Erfurt, ist seit vielen Jahren an der Entwicklung von ABI-Systemen beteiligt, u.a. auch als Oberarzt am Internationalen Neurowissenschaftlichen Institut (INI) in Hannover. Für Doccheck gab er eine Einschätzung ab, wohin sich ABI möglicherweise entwickeln könnte: “In welche Richtung sich auditorische Implantate für Gehörlose entwickeln, wird durch die zu erreichende Hörqualität bestimmt werden. Wenn die Spracherkennung mit den jetzt klinisch in Hannover (Prof. Lenarz) an einigen Patienten getesteten Mittelhirnimplantaten (MBI) deutlich besser gelingt, als mit den Implantaten am Hörkern des Hirnstamm, dann gehört den MBI zumindest die nähere Zukunft. In den Hörkern direkt eingeschobene Nadelelektroden wurden in Los Angeles schon klinisch getestet und zeigten keine signifikante Verbesserung des Höreindrucks. Die Ursachen dafür sind sicher vielschichtig – es ist sicher nicht ausgeschlossen, dass auch auf diesem Gebiet noch Verbesserungen möglich sind. Mit “aktiven” Elektroden, die gerade in der Entwicklung sind, werden bald Implantate zur Verfügung stehen, bei denen ein Teil der Elektronik so miniaturisiert ist, dass sie in die Elektroden oder deren Träger selbst integriert werden kann. Damit werden auch Implantate für die Hörrinde im Schläfenlappen des Gehirns denkbar. Auch an der Stromversorgung der Implantate wird gearbeitet – sie könnte eines Tages vollständig aus biologischen Prozessen im Körper gewonnen werden. Schließlich werden auch die Komponenten weiter verkleinert, wodurch die Elektrodenkontakte exakter an die biologischen Strukturen angepasst und die Zwei-Wege-Kommunikation, d.h. die Rückmeldungen über den Zustand von Nervenzellen und Elektroden aus dem Implantat, verbessert werden.”

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