Cockpit für Rhythmuspiloten

13. Juli 2007
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Die Kardiologen treiben's immer bunter: Im neuen Rhythmuslabor des Deutschen Herzzentrum Berlin treffen sich Herzspezialist, Herz-CT und Durchleuchtung zu einer farbenfroh-dreidimensionalen Collage. Die Killerapplikation soll die elektrische Therapie von Vorhofflimmern werden.

Keine Kabel, kein Chaos, nichts. Wer das neue Katheterlabor der Herzrhythmusspezialisten am Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) betritt, fühlt sich nicht wie in einem Krankenhaus, sondern eher wie beim Media-Markt um die Ecke. Ein großes Dashboard mit acht Monitoren baumelt von der Decke. Der Arzt schiebt einen Katheter und beobachtet die Katheterspitze in der Durchleuchtung. So weit, so konventionell.

CT + Durchleuchtung + Software = Totaler Durchblick

Doch dann wird alles anders. Auf Kommando blendet ein Kollege, der hinter einer Glasscheibe an einer Reihe ähnlich akkurat aufgereihter Monitore sitzt, den Linksherzkatheter-Film des Patienten ein. Da muss nichts rumgeschoben oder ausgestöpselt werden. Der Arzt am Kathetertisch muss sich auch nicht umdrehen oder verrenken. Der Film ist einfach da, auf der Monitorwand, wie alles andere auch. Ein weiteres Kommando des Untersuchers, und auf den Durchleuchtungsschirm wird eine Computertomographie des Herzens aufgeblendet, nicht irgendwie, sondern so, dass sie exakt zu den Kathetern in der Durchleuchtung passt. Plötzlich sind da nicht mehr nur schwarze Schatten auf grauem Grund, die unvermittelt an irgendwelchen Stellen Kurven machen. Plötzlich ist da die exakte Anatomie des Herzens, und wer an der Uni aufgepasst hat, erkennt ganz ohne mentale Trimm-dich-Übungen, dass der Katheter zum Beispiel im linken Vorhof liegt. "Bisher mussten wir uns das alles vorstellen", sagt Professor Eckart Fleck, der Chefkardiologe am DHZB, "jetzt haben wir eine echte anatomische Darstellung. Das vereinfacht das Platzieren der Katheter wesentlich."

Das neue System, das in Berlin vor einigen Wochen seine Weltpremiere feierte und jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, hört auf den sperrigen Namen EP Cockpit und Navigator, hergestellt von dem Unternehmen Philips, wie fast alle Elektronik am DHZB. "EP" steht für Elektrophysiologie. "Cockpit" beschreibt die Fernsteuerung der Monitore aus dem strahlensicheren Nachbarraum heraus. Der "Navigator" schließlich ist die eigentliche Innovation. Er ist zuständig für die softwarekontrollierte Fusion einer vorher angefertigten Computertomographie mit den Live-Bildern, die die Durchleuchtungskamera liefert. "In Zukunft wird das auch mit Kernspinbildern gehen", ist Fleck überzeugt. Macht Sinn, denn die Strahlenbelastung einer elektrophysiologischen Untersuchung ist auch ohne CT nicht von Pappe.

Herz-Hula-Hoop wird doppelt so schnell beseitigt wie zuvor

Dass die neue Generation des Elektrophysiologielabors gerade jetzt kommt, ist kein Zufall. In aller Welt sammeln Herzrhythmusexperten momentan Erfahrungen mit einem neuen Eingriff, der Elektrotherapie bei Vorhofflimmern. Hierzu werden die Pulmonalvenen durch multiple Kauterisierungen elektrisch vom Vorhofmyokard isoliert, eine Art Hulahoop-Ring um das Pulmonalvenenostium herum. Die Folge: Kreisende Erregungen, die Vorhofflimmern auslösen könnten, werden nicht mehr auf das Vorhofmyokard weiter geleitet. Sie existieren zwar weiterhin, doch den Vorhof juckt das nicht mehr. Die elektrische Pulmonalvenenisolation hat zumindest beim paroxysmalen Vorhofflimmern so hohe Erfolgsquoten, dass viele Kardiologen mittlerweile eine echte Massenanwendung am Horizont herauf ziehen sehen. Doch dafür ist das Verfahren bisher entschieden zu aufwändig.

Um nicht wichtige Strukturen weg zu brennen, wird eine Mapping genannte Prozedur vorgeschaltet, ein magnetisches Kartographieverfahren mit einem speziellen System, dem CARTO-System. Das dauert. Doch dank CT können die Berliner Kardiologen jetzt unter Sicht die Katheter platzieren und hoffen deswegen, bald ganz auf das CARTO-Mapping verzichten zu können. Das würde voll auf die Untersuchungszeiten durchschlagen: "Wir erwarten, dass wir die Zeit für den Eingriff mittelfristig auf die Hälfte bis ein Drittel reduzieren können", so Fleck. Statt vier bis sechs Stunden, wie bisher, wären es dann nur noch zwei bis drei. Das passt schon eher zu einer Massenprozedur à la Linksherzkatheter bei der KHK…

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