Viruslast und Kinderwunsch

26. Juli 2007
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Eine Infizierung mit dem HI-Virus bedeutet nicht das Ende des geregelten Lebens. Dank guter Aufklärung und künstlicher Befruchtung steht sogar der Gründung einer Familie eigentlich nichts im Weg. Voraussetzung ist die richtige, vor allem aber auch sensible Betreuung der HIV-Patienten durch erfahrene Ärzte.

Die gute Nachricht kommt in Form einer statistischen Zahl trocken daher: Bei einer vorab bekannten HIV-Infektion der Mutter lässt sich das Ansteckungsrisiko auf das Kind massiv senken – auf rund 2 Prozent. Was freilich auch heißt: Ungefährlich bleibt die Schwangerschaft nicht.

Schon die Zeugung an sich erweist sich nämlich als erste Klippe für die kommenden Eltern. Denn je nach Gegebenheit kommen drei große Komplexe in Frage: Sind beide Partner HIV-positiv, empfehlen Experten den ungeschützten Geschlechtsverkehr – doch nur zum Ovulationszeitpunkt. Denn die meisten HIV-Übertragungen ließen sich bislang bei Paaren beobachten, die “auch außerhalb der “fruchtbaren Zeit” ungeschützten Geschlechtsverkehr hatten”, wie die Dresdener Aidshilfe betont. Ist lediglich die Partnerin HIV-positiv, könnten Ärzte auf eine künstliche Befruchtung oder die Selbstinsemination setzen. Allerdings: Nur sehr wenige Ärzte sind bisher zu solchen reproduktionsmedizinischen Maßnahmen bereit. Sollte wiederum nur der Mann HIV positiv sein, steht die assistierte Reproduktion mit aufbereitetem Sperma zur Verfügung.

Sperma in der Reinigungspipeline

Nach dieser erstmals 1987 beschriebenen Methode wurden 1991 in Deutschland die ersten Inseminationen HIV-negativer Frauen vorgenommen. Das Prinzip: Motile Spermien werden zunächst durch standardisierte Aufbereitungstechniken isoliert. Dazu trennen Dichtegradientenzentrifugen die Spermien vom Seminalplasma und der vorhandenen Begleitzellfraktion. Nach mehreren Zwischenschritten wird das Pellet Kulturmedium überschichtet und die Probe für 20 bis 60 Minuten bei 37°C inkubiert. Der Clou: Die motilen Spermien reichern sich in der oberen Grenzschicht an. Um die Kontamination mit viralen Partikeln auszuschließen, testen die Mediziner einen Teil der aufbereiteten Probe mit Hilfe von PCR und NASBA. Die Ergebnisse des Verfahrens sprechen für sich. Die im europäischen Zusammenschluss reproduktionsmedizinischer Zentren (CREAThE) zusammengefassten Daten aus über 3.864 Zyklen weisen so gut wie keinen Fall einer Serokonversion der Mutter auf. In Deutschland stehen Paaren, bei denen nur der Mann HIV-positiv ist, mehrere reproduktionsmedizinische Einrichtungen zur Verfügung.

Fundiertes Fachwissen zusammengefasst

Was man seinen Patienten in einfachen Worten erklären kann, um ihnen die Ängste vor dem Kinderwunsch trotz HIV zu nehmen, erfordert in Wirklichkeit enormes Wissen seitens des Arztes. Als Wegweiser gilt heute vor allem eine Publikation: Die Deutsch-Österreichischen Empfehlungen bei HIV-diskordanten Paaren.

Schon die HIV-Transmissionsprophylaxe bei gegebenem Standardrisiko zeigt nämlich exemplarisch, dass der Teufel für den praktizierenden Arzt wie so oft im Detail liegt. Denn das Risiko der vertikalen Transmission erweist sich als direkt proportional zur Viruslast der Schwangeren. Für das Berliner Robert Koch Institut, das in Zusammenarbeit mit der der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung von HIV- und AIDS-Patienten (DAGNÄ) und anderen Fachgesellschaften die Deutsch-Österreichischen Empfehlungen publizierte, nur ein potenzielles Einsatzgebiet von vielen:

“Besteht noch keine eigene mütterliche Behandlungsindikation (CD4-Zellzahl >200-350/µl, aber die Viruslast liegt höher als 10.000 Viruskopien/ml, so wird eine vorübergehende antiretrovirale Standard-Kombinationsprophylaxe (ohne Efavirenz!) ab SSW 32+0 bis kurz nach der Entbindung empfohlen, da mit einer Zidovudin-Monoprophylaxe die Viruslast nicht mit ausreichender Sicherheit reduziert werden kann (erhöhtes Übertragungsrisiko bei VL > 10.000” Freilich könnte im Alltag kein Arzt seine Patienten mit derartigen Fachinformationen belasten – an den Empfehlungen der Fachorganisationen kommt während der Betreuung von HIV-Patienten mit Kinderwunsch jedoch kein Mediziner vorbei.

Werdende Eltern werden sich hingegen in erster Linie um ihren Nachwuchs sorgen. Auch hier gilt es, die Ängste der Paare zu beseitigen. So sollte man der Mutter erklären, dass das Neugeborene normalerweise zehn Tage lang eine intravenös verabreichte antiretrovirale Therapie erhält, die in den meisten Fällen als Monotherapie (AZT) verabreicht wird. Nur wenn die Winzlinge einem erhöhten Risiko ausgesetzt waren, setzen Mediziner die Kombitherapie ein.

Abstriche zum Schutz der Kleinen gibt es in Punkto Stillen: Um das Kind nicht nachträglich anzustecken, dürfen HIV-infizierte Mütter hierzulande ihre Kinder nicht stillen. Auch sollte die Mutter über die quälende Phase des Wartens Bescheid wissen. Erst nach dem 18. Lebensmonat trägt das Kind keine Antikörper der Mutter mehr in sich – erst ab diesem Zeitpunkt kann ein HIV-Antikörper-Test nachhaltig verlässliche Ergebnisse und somit Entwarnung für die Eltern liefern.

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