Recherche im Sündenpfuhl

26. Juli 2007
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Mit Umsätzen von über 13 Milliarden US-Dollar pro Jahr allein in den USA gilt die Porno-Filmindustrie aus medizinischer Sicht als unkontrollierter Moloch. Jetzt nehmen Ärzte die Risiken und Nebenwirkungen der Branche ins Visier.

Der Sex vor der Kamera lässt auch hierzulande die Kassen klingeln: Nach den USA ist die Bundesrepublik der zweitgrößte Pornomarkt der Welt. Jeden Monat erscheinen über 1000 neue Filme auf DVD, rund 800 Millionen Euro jährlich setzt die Pornobranche schätzungsweise damit um. Gefragt ist, was in deutschen Schlafzimmern zumindest Umfragen zufolge so gut wie nicht vorkommt: Geschlechtsverkehr mit abwechselnd einem, mehreren oder simultan vielen Partnern und das in allen erdenklichen Varianten – vor allem aber nahezu immer ungeschützt. Letzteres wiederum lässt Epidemiologen erschaudern. Denn der Profi-Sex vor der Kamera fordert unter den Darstellern seinen Tribut. Die Erreger sexuell übertragbarer Erkrankungen breiten sich unkontrolliert aus.

Die Spitze des Eisbergs

Eine von Peter Kerndt, Direktor am Los Angeles County Department of Public Health und Co-Autor einer im Fachblatt PLoS publizierte Studie offenbart jetzt das Gefahrenpotenzial, um das es geht. So ließen sich beispielsweise im Zeitraum 2003 bis 2005 bei insgesamt 976 getesteten Darstellern 1153 positive Testergebnisse – gescreent wurde nach mehreren Erregern – nachweisen. Dabei dominierten Chlamydieninfektionen (722 Fälle), bei 355 Darstellern traten Gonorrhoe-Erreger auf. Und bei 10,9 Prozent aller Getesteten traten von Chlamydien– und Gonorrhoe-Erregern verursachte Coinfektionen auf.

Dabei ist das nur die Spitze des Eisberges. Denn nach wie vor sind epidemiologische Zahlen über Pornofilmbedingte Ansteckungen mit Syphilis, Herpes simplex-, humanen Papillomaviren (HPV) oder Hepatitis B und C faktisch inexistent. Fest indes scheint zu stehen, dass ungeschützter Analsex das HIV-Ansteckungsrisiko geradezu explodieren lässt: Von 10.000 Kontakten führen 80 zur Infektion, das ist statistisch betrachtet weitaus mehr, als etwa die Benutzung kontaminierter Nadeln nach sich zieht.

Der Mix macht`s

Was den Pornodarstellern zusetzt, ist vor allem der Erregermix. So fanden Ärzte heraus, dass sich die HIV-Infektionsrate vervierfacht, wenn einer der Partner bereits mit einem Herpes Simplex Virus angesteckt ist – und es dabei auch noch zum vaginalen Geschlechtsverkehr kommt.

Zwar würde der Einsatz von Kondomen den Großteil solcher Horrorszenarien beseitigen, nur: lediglich die homosexuelle Filmszene setzt in den USA ernsthaft auf safer sex. So konstatieren Mediziner, dass Pornofilmproduktionen für Schwule ohne den Einsatz von Kondomen nicht denkbar wären – die Community scheint derart aufgeklärt und informiert, dass die vorwiegend in Heterofilmen vorgeführten Gummi-losen Praktiken auf dem Markt keine Chance hätten. Die große Masse der Konsumenten jedoch ist heterosexuell veranlagt – und bleibt auf der Suche nach dem filmisch unverschnörkelten Hardcore-Sex.

Kondome schützen – Gesetze scheinbar nicht

Dass die Filme weder einen “vernünftigen Plot”, geschweige denn eine sinnvolle Handlung außerhalb der sexuellen Körpereinsätze hätten, bemängelte die Los Angeles Times bereits im Jahr 2004, als unter den Pornodarstellern eine wahre HIV-Epidemie ausbrach. Spätestens seitdem sind sich zwar auch amerikanische Gesundheitsbehörden darüber im Klaren, dass in Sachen Sex vor der Kamera gesundheitspolitisch etwas reguliert werden sollte, nur: geschehen ist im Grunde nichts.

Hierzulande sind Pornodarsteller durch Gesetze geschützt, doch nur auf dem Papier. So beschreibt das Landesgesetz über den öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGdG) wie der Öffentliche Gesundheitsdienst über Geschlechtskrankheiten aufzuklären hat (§ 9 ÖGDG).

Auch das IfSG – Infektionsschutzgesetz bietet theoretisch die Grundlage für einen sinnvollen Umgang mit der Produktion von Pornofilmen, weil es ausreichende Verhaltensregeln für Hersteller und Darsteller offenbart. Schon der § 3 IfSG nimmt die Behörden in die Pflicht: “Insbesondere haben die nach Landesrecht zuständigen Stellen über Möglichkeiten des allgemeinen und individuellen Infektionsschutzes sowie über Beratungs-, Betreuungs- und Versorgungsangebote zu informieren”.

Quickies im wahrsten Sinne des Wortes

Die Praxis freilich sieht anders aus. Weil vor allem no-name Billigproduktionen an einem einzigen Drehtag “in Kasten” sein müssen, und die Honorare für die Darsteller dabei 400 bis 1000 Euro liegen, denkt kaum einer der beteiligten über die Kontaktaufnahme der Gesundheitsämter nach, um sich wie gesetzlich vorgeschrieben aufklären zu lassen.

Aus medizinischer Sicht fatal erweist sich zudem ein weiterer Aspekt. Selbst wenn die Darsteller vorab einen durchgeführten Test nachweisen, sagt das so gut wie nichts aus. Denn die Untersuchungen erfassen meist nur einen, oder wenige Erreger. Zudem gewähren sie auf Grund der sehr hohen Sexfrequenz der Darsteller keine Garantie, dass sich der Getestete zwischenzeitlich nicht doch angesteckt haben könnte. Für Forscher Kerndt zählt daher in ein ganz anderer Aspekt: “Die Darsteller berichten, dass sie ohne Kondom arbeiten müssen – oder den Job verlieren”.

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