Das große Diagnose-Orakel

2. August 2007
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Das US-Unternehmen MEDoctor Systems hat ein Computerprogramm entwickelt, das medizinische Diagnosen auf Basis eines Multiple-Choice-Tests stellt. Mehr als 830 Krankheiten seien so schon erkennbar, teilen die Amerikaner selbstbewusst mit. Im Gesundheitswesen könnten so Millionen eingespart werden. Eine neue Ära oder gefährlicher Quatsch?

Die Selbstdarstellung der elektronischen Diagnoseersteller aus dem Internet scheint unmissverständlich: “Auf unserer Website ist es Ihnen möglich, 24 Stunden pro Tag und 7 Tage pro Woche eine Einschätzung Ihrer Krankheit oder einer medizinischen Bedingung zu bekommen”, informiert die auch in deutscher Sprache gehaltene Site von MEDoctor und vergisst dabei nicht, auf den angeblichen Nutzwert hinzuweisen: “Sie können Ihre persönliche, elektronische, medizinische Akte speichern und zurückholen. Sie werden Hinweismaterial finden, das Ihnen helfen wird, Ihren Zustand besser zu verstehen”.

System versagt im DocCheck-Praxistest – weil keine Registrierung möglich war

Verstehen kann der self-made Diagnostiker am anderen Ende der Webleitung als Anwender auf ersten Blick auch, wie das Prinzip aus finanzieller Sicht funktioniert: “Wenn Ihre Mitgliedschaft von Ihrer Krankenkasse, von Ihrem Gesundheitsversorger oder von Ihrem Arbeitsgeber sponsoriert wird, klicken Sie auf die Taste “Registrieren Sie sich” und folgen Sie die Schritte 1, 2 und 3″. Und wenn, wie in Deutschland eben üblich, die eigene Kasse der GKV eine derartige Schützenhilfe nicht bietet, haben die Amerikaner Plan B in petto: “Wenn Sie keinen Sponsor haben, können Sie sich für einen Monat lang für US$ 19.95 (21.95 Euro) registrieren oder für ein Jahr lang für US$ 99.95 (109.95 Euro). Klicken Sie einfach auf “Registrieren Sie sich” und gehen Sie weiter mit dem Kreditkartenprozess”.

Wer, wie der Autor dieses Beitrags, als ahnungsloser Patient auf den Segen der e-Medizin aus den USA setzt, muss zunächst erhebliche technische Hürden überwinden. Schon die Registrierung in deutscher Sprache erweist sich nämlich als Herausforderung: Die Eingabe des Usernamens und des eigenen Passworts läuft mehrfach ins Leere, der Patient sollte daher zumindest in Notfällen lieber gleich zum Telefon greifen – oder einen realen Arzt aufsuchen. Auch die englische Variante versagte im Test ihren Dienst, womit sich die Site als absolut alltagsuntauglich erweist. Denn kaum ein Patient wird sich mit den Tücken und Klippen der Internetdiagnose-Tools befassen wollen, wenn er an Atemnot, Herzrasen oder einer blau angelaufenen Gesichtshaut leidet. Genau damit nämlich versucht MEDoctor die Vorteile des Systems in einer Präsentation zu belegen. Zumindest das Prinzip der Software erschließt sich der Logik des Betrachters: Anhand vorgefertigter Standardfragen erhebt das elektronische System eine Anamnese. Am Ende des Fragenkatalogs steht dann eine “Prädiagnose” – schon aus juristischen Gründen und dem hierzulande geltenden Arzthaftungsrechts wollen und können die Betreiber den output des Systems nicht anders nennen. Andererseits: MEDoctor bietet neben der Prädiagnose auch die elektronische Speicherung der Patientendaten an – die elektronische Patientenakte scheint irgendwie durch den Äther des Internet zu schwirren.

Alles Schmu?

Nicht wirklich, aber wer als Arzt den holperigen Vorstoß der Amerikaner nachvollziehen will, muss tiefer ins Eingemachte schauen: Dienste wie MEDoctor sind lediglich ein kleiner Mosaikstein im Gesamtbild der vernetzten, elektronischen Medizin von Morgen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO selbst legte nämlich den Grundstein für die Web-Offensive im Gesundheitssektor. Bereits im Mai 2005 verabschiedeten die Fachleute der WHO die so genannte eHealth Resolution (WHA 58.28) – und forderten im Grunde “eHealth für alle bis 2015”.

Tatsächlich gehen Analysten davon aus, dass die Nutzung der IT die Medizin revolutionieren wird. So rechnet die Unternehmensberatung Frost & Sullivan mit einem wahren Boom beim Europamarkt für Klinikinformationssysteme (KIS). Hier soll sich das Umsatzvolumen des Gesamtmarktes, der IT-Systeme für den medizinischen und den Verwaltungsbereich von Krankenhäusern umfasst, von 3,131 Milliarden US-Dollar im Jahr 2003 auf 6,343 Milliarden US-Dollar im Jahr 2010 mehr als verdoppeln. Das klinische Segment dürfte bis 2010 um jährlich 12,3 Prozent wachsen. “Dass gerade dieser Bereich den Anbietern die größten Wachstumschancen bietet, ist auf zunehmende Bestrebungen im Gesundheitswesen zurückzuführen, mithilfe von Systemen zur Unterstützung medizinischer Entscheidungen die Qualität zu erhöhen, klinische Abläufe zu verbessern und dringend erforderliche Kosteneinsparungen zu erreichen”, kommentieren die Analysten den Trend.

Tatsächlich gehören zu den klinischen Systemen, die auf besonders großes Interesse stoßen, Bild-Archivierungs- und -Kommunikationssysteme (PACS-Systeme – picture archiving and communication systems), Röntgeninformationssysteme (RIS – radiology information systems), elektronische Patientenakten (EMR – electronic medical records) und computergestützte ärztliche Leistungsanforderungssysteme (CPOE-Systeme – computerised physician order entry systems). “Im Rahmen der allgemeinen Entwicklung hin zu einem integrierten Gesundheitswesen werden klinische Systeme wie etwa elektronische Patientenakten eine wichtige Rolle bei der Verbesserung der Kontinuität der Betreuung spielen”, erwartete daher Siddarth Saha, Branchenanalyst bei Frost & Sullivan in einer entsprechenden Studie.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt. Die wachsende Einsicht, dass Behandlungsfehler und ineffiziente Abläufe in der Gesundheitsversorgung extrem hohe Kosten verursachen, könnte Frost & Sullivan zufolge ebenfalls zum Marktwachstum beitragen. So werde bereits heute stärker auf die Sicherheit der Patienten und die Datensicherheit geachtet – was die Nachfrage jener IT-Systeme erhöht, die Fehler und ineffizienten Abläufe vermeiden helfen. Den e-Healt Boom der Zukunft tragen zudem die politischen Weichenstellungen der heutigen Zeit. So gelten das National Programme for Information Technology (NPfIT) des National Health Service (NHS) in Großbritannien oder die von der EU-Kommission propagierte e-Health-Initiative als wichtige Antriebsmotoren für den globalen Trend im Klinikalltag.

Siemens erkennt die neue Zeit

Dass sich der Trend nicht umkehren lässt, zeigt auch der auf dem Gebiet der Medizintechnik tätige Siemens-Konzern. Im März dieses Jahres stellte das Unternehmen eine e-Health Strategie für Österreich vor, die hierzulande vielfach diskutierte elektronische Patientenakte ist darin als ELGA-Variante ein wichtiger Bestandteil innerhalb des kommenden e-Health Zeitalters. Ob auch jene von MEDoctor angebotenen Dienstleistungen eine Chance haben, bleibt freilich abzuwarten. Zumindest die Statistiken sprechen für die Prädiagnostik im Self-Service-Format: Kalifornischen Studien zufolge ließen sich in den USA 64 Prozent der Notaufnahmen vermeiden, wenn die Patienten die Dringlichkeit selbst einschätzen lernen und überprüfen könnten. Einzige Bedingung für einen solchen Durchbruch: Dienste wie MEDoctor müssten technisch für jedermann und jederzeit via WWW im vollen Umfang zu erreichen sein.

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