Der sexte Sinn

2. August 2007
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Dass Liebeslust und Geruchssinn symbiotisch verbunden sind, ist eine uralte Erkenntnis. Inzwischen fand diese wissenschaftlich Bestätigung. Leidenschaft nimmt ihren Anfang in der Nase, genauer am sexsten Sinnesorgan: Das vomeronasale Organ empfängt Pheromone und die winzigen Moleküle senden chemisch chiffrierte Signale mit großer Wirkung.

Was über die berühmte Chemie zwischen zwei Menschen mitbestimmt, sind Pheromone. Die unsichtbaren Kuppler locken in der Tierwelt und verführen auch uns. Sie treffen mitten ins Zentrum der Instinkte, ohne vorherige Zensur durch Bewusstsein und Intellekt – via Riechschleimhaut direkt in das Limbische System.

Liebe auf den ersten Riecher

Pheromone, intime Duft-Cocktails, haben einen enormen Einfluss auf unsere Empfindungen: Sie bestimmen, wer uns sympathisch ist und wen wir sexuell attraktiv finden. Von Pubertät an entsenden wir die erotischen Signale über unseren Schweiß, allen voran aus Achselhöhlen und Genitalbereich. Über fünfzig Pheromone wurden bislang beim Menschen entdeckt, die sexuell animieren – sei es zu Großtaten oder kurzweiligen Gefühlswallungen. Beispielsweise die Kopuline, die sich im Sekret der Vagina tummeln und die männliche Libido ankurbeln. Androstenone hingegen fördern die weibliche Bereitschaft zum Sex: Auf damit besprühte Stühle eines Wartezimmers setzten sich signifikant mehr Frauen als Männer. Weiterhin zeigte sich, dass Androstenone bei Frauen die Stimmungslage bessern und die körperliche Erregung steigern. Im Orchester der Lockstoffe spielen auch der Testosteron-Abkömmling “AND” sowie das Steroid “EST”, das Ähnlichkeit zum Östrogen besitzt. Ersteres wurde unter anderem im Schweiß von Männern nachgewiesen, letzteres im Urin von Frauen.

Ein Team um Doktor Ivanka Savic vom Karolinska Institut in Stockholm konnte zeigen, dass die beiden Stoffe so etwas wie eine “Kennung” für mögliche Sexualpartner darstellen: Riechen Frauen an AND, führt das zur Aktivierung des anterioren Hypothalamus, der unter anderem die sexuelle Aktivität steuert. Hält man Frauen hingegen EST unter die Nase, schweigen die Nervenzellen im Hypothalamus. Bei Männern ist es genau umgekehrt: Sie sprechen auf EST an, nicht aber auf AND. Homosexuelle Männer reagieren interessanterweise wie heterosexuelle Frauen und umgekehrt. Die von EST und AND vermittelten Signale funktionieren also unabhängig davon, ob man weiblich oder männlich ist.

Das sexste Sinnesorgan

Das der erotische Funke zünden kann, ist vor allem einem kleinem Sensor in der Nase zu verdanken: Dem vomeronasalen Organ, kurz VNO. Eingebettet in der Riechschleimhaut der vorderen Nasenscheidewand dient der winzige Blindschlauch als Empfänger für die Lockstoffe. Im Elektronenmikroskop unter die Lupe genommen, entpuppt sich das VNO als voll funktionsfähiges Sinnesorgan. Mittlerweile ist erwiesen, dass Pheromone das vomeronasale Organ beim Menschen tatsächlich stimulieren können.

Wie aber werden die Impulse der Luststoffe weitergereicht? Offenbar über Nervenverbindungen, die laut Professor Volker Jahnke, ehemaligem Leiter der HNO-Klinik an der Berliner Charité, zwischen VNO und Hypothalamus bestehen: “Elektronenmikroskopische Untersuchungen der Nasenschleimhaut liefern klare Hinweise dafür.” Auch die Beobachtung, dass Pheromone binnen einer zehntausendstel Sekunde messbare physiologische Veränderungen bewirken können, spricht für direkte Nervenbahnen zum Gehirn. Dort angekommen, werden die erotisierenden Impulse verarbeitet und die sexuelle Aktivität angeregt. Eine ganze Reihe von Indizien spricht also dafür, dass unser sexster Sinn in der Nase sitzt.

Sex-Appeal aus dem Flakon?

Ein Duft, der maximale sexuelle Attraktion verleiht – ein alter Traum. So macht sich die Parfümindustrie mit den Erkenntnissen über Pheromone eifrig ans Werk: Im Labor gewonnene menschliche Lockstoffe für den Sex-Appeal zum Auftragen. Erste Kreationen finden sich bereits, zu horrenden Preisen versteht sich, auf dem Markt. Was Experten von Pheromon-Parfüms halten, ist mit einem Wort gesagt: nichts. Deren Wirksamkeit entbehre jeder Grundlage und sei wenn, dann allenfalls in der Kraft der Suggestion begründet.

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