Rosige Aussichten für Ärzte

22. August 2007
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Beinahe acht Stunden täglich, fand das Universitätsklinikums Münster (UKM) in einem Testlauf heraus, könnte ein Arzt einsparen, wenn Mitarbeiter des Pflegepersonals einige seiner üblichen Aufgaben übernehmen würden. Beflügelt von diesen Aussichten begannen zunächst zwei Abteilungen am UKM, die Theorie in die Praxis umzusetzen - und verhalfen damit Ärzten zu mehr Zufriedenheit.

Keine Spritzen mehr setzen

Wäre nur ein Arzt auf einer klinischen Station beschäftigt, wäredieser Arzt den ganzen Tag – theoretisch acht Stunden lang – damit zuGange, Blut zu entnehmen, Infusionen zu legen und Medikamenteintravenös zu verabreichen. Dafür, kam der Vorstand am MünsteranerUniversitätsklinikum überein, sei die Arbeit von Ärzten einfach zuteuer. Und schließlich, erklärt Prof. Dr. Norbert Roeder, ÄrztlicherDirektor des UKM, hätte früher Tätigkeiten wie diese ohnehin dasPflegepersonal übernommen.

Der Entschluss, bestimmte Tätigkeiten, die derzeit Ärzteausführen, dem Pflegepersonal zu übertragen, war gefasst. Zwei Monatelang schulten UKM-Ärzte das dortige Pflegepersonal und führten es indie neuen Aufgaben ein. Es wurden Vereinbarungen getroffen, bei welchenArzneimitteln die Pflegekraft zum Einsatz kommen darf und bei welchenes Sinn macht, einen Arzt das Medikament verabreichen zu lassen. "Wirhaben die Aufgabenteilung nicht dogmatisch festgelegt, da man ingewissen Situationen spontane Entscheidungen treffen muss", berichtetMichael Rentmeister. Außerdem, sagt der Pflegedirektor am UKM, solltenjunge Ärzte manche Tätigkeiten ja auch noch lernen.

Der Kettenverlauf

Wenn Ärzte Aufgaben abgeben und Pflegekräfte diese Aufgabenübernehmen, bedeutet das für sie gleichzeitig zusätzliche Arbeit.Deshalb, erläutert Rentmeister, habe der Vorstand an dieser Stelleweitergedacht – "wir sind die Kette von oben nach unten durchgegangen".Auch das Pflegepersonal seinerseits sollte Aufgaben abgeben. So kamendie UKM-Mitarbeiter überein, dass sich Arzthelferinnen anstelle derPflegerinnen um den Transport von Patienten zur Röntgenabteilungkümmern könnten. Die Bestellung von Medikamenten, das Austragen desEssens oder die Organisation von Untersuchungsterminen könnten wiederumSekretärinnen anstelle der Arzthelferinnen übernehmen. Auf diese Weise,betont Rentmeister, fühlt sich keine Berufsgruppe überlastet.

Trotzdem steht am Ende des Kettenverlaufs die Notwendigkeit,das Personal aufzustocken. "Da wir jedoch keine neuen Ärzte einstellenmüssen, sondern beim ärztlichen Personal Geld einsparen, kann am Endesogar ein ökonomischer Gewinn stehen", gibt sich Rentmeisteroptimistisch. Damit sollte eine personelle Aufstockung im Pflegebereichoder bei den Schreibkräften kein Problem mehr sein.

Alle ziehen an einem Strang

Bis Ende August noch läuft auf zwei UKM-Abteilungen – in derdortigen Hautklinik und auf der Abteilung für Hämatologie und Onkologie- die Testphase. Roeder zufolge sind die Ärzte, die auf den Abteilungenarbeiten, "sehr zufrieden", schließlich spüren sie die Entlastung durchdie Umverteilung deutlich. Nach Auslaufen der Testphase werden dieErgebnisse evaluiert, dann wird das Kettensystem auf die restlichen 32Abteilungen der Universitätsklinik übertragen. "Alle warten bereitsdarauf, dass es losgehen kann", so Pflegedirektor Rentmeister.

"Medizin-light" oder sinnvolles Übertragen von Aufgaben?

Die Frage, wann und ob Tätigkeiten, darunter auch ärztliche,delegiert werden sollen, wird derzeit innerhalb verschiedenerGruppierungen im Gesundheitswesen kontrovers diskutiert. So hatten dieBundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und Vertreter des DeutschenPflegerates neulich kritisiert, "die Arztorientierung und damiteinhergehende Strukturhoheit der Ärzte auf allen Gebieten desVersorgungssystems" seien nicht geeignet, um neuen Herausforderungen imGesundheitswesen zu begegnen. Darauf hatten die Bundesärztekammer unddie Kassenärztliche Bundesvereinigung erwidert, Patienten zu behandelnund Krankheiten zu heilen seien originär ärztliche Aufgaben. Deshalbdürften Leistungen, die unter Arztvorbehalt stehen, nicht von anderenausgeführt werden. Gegen eine sinnvolle Zusammenarbeit derGesundheitsberufe spreche hingegen nichts.

Roeder stellt sich zunächst folgende Frage: Geht es um dasDelegieren ärztlicher Aufgaben oder geht es um das Übertragen nichtärztlicher Tätigkeiten? Jedes Krankenhaus müsste im Vorfelddiskutieren, wie weit es bei welchen Tätigkeiten gehen möchte. "Einedogmatische Äußerung halte ich in dieser schwierigen Frage für falsch",sagt er gegenüber DocCheck.

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