Echinacea: Doch mehr als Placebo

23. August 2007
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Erst vor zwei Jahren attestierten US-Forscher Echinacea allenfalls einen Placeboeffekt. Jetzt konnte eine Metaanalyse die große Fangemeinde des pflanzlichen Wirkstoffs bestätigen: Der als Immunmodulator bekannte Wirkstoff stärke das Immunsystem und halbiere das Erkältungsrisiko.

Pflanzliche Arzneimittel mit Echinacea sind so alt wie beliebt. Der Wirkstoff aus dem Sonnenhut wirkt gegen allerlei Krankheiten, von denen die meisten von uns immer wieder heimgesucht werden: Erkältungen, aber auch Harnwegsinfektionen und Wundheilungsstörungen bietet Echinacea Paroli.

Note: Teures Scheinmedikament

Umso überraschender kam vor zwei Jahren die Nachricht, die vorbeugende Wirkung pflanzlicher Produkte mit Echinacea ginge gleich gegen Null. Forscher der Universität von Virginia veröffentlichten ihre Studie im “New England Journal of Medicine“. Sie hatten 437 Personen Erkältungsviren in die Nase geträufelt. Die Hälfte der Versuchsteilnehmer erhielt anschließend Echinacea, die andere Hälfte Placebo. Das ernüchternde Ergebnis: In beiden Gruppen waren Erkältungen etwa gleich häufig. Im zweiten Teil der Studie wurden die Teilnehmer isoliert. Wieder erhielt die Hälfte das Immunstimulans, die andere Hälfte Placebo. Doch auch in den Symptomen und im Verlauf ließ sich kein Unterschied zwischen den Erkälteten nachweisen. Diese Ergebnisse schürten die wissenschaftliche Kontroverse um Echinacea und spaltete auch Triefnasen in treue Anhänger, Enttäuschte und jene, die schon immer nicht überzeugt waren.

Doch mehr als Placebo?

Jetzt scheint der Wirkstoff rehabilitiert zu sein: Craig Coleman der University of Connecticut School of Pharmacy und seine Mitarbeiter untersuchten den Effekt von Echinacea auf die Inzidenz und die Dauer von Erkältungen. Ergebnisse ihre Metaanalyse sind im Journal “Lancet Infectious Diseases” nachzulesen. Zugrunde lagen 14 randomisierte und placebokontrollierte Studien mit Ergebnissen von 1.356 Teilnehmern zur Anzahl von Erkältungen und 1.630 Teilnehmern zur Prävention von Erkältungen. Allerdings wiesen die Studien verschiedene Dosierungen des Pflanzenwirkstoffs auf. Auch Studiendauer und Species von Echinacea waren nicht einheitlich. Die Teilnehmeranzahl reichte von 40 bis 300 Teilnehmer.

Die Analyse ergab eine Reduktion des Erkältungsrisikos von 58 Prozent für Echinacea-Behandelte. Auch reduzierte der Wirkstoff die Dauer von Erkältungen, wobei das Ausmaß dieses Effekts verschieden war. Dies werten die Forscher als beweisend für die Wirksamkeit von Echinacea. Sie vermuten, dass aktive Komponenten in Echinacea, die Phenole, für die protektive Wirkung verantwortlich sind. Phenole stimulieren die Produktion von Zytokinen, auch bekannt als Tumor-Nekrose-Faktor-alpha (TNF-Alpha).

Die Forscher geben Schwachpunkte ihrer Analyse zu. Auch untersuchten sie nicht die Sicherheit von Heilmitteln mit dem Wirkstoff. Andere Wissenschaftler zweifeln die Metaanalyse an: Verschiedene Interventionen, verschiedene Populationen und verschiedene Messungen lassen sich schwer miteinander vergleichen, meint etwa Bruce Barrett von der University of Wisconsin. Der Echinacea-Skeptiker David Gangemi, der 2005 zu oben beschriebenen gegenteiligen Ergebnissen gekommen war, findet die Studie interessant, aber bei weitem nicht überzeugend.

Nicht für jedermann empfehlenswert

Wegen der vermuteten Wirkweise sind Echinacea-Präparate nicht für jeden geeignet. Gesunde Personen brauchen keine langfristige präventive Behandlung. Sinnvoll kann eine Einnahme von Echinacea-Produkten während der Wintermonate für Personen mit beeinträchtigter Immunfunktion sein. Bei Erkrankungen des Immunsystems wie Multiple Sklerose, HIV und rheumatoider Arthritis sind Echinacea-Supplemente allerdings nicht empfehlenswert. Denn hier fährt das Immunsystem bereits auf Hochtouren und sollte nicht zusätzlich angekurbelt werden, warnt Coleman. Auch kann Echinacea bei Kindern einen Hautausschlag auslösen. Nicht ratsam ist die Einnahme daneben in den ersten Monaten einer Schwangerschaft.

Unklar ist nach wie vor, welche Echinacea-Species gegen welche Viren-Species wirken. Über 200 Viren können Erkältungen verursachen, eine Studie kann jedoch nur eine Species untersuchen. Verwirrend ist daneben die Uneinheitlichkeit von Dosierungen, Infektionsbedingungen und -wegen sowie Studienpopulationen in den verschiedenen Untersuchungen.

Ja, soll man nun oder soll man nicht? Guter Rat scheint teuer. Coleman selbst jedenfalls will Echinacea auch in Zukunft eher nicht regelhaft einnehmen – zieht eine Behandlung aber immerhin in Erwägung, falls sich eine Erkältung anbahnen sollte. Das allerdings sei selten der Fall.

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